Zeitung Heute : Chancen auf Zeit

Jede dritte offene Stelle kommt aus der Zeitarbeit: Seit der Deregulierung 2004 boomt die Branche.

Seit die rot-grüne Bundesregierung 2004 die Deregulierung der Zeitarbeit auf den Weg brachte, ist die Branche im Aufwind. Bundesweit stellen mehr als 17 000 Personaldienstleister Mitarbeiter ein, um sie im Rahmen der sogenannten Arbeitnehmerüberlassung an andere Firmen zu verleihen. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, hat sich die Zahl der Zeitarbeiter seit 2004 fast verdreifacht. 2011 erreichte sie einen Höchstwert von rund 940 000 Beschäftigten. Im Januar dieses Jahres waren rund 800 000 Personen in der Branche beschäftigt.

Den größten Anteil der Zeitarbeitnehmer, etwa ein Drittel, machen Hilfsarbeiter aus, gefolgt von Fachkräften in Dienstleistungsberufen sowie in der Metall- und Elektroindustrie. Laut IAB ist die Zeitarbeit in der Metall- und Elektroindustrie rückläufig, während sie im Dienstleistungssektor stark wächst. Insgesamt steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften. Laut Bundesagentur für Arbeit hat die Zeitarbeitsbranche seit einigen Monaten den größten Bedarf an neuen Mitarbeitern: Jede dritte gemeldete Stelle kam aus dem Bereich der Zeitarbeit.

Die Zahlen für Berlin folgen dem Bundestrend. In der Hauptstadt ist die Zahl der Zeitarbeiter von 25 800 im Jahr 2006 auf rund 33 500 im Jahr 2011 gestiegen. Laut Bundesagentur für Arbeit bildeten Hilfsarbeiter 2011 auch in Berlin die größte Gruppe (rund 6000 Beschäftigte), gefolgt von Dienstleistungs- und Gesundheitsberufen. Der Personaldienstleister Randstad etwa beschäftigt im Großraum Berlin 2500 Arbeitnehmer und bietet derzeit 210 freie Stellen. Vor allem kaufmännisches Personal und Facharbeiter sind Randstad zufolge gesucht.

Zeitarbeit beziehungsweise Leiharbeit – die Arbeitsmarktforschung benutzt beide Begriffe synonym – ist für viele Unternehmen ein wichtiges Instrument, um auf Auftragsspitzen flexibel reagieren zu können. Auch das IAB sieht diesen Vorteil für die Unternehmen. Den häufigen Vorwurf, dass Zeitarbeiter im großen Ausmaß die Stammbelegschaft verdrängen würde, können die Wissenschaftler allerdings nicht bestätigen. Dafür gebe es empirisch keinen Beleg, sagt Florian Lehmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAB (siehe Interview).

Lehmer zufolge könnten die Zeitarbeitsfirmen in den kommenden Jahren Rekrutierungsschwierigkeiten bekommen. „Durch die demografische Entwicklung fehlen zunehmend Arbeitskräfte, die Mitarbeiterbindung wird für Unternehmen immer wichtiger“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter. Die Branche müsste außerdem attraktiver werden und die Stellung sowie die Entlohnung der Leiharbeiter verbessern.

Darauf drängen vor allem auch die Gewerkschaften, die mit der Branche hart abrechnen. Die IG Metall hat im März ihr „Schwarzbuch Leiharbeit“ veröffentlicht, in dem mehr als tausend Zeitarbeiter anonymisiert zu Wort kommen. Laut Detlef Wetzel, dem Zweiten Vorsitzenden der IG Metall, dient Leiharbeit längst nicht mehr zum Abfedern von Produktionsspitzen, sondern ist eine auf Langfristigkeit angelegte personalpolitische Strategie zulasten der Beschäftigten. Katja Gartz

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