Zeitung Heute : Chaos, Konfusion und immer mehr Verluste

Ralf Schönball

Missmanagement bei der IBAG und offen ausgetragene Differenzen mit der Bankgesellschaft Berlin droht der Immobilientochter des Konzerns hohe Verluste zu bescheren. Die teilweise chaotischen Zustände innerhalb des Unternehmens führen dazu, dass nicht einmal ein vollständiger Überblick der Zahlungseingänge besteht: Mietschulden bei den mehreren hundert Immobilien im Wert von weit über zwei Milliarden Mark im Eigentum der Bankentochter werden nicht fristgerecht erfasst. Teure Schlampereien außerdem: Fällige Kaufpreise und Handwerkerrechnungen werden nicht fristgerecht bezahlt, so dass der Bankengruppe hier Schadensersatzklagen oder zumindest Verzugszinsforderungen drohen.

Trotz des lässigen Umgangs mit dem Vermögen der Gruppe soll die IBAG von der Bank weitere Kredite erhalten. Doch hier entfachte sich ein Streit im Konzern über die Konditionen für eine Gewährung der Kapitalspritze. Die Banker verlangen eine "Einstellung der Geschäftstätigkeit", was aus Sicht der IBAG angesichts vieler halbfertiger Immobilienprojekte unmöglich ist.

Die dramatischen Zustände innerhalb der IBAG sowie die hohen Reibungsverluste bei der Abstimmung der Gesellschaft mit dem Bankenkonzern verwundern, weil BGB-Chef Wolfgang Rupf für den neuen IBAG-Vorstand Manager seines Vertrauens eingekauft hatte. Für ein jährliches Millionen-Salär verantwortet Reinhardt Gennies seit einigen Monaten das Geschäft der in Turbulenzen geratenen Immobiliengesellschaft. Ein Mangel an Personal in der Führungsetage kann nicht Ursache für die neue Krise der IBAG sein, denn der Vorstand wurde um zwei Köpfe erweitert. Die hohe Investition in das Humankapital wird aber mittelfristig keine Besserung der Verhältnisse nach sich ziehen, wie interne Unterlagen belegen, die dem Tagesspiegel vorliegen.

Aufträge an bekannte Anwälte

Darin heißt es: "Seitens Herrn Hansen und Gennies wurden die Probleme mit Verständnis aufgenommen, eine kurzfristige Lösung halten jedoch beide für nicht machbar." Stattdessen will Vorstandschef Gennies erst einmal den Personalaufbau fortsetzen und "drei bauerfahrene Projektentwickler einkaufen". Darüberhinaus sollen externe Berater aus Gennies Entourage lukrative Aufträge erhalten: "Das Vertragscontrolling (will Gennies; Anm. d. Red.) einen ihm bekannten externen Anwalt" übergeben. Das Reservoir an 1750 Mitarbeitern im Hause der IBAG reicht offenbar nicht aus. Oder es hat das Vertrauen der neuen Führungsriege verloren: Die Kündigungswelle rollt. Auch dadurch produziert das Unternehmen Kosten, weil einst leitende Angestellte aus ihren Verträgen mit Abfindungen teuer herausgekauft werden müssen.

Zu den Problemen, die nicht kurzfristig zu lösen sein sollen, zählt beispielsweise die Bezahlung von Handwerkern. Diese, offenbar von den Turbulenzen um den Bankenkonzern und deren Immobilientöchter aufgeschreckt, müssen Verzüge bei der Begleichung ihrer offenen Forderungen in Kauf nehmen. Wie internen Unterlagen zu entnehmen ist, reichen die IBAG-Mitarbeiter die Rechnungen der Handwerker zu spät beim Konzern ein, "häufig erst kurz vor Baustopp". Haben die Firmen aber erst einmal die Baustelle verlassen, wird die Fortsetzung des Projektes teuer.

Streit zwischen Bank und IBAG

Dabei mangelt es Bank und IBAG keineswegs an Geld, seitdem ihnen das Land mit einer Kapitalspritze aushalf. Die Ursachen sind vielmehr Konflikte zwischen Bank und Immobilientochter sowie schlampiges Management. Handwerker rufen mit überfälligen Forderungen in der Bank an, um ihre Schulden einzutreiben, doch dort liegen die Zahlungsaufträge der Immobilientochter nicht vor. Die Folgen: Überziehungszinsen, Verzögerung des Projektes und im Ergebnis dramatische Kostensteigerungen.

Dieselben Konsequenzen haben eine offenbar völlig ungeordnete Verwaltung von Kreditunterlagen und Kaufverträgen. Die hunderte von begonnenen Projekten im Bestand der IBAG befinden sich in unterschiedlichen Stufen der Realisierung: noch zu bebauende Grundstücke, nicht fertig gestellte Hochbauten, vermietete Immobilien - bei vielen Projekten sind noch Kaufpreise fällig. Bevor die Bank die entsprechenden Beträge überweist, verlangt sie von Immobilientochter IBAG die Kaufverträge. Doch diese Unterlagen werden den Bankangestellten zufolge nicht eingereicht oder entsprechende Kreditanträge gar nicht erst gestellt.

Dies führt "zu unnötig hohem Zeitdruck", wie Insider sagen - und treibt ebenfalls die Kosten in die Höhe. Denn in der Branche enthält nahezu jeder Kaufvertrag Vereinbarungen über Verzugszinsen, meist in zweistelliger Höhe. Fällig werden diese, wenn der Verkäufer alle Bedingungen erfüllt hat, der Käufer aber den vereinbarten Preis nicht auf das Konto des Notars bis zur vereinbarten Frist überweist.

Diese Abstimmungs- und Management-Fehler werden vom neuen IBAG-Vorstands-Chef Gennies so wörtlich "mit Verständnis" hingenommen. Unter Zeitdruck sieht sich der Spitzenmanager nicht: Vorsorglich kündigte er für das Unternehmen IBAG schon einmal "den Verlustschwerpunkt in 2002" an. Weitere zwei Jahre Zeit will sich Gennies für die Sanierung des erst Anfang des Jahres gegründeten Unternehmens nehmen. Dem Aufsichtsrat hatte die Bankgesellschaft im Juni noch einen Businessplanung für die IBAG vorgelegt, in dem "in 2002 bereits ein positives Ergebnis in Höhe von 22 Millionen Euro möglich" ist. Verabschieden sich die Banker von ihren Zielen kurzfristig, weil dank der Kapitalspritze des Steuerzahlers an den Bankenkonzern auch für Tochter IBAG wieder Bares fließt? Oder ist Gennies so gelassen, weil er einen langfristigen Anstellungsvertrag (fünf Jahre) bekam?

Immerhin scheinen nicht alle Mitarbeiter des Bankenkonzerns die lachse Linie der neuen IBAG-Führung hinnehmen zu wollen. Insidern zufolge kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen, insbesondere bei der Suche nach Verantwortlichen für die chaotischen Zustände. Bei einer Besprechung eines eigens für die Koordination der Geschäfte zwischen Mutter Bankgesellschaft und Tochter IBAG eingerichteten Teams musste Bankvorstand Hansen die Beteiligten anmahnen, "bei Gesprächen auf einen angemessenen Ton zu achten." Hintergrund für den Zwist dürften auch harte Verhandlungen über Konditionen sein, die die Banker in die Verträge über neue Kredite für die IBAG niederlegten.

Offenbar verlangen die Banker von den IBAG-Managern die "Einstellung der Geschäftstätigkeit". Anders ausgedrückt: Voraussetzung für neues Kapital ist die Stillegung der Arbeit an laufenden Projekten. Dem kuriosen Ansinnen hielt die IBAG entgegen: Wie sie denn die Zinsen für den Kredit und die Kosten für den Betrieb ihres Unternehmens zahlen soll, wenn sie keine neuen Geschäfte machen darf.

Die Antwort der Banker hätte einfach sein können: Die IBAG möge erst einmal sicher stellen, dass die Mieten aus ihrem großen Immobilien-Vermögen fließen. Doch diese grundlegenden Schularbeiten wollen die IBAG-Manager nicht machen: Sie sähen sich nicht in die Lage, die Mietrückstände in ihren Immobilien bis zum 20ten jeden Monats zu melden. Was wie eine kleine Nachlässigkeit klingt, kann angesichts der Immobilien im Wert von mehreren Milliarden Mark eine Vernichtung von Millionen-Einnahmen bedeuten. Die lapidare Begründung für die schlampige Verwaltung des Eigentums: Eine solche "Berichterstattung" sei "aufgrund technischer Unzulänglichkeiten vorerst nicht darstellbar".

Chaotische Konto-Verwaltung

Doch die wirklichen Ursachen sind nicht etwa Mängel an einer Software, sondern chaotische Zustände: Die neuen Manager haben bisher keinen vollständigen Überblick über die Überweisungen der Mieter ihrer Immobilien sowie über die dazu eingerichteten Konten. Es gilt Prinzip Hoffnung: Ein interner Vermerk hält fest, dass "unter Umständen sogar noch Gelder auf Mietkonten zur Verfügung" stehen könnten. Wie viel da ist, und wer die Konten verwaltet, das ist den Unterlagen nach zu urteilen ein Geheimnis - sogar für den Eigentümer der Konten: die IBAG. Während das Sanierungskonzept für die IBAG Mitte des Jahres noch von der Hoffnung getragen war, dass andere Banken der Gesellschaft Kredite geben könnten, zerschlägt sich auch diese Erwartung nun. Illusionslos hält ein Mitarbeiter für den Vorstand fest: "Im Übrigen wird auch eine Kreditgewährung durch Drittbanken eher skeptisch gesehen". Die Schuld daran gibt er nicht den Missständen bei dem Unternehmen IBAG. Die Zurückhaltung sei vielmehr darauf zurückzuführen, dass Kreditinstitute "auf die Bankgesellschaft Berlin insgesamt achten". Und deren Führung erntet in Frankfurter Bankerkreise inzwischen nur noch ein Kopfschütteln.

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