Zeitung Heute : Charakter zeigen, den Kopf riskieren

FREDERIK HANSSEND

Mime hieß ein mürrischer Zwerg“ – wenn es jemanden gibt, auf den Siegfrieds Beschreibung seines Ziehvaters nun absolut nicht passt, so ist das Burkhard Ulrich. Der 41-jährige Tenor ist nämlich nicht nur ein höchst angenehmer Zeitgenosse, sondern, verglichen mit seinen Stimmfachkollegen, auch ein wahrer Hüne. Und dennoch wurde der giftige Gnom zu seiner Schicksalsrolle: Als er 1999 Mime erstmals in Kiel sang, in Kirsten Harms’ legendärem, bühnenbildlosen „Ring des Nibelungen“, saß auch Eva Wagner-Pasquier im Publikum, die Komponisten-Urenkelin, die gerade eine Besetzung für den „Ring“ in Aix-en-Provence zusammenstellte. Und weil die Berliner Philharmoniker samt Simon Rattle zum Team dieser Prestigeproduktion gehörten, sprangen neben den Abenden in Südfrankreich auch noch Aufführungen bei den Salzburger Osterfestspielen sowie in der Philharmonie heraus. Mit diesem Dreifach-Engagement katapultierte sich Burkhard Ulrich endgültig in die erste Reihe der Charaktertenöre.

Für die meisten Männer, die von der Natur mit einer hohen Stimme beschenkt wurden und aus dieser Gabe ihren Beruf gemacht haben, gilt der Mime nur als zweite Wahl. Sie wollen Tamino sein oder Radames, wollen lyrisch schmachten oder heldisch schmettern – und auf jeden Fall den meisten Applaus einheimsen. Ins Charakterfach wechseln sie erst, wenn die Kraft der Stimmbänder nachlässt. Burkhard Ulrich denkt da ganz anders: Er hat sich schon während des Studiums ganz bewusst entschieden, dass er kein Ritter vom hohen C werden wollte. Weil ihm die glänzenden Tenorrollen einfach zu langweilig sind. Weil er vielschichtige, undurchschaubare, verschlagene Typen darstellen will. Auch wenn er in den meisten Opern dafür eben die Nebenrollen singen muss.

In seiner Jugend ist ihm das ganze Genre sowieso suspekt. Die Musik, die Burhkard Ulrich interessierte, wird nicht in Theatern gespielt. Sondern in der Kirche. Oder in verräucherten Bars. 1968 in Aachen geboren, verbringt er seine Kindheit im Rheinland. Weil sich seine Eltern in einem Laienchor kennengelernt hatten, animieren sie auch den Sohn zum Singen. Mit 15 Jahren lautet sein Berufswunsch Organist, später gründet er mit Kumpels die Band „Scooper“. Schließlich bewirbt er sich an der Kölner Musikhochschule im Fach Gesang, will Oratorienspezialist werden – und leckt dann doch Musiktheaterblut. Sein erstes Engagement bekommt Ulrich in Koblenz, zwei Jahre später wechselt er nach Kiel. Von hier gelingt ihm 2001 der Sprung in die Hauptstadt. Das Haus in der Bismarckstraße schätzt er seitdem als künstlerische Heimat. Weil er die Arbeit im Ensemble braucht. Er ist davon überzeugt, dass sich szenische Intensität nur dann im Opernalltag halten lässt, wenn ein fester Kollegenstamm zusammenarbeitet, wenn sich die Sänger abends aufeinander verlassen können.

Dass es zu seinem Job gehört, regelmäßig Minirollen zu übernehmen, findet er okay. Weil er eben auch immer wieder mit seinen Lieblingspartien belohnt wird. Der Hexe in „Hänsel und Gretel“ beispielsweise – oder eben mit Loge und Mime, den beiden Charaktertenor-Rollen im „Ring des Nibelungen“. Dass der neue Chefdirigent Donald Runnicles die Tetralogie im April zweimal leiten wird, freut Ulrich ganz besonders. 2006, als Runnicles bei seinem ersten Berliner „Ring“ einen so guten Eindruck hinterließ, war der Tenor bereits als Mime dabei. Den Feuergott Loge singt er jetzt zum ersten Mal an der Deutschen Oper. Sich in die uferlosen Wagnerschen Klangwogen zu stürzen, gehört übrigens auch privat zu Burkhard Ulrichs Vorlieben. Mehrfach hat er bereits mit Freunden den ultimativen Härtetest für alle Wagnerianer bestanden: die ganzen 16 Stunden der Tetralogie hintereinander an einem Stück anzuhören.

FREDERIK HANSSEN

Erster Zyklus: 17., 18., 21. und 25.4., zweiter Zyklus: 28., 29., 30.4. und 2.5.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!