Zeitung Heute : Charité will Schlaganfall-Patienten „angemessen“ behandelt haben

Der Tagesspiegel

Die Geschichte des Gerhard S., der in der vergangenen Woche einen Schlaganfall erlitt und über acht Stunden auf eine Behandlung warten musste (siehe Tagesspiegel von Montag), sei ein unglücklicher Einzelfall, heißt es in der Senatsgesundheitsverwaltung. Grundsätzlich sei die Notfallversorgung in Berlin flächendeckend und ausreichend. Natürlich seien aber zu Stoßzeiten eventuelle Engpässe nicht auszuschließen.

Der ärztliche Direktor der Charité, Manfred Dietel sagte am Montag, eine Überprüfung des Falles von Gerhard S. habe im Nachhinein ergeben, dass dieser angemessen behandelt worden sei. Er habe nicht auf seine Behandlung, sondern auf den Befund warten müssen. Im übrigen habe sein Zustand nicht auf einen Notfall hingewiesen.

In den zehn Berliner Vivantes-Kliniken dagegen seien stundenlange Wartezeiten für Schlaganfall-Patienten undenkbar, sagt Sprecherin Fina Geschonnek. „Unsere interne Leitlinie für Schlaganfall-Patienten sieht vor, sie innerhalb einer Stunde nach Einlieferung zu untersuchen, die Behandlung sollte spätestens nach drei Stunden eingeleitet sein.“ Das ein Patient mit Schlaganfall an ein weiteres Krankenhaus verwiesen werde, sei auch bei ausgelasteten Kapazitäten nicht denkbar. Nach Einschätzung der gesundheitspolitischen Sprecherin der PDS, Ingeborg Simon, ist die Notfallversorgung in Berlin derzeit zwar ausreichend, doch fehle ein vernünftiges Konzept.

Schon 1998 habe das Abgeordnetenhaus eine Novellierung der Berliner Notfallversorgung gefordert, doch geschehen sei bislang wenig. Werde ohne dieses Konzept in Zukunft weitergespart, würden lange Wartezeiten und schlechte Kommunkation in den Berliner Notaufnahmen gefördert. Das beweise dieser Fall auf alarmierende Art und Weise.

Auch die Leiterin des Gesundheitsdienstes bei der Vereinten Dienstleistungsgesellschaft Verdi, Cornelia Zarnke, hält eine genauere Prüfung der Sparmaßnahmen für nötig. Die Politik müsse genau hinsehen, in welchem Bereich Betten eingepart werden. Die Notfallmedizin sei dafür der falsche Ort. Auch sei es bei den Berliner Krankenhäusern dringend nötig, die internen Abläufe zu optimieren.

Fast 40 Krankenhäuser stehen laut Senatsgesundheitsverwaltung für die Aufnahme von Notfallpatienten bereit. Die Notfallmedizin sei von den Sparmaßnahmen nicht betroffen. Gerade auf Schlaganfallpatienten sei man mit den vor kurzer Zeit eingerichten „Stroke Units“ (Schlaganfall-Abteilungen) bestens vorbereitet.

Davon hatte der Schlaganfallpatient Gerhard S. wenig, denn er wurde nach mehrstündiger Wartezeit in die chirurgische Augenklinik des Virchow-Klinikums verlegt. Annekatrin Looss

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