Charles und Ray Eames : Eames ins Netz gegangen

Er wurde zum Popstar unter den Designern: Weil Charles Eames seine Arbeiten in vielen Zeichnungen, Fotos und Videos dokumentierte, ließ sich nun sein Werk ideal ins Internet stellen. Bilder einer erstmals öffentlichen Homestory.

Museumsreif. Das Haus des Ehepaars Eames in Los Angeles
Museumsreif. Das Haus des Ehepaars Eames in Los AngelesFoto: Getty Images

Der amerikanische Designer Charles Eames hat die Ästhetik von Sitzmöbeln revolutioniert, der Rapper Ice Cube die Hörgewohnheiten von Popmusik. Er war in den 80er Jahren Mitglied der berüchtigten Hip-Hop-Gruppe „NWA“ (Niggaz with Attitude) und schrieb Songs wie „Straight Outta Compton“, die seine Ghettoherkunft stilisierten. Rund 25 Jahre später ist er selbst zu einer Stilikone geworden und verbeugt sich vor Eames. Mit verschränkten Armen sitzt er in einem Fiberglasstuhl, blickt Richtung Himmel und zieht an einer Pfeife – die exakte Nachstellung eines Bildes von Eames aus den 50er Jahren, mit der Ice Cube für eine Kunstausstellung in Los Angeles warb.

Das Original wurde im Blognetzwerk tumblr tausendfach reproduziert. Es ist kein Zufall, dass das Erbe von Charles und Ray Eames, dieser außergewöhnlichen Paarung eines Architekten und einer Malerin, im Internet weitergetragen wird wie das von wenigen anderen Designern. Ein Grund: Vieles, was die Eheleute taten, dokumentierten sie oder ließen es dokumentieren – passend für die sozialen Netzwerke der Gegenwart. Die Vorstellung des ikonografischen Lounge Chairs findet sich ebenso auf der Videoplattform Youtube wie ein Film, den die beiden Künstler seinerzeit mit Spielzeugeisenbahnen drehten („Toccata for Toy Trains“).

Kürzlich öffnete nun die Zeitschrift „Life“ ihr Fotoarchiv und stellte über Google Dutzende Bilder einer Homestory von 1950 ins Netz (siehe links). Auf den Fotos sieht man die Möbel, vor allem aber das Haus, das Charles Eames in Pacific Palisades, einem Stadtteil im Westen von Los Angeles, bauen ließ. Wie der Meister des funktionalen Designs wohnte, interessiert die Nachwelt bis heute. Sofort gelangten die Bilder in diverse Blogs, natürlich auch in jene, die sich exklusiv dem Designer widmeten wie „Chairstalker“ oder „Fuck Yeah Charles Eames“. Die Aufnahmen stammen von Peter Stackpole. Der Fotograf schoss sie kurz nach Fertigstellung des Hauses.

Es ist noch fast leer, man erkennt gut die Idee hinter der Gestaltung. Charles Eames wollte ein einfaches, aus vorgefertigten Komponenten gebautes Haus, das sich in die Hügellandschaft um Los Angeles einfügte. Im Prinzip verband er zwei Rechtecke mit einem Stahlrahmen und füllte die Zwischenräume mit Glasflächen und farbigen Paneelen. Das Ergebnis erinnert an die Ideen der Bauhaus-Architektur, hat aber auch etwas Japanisches. Um den kargen Duktus zu brechen, arbeitete er im Inneren mit Holz. Das ist auf den Schwarz-Weiß-Bildern Stackpoles nur zu erahnen. Zu sehen ist indes: Ray Eames sitzend, wie ihr Ehemann mit streng geschlossenem Kragen. Charles Eames, wie er an Pappkartonprototypen einer neuen Spielzeugserie arbeitet. Die Wendeltreppe, die sich keck ins Obergeschoss windet.

Wenn wir die Bilder heute betrachten, fällt auf: Gutes Design behält seine Gültigkeit. Dass die Bilder mehr als 70 Jahre alt sind, bemerkt man kaum. Für diese Zeitlosigkeit spricht, dass die Möbel der beiden immer noch Dauergast in den einschlägigen Magazinen sind. Über die Jahre erfuhren sie zarte Updates: Der Plastic Side Chair und der Plastic Arm Chair, die beiden 1950 entworfenen und am weitesten verbreiteten Eames-Designs, werden mittlerweile nicht mehr aus Fiberglas, sondern aus Polyethylen gefertigt. Das ist haltbarer und preisgünstiger.

Gutes Design darf verspielt sein. Die Motive des Ehepaars zieren Memorykarten und Steckspiele. Die Entwürfe nahm der Visionär nie bierernst: So ließ er für die „Life“-Fotostrecke einen befreundeten Künstler nackte Frauen in die Sitzschalen skizzieren. Nackte Frauen! Einfach so hingeschmiert! Das würde sich heute kein Möbeldesigner mehr trauen.

Dabei ist Design für den Menschen, seine Launen und Bedürfnisse da – nicht umgekehrt. Zur Beweisführung dienen hier weniger die Fotos, die Eames um 1950 zeigten, als jene, die später entstanden. Das Haus, im Blütenmeer hunderter Blumen. Das Wohnzimmer, in dem sich die Spuren des Lebens abbilden: Kissen, Bücher, und ja, auch Nippes.

Vor einigen Jahren ließ man eine frühere Bedienstete den Frühstückstisch im Eames House decken. Die einzige Anweisung: „Machen Sie es so, wie Ihr Chef es wollte.“ Und der wollte es bunt. Da finden sich Porzellanteller im Zwiebelmuster, rot-weiß karierte Servietten, bunte Kerzenhalter, verschiedene Gläser. Es ist ein heiterer Sommertisch, an dem man sich sofort niederlassen möchte. Schade, dass das im Internet nicht geht.

Mehr über Eames im Internet kann man finden unter: aqua-velvet.com, fuckyeahrayandcharleseames.tumblr.com oder chairstalker.tumblr.com.

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