Zeitung Heute : Chauffieren

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Auch Paul kennt diese Tage, an denen man besser den Kopf unter dem Kissen gelassen hätte. Auch Pubertisten haben solche Tage. Vergangenen Sonntag, vor dem Schreibtisch des Vaters (darauf, immer noch, überquellende Aschenbecher, leere Kaffeetassen, Papiere, Papiere, Papiere). „Papa, ich muss zum Fußball, kannst du mich fahren?“, fragte Paul. Der Vater schaute auf, Wirrnis im Blick. „Keine Zeit, Paul“, stammelte er, „keine Zeit. Die Welt ist leer, ich bin nicht lebend mehr.“

„Oh Mann“, sagte Paul, „ich sagte es schon, diesem Zimmer, diesem Vater würde Sauerstoff gut tun.“

Also fuhr der Vater. „Zur Chamissostraße muss ich“, sagte Paul. Der Vater schaute in den Stadtplan. „In Spandau?“, fragte er. „Ja, genau“, sagte Paul. In der Chamissostraße in Spandau ist weit und breit kein Fußballplatz. Der Vater schaute in den Stadtplan. „In Buchholz gibt es auch noch eine Chamissostraße, am anderen Ende der Stadt“, sagte er. „Ja, genau“, sagte Paul, „wir spielen auch gegen den SV Buchholz.“ Der Vater schaute auf, Wirrnis im Blick. „Die Welt ist leer, ich bin nicht lebend mehr“, sagte er. „Ist übrigens von Chamisso, Adelbert von Chamisso.“ „Schön für Adelbert", sagte Paul, „wenn ich Adelbert hieße, wäre ich auch nicht lebend mehr.“

Der Vater fuhr nach Buchholz. Quer durch die Stadt. „Paul, schau in den Stadtplan, ich brauche deine Hilfe“, sagte er. „Wenn ich im Auto lese, wird mir schlecht“, sagte Paul. „Soll ich Stadtplan lesen, schalten, lenken, rauchen, Chamisso zitieren? Und wer fährt dann?“, fragte der Vater. Paul schaute in den Stadtplan. Paul wurde schlecht.

Berlin ist groß. Der Vater fuhr. Paul stöhnte seine Anweisungen. An der Chamissostraße in Buchholz gibt es einen Fußballplatz. Sogar einen Rasenplatz. Es gab nur keine Mannschaft. Weder eine vom SV Buchholz, noch eine von Paul. „Und nun?“, fragte der Vater. „Und nun weiß ich auch nicht“, sagte Paul. Der Vater und Paul machten sich auf den Heimweg.

Der Heimweg führte über den Prachtboulevard. Paul war schlecht. Am Prachtboulevard neben den Linden liegt ein Auktionshaus. Vor dem Auktionshaus kam der Vater im Ampel-Rückstau zum Stehen. Paul sprang aus dem Auto. Paul hockte sich unter die Linde vor dem Auktionshaus. Von innen schallte die Stimme des Auktionators auf den Prachtboulevard. Die Sonne kam raus. „Ich halte elfhundert Euro für dieses schöne Stück an diesem schönen Tag für einen fairen Preis“, sagte der Auktionator. Paul hockte unter der Linde. Es gibt Tage, dachte der Vater, die sind einfach zum Kotzen. Paul kam zurück und langsam auch die Farbe in sein Gesicht. Daheim klärte sich, wo das Fußballspiel war. Es war kurzfristig verlegt worden, der Trainer hatte das angekündigt, Paul die Ankündigung aber nicht mitbekommen. Wahrscheinlich, weil er mit dem Kopf unter dem Kissen war. Paul grinste schon wieder. „War doch nicht schlecht so für dich“, sagte Paul, „auf diese Weise bist du auch mal wieder rausgekommen und hast Sauerstoff gekriegt. War mal wieder nötig.“

Man könnte mal wieder Adelbert von Chamisso lesen: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Oder die Geschichten von Paul: „Der Pubertist. Überlebenshandbuch für Eltern“. Rowohlt-Verlag.

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