Zeitung Heute : Chefin auf Zeit

Zeitung machen oder Kinder hüten: Wie Studierende in Praxis-Projekten Erfahrungen sammeln können

Karin Schädler
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Den Überblick behalten. In ihrem Praxis-Projekt organisierte Susanne Zindler, Studentin der Sozialwissenschaften, ein...

Susanne Zindler ist eine angenehme Chefin. Auch als es Probleme gibt und in letzter Minute umgeplant werden muss, behält die 23-Jährige den Überblick beim Beachvolleyball-Turnier „Blue Ant Cup“. Kurze Zeit später stehen die ersten Spieler auf dem Spielfeld in Berlin-Mitte. Alle 46 Teilnehmer sind Mitarbeiter von Berliner und Brandenburger Unternehmen. Doch was wirkt wie das Werk professioneller Projektmanager, ist das Ergebnis eines Praxisseminars an der HU.

Etwa 40 Praxisseminare bietet das Career Center der HU pro Semester an, bei einigen davon ist ein Unternehmen Projektpartner. Für das Beachvolleyball-Turnier ist es die Proventis GmbH. Sie steuert den Dozenten und die Software bei und fungiert als Auftraggeber. Zindler, die Sozialwissenschaften studiert, findet es wichtig, an etwas mitzuarbeiten, das auch tatsächlich durchgeführt wird. Dann nehme man das Projekt automatisch ernst. „Denn die Menschen, mit denen man als Kunden oder Partner Kontakt aufnimmt, sind real.“

Als Leiterin des Turnier-Teams war Zindler hauptsächlich für die Kommunikation mit Proventis zuständig. Die Sponsoren suchte das studentische Finanzteam, um die Werbung kümmerte sich das Marketing-Team. Die Posten der Teamleiter waren schnell verteilt. Zindler liegen Leitungsaufgaben, das wusste sie. Vielen Studierenden ist allerdings nicht so klar, welche Rolle sie spielen wollen. Die Praxisseminare sollen auch helfen, das herauszufinden.

Insgesamt 30 Studienpunkte müssen Bachelor-Studierende mit Seminaren zu „berufsfeldbezogenen Zusatzqualifikationen“ erwerben. Die Wahlfreiheit ist groß, denn auch die Lehrstühle selbst bieten dafür Seminare an und die Kurse des Career Centers reichen von Personalmanagement, Fundraising und Existenzgründung bis zu Rhetorik und Interkultureller Kompetenz. Ein Teil davon soll Medienkompetenz vermitteln, ein anderer Fähigkeiten im Management. Bei fast der Hälfte der Kurse geht es gezielt um soziale Kompetenzen.

Physikstudentin Dorothee Braun sieht das als eine willkommene Abwechslung zu ihrem Studium. „Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie Studierende aus anderen Fachrichtungen an die Dinge herangehen“, sagt die 21-Jährige. In ihrem Studienfach gehe es darum, so schnell wie möglich eine Lösung für ein konkretes Problem zu finden. Geisteswissenschaftler dagegen wären bessere Teamarbeiter. Braun hat den Kurs „Interkulturelle Kompetenz“ besucht, durch den sie „wirklich über den eigenen Tellerrand“ geblickt habe.

Auch neben den Seminaren des Career Centers gibt es an der Humboldt-Universität viele Möglichkeiten, sich in potenziellen Berufsfeldern auszuprobieren. „Aber man muss schon von sich aus aktiv werden“, sagt Margarete Stokowski, Chefredakteurin der Studierendenzeitung „Unaufgefordert“. Stokowski weiß, dass es für viele Studierende eine Frage der Zeit ist. „Wenn man bei uns intensiv mitmacht, geht das nicht länger als ein bis zwei Jahre, sonst leidet das Studium“, sagt die 23-jährige Philosophie-Studentin.

Bei der „Unaufgefordert“ können die Studierenden lernen, wie ein komplettes Heft entsteht, von der Recherche und dem Layout bis zu Druck und Vertrieb. „Wir machen alles selbst, das ist der große Unterschied zu einem Praktikum bei einer professionellen Zeitung“, sagt Stokowski. Journalistische Erfahrung müssen die Teilnehmer nicht haben. „Eigentlich muss man nur lesen und schreiben können“, sagt Stokowski.

Studierende aller Fachrichtungen sollen auch die „Projekttutorien“ an der HU ansprechen. Wer sich als Dozent ausprobieren möchte, kann selbst ein Konzept für eine Lehrveranstaltung entwerfen und sich damit bewerben. 12 Tutoren-Stellen werden pro Semester vergeben. „Es soll wirklich ein Angebot von Studierenden für Studierende sein“, sagt Maria Riedel, im Referat Programmentwicklung für die Projekttutorien zuständig. Bachelor-Studierende können sich frühestens ab dem dritten Semester bewerben. Tutoren werden bezahlt wie Hilfskräfte.

Im Telefon-Labor des Instituts für Sozialwissenschaften werden Befragungen für wissenschaftliche Studien durchgeführt. „Die Studierenden haben hier wirklich die Möglichkeit, die Forschungspraxis kennenzulernen“, sagt Martin Groß, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut. Generell lerne man, wie Fragen in einer Studie gestellt werden – und wie ein Forschungsprojekt funktioniert.

Ganz besonders sinnvoll sei ein Job im Telefon-Labor für Studierende, die später in der empirischen Sozialforschung arbeiten möchten. Obwohl das Engagement im Labor den Studierenden nützt, werden sie bezahlt. „Denn wir machen hier reale Studien“, sagt Groß. Je nachdem, welches Projekt im Telefon-Labor ansteht, werden studentische Mitarbeiter für längere Zeit oder nur für ein paar Wochen gesucht. Bevor es mit der Arbeit losgeht, werden sievon Profis geschult.

Andere Praxis-Projekte an der Humboldt-Universität werden ganz von Studierenden betrieben, etwa die des ReferentInnenrates. Neben einem Kinoklub und einem „Medienraum“, in dem Studierende selbst produzieren können, gibt es den Kinderladen „Die Humbolde“. Er soll gewöhnliche Kitas ergänzen, deren Öffnungszeiten oft nicht mit Lehrveranstaltungen am späten Nachmittag oder am Abend vereinbar sind. Vor allem werden hier Kinder von Studierenden betreut. Und in jedem Team arbeitet mindestens eine professionelle Erzieherin oder Sozialpädagogin – einige von ihnen absolvieren ein Zweitstudium an der HU.

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