Zeitung Heute : Chefs kriegen nix

Die taktvolle Art, Trinkgeld zu geben

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Herr Isler, Sie lehren moderne Umgangsformen. Welche Bedeutung hat das Trinkgeldgeben heute?

Trinkgelder gehören unbedingt immer noch zum guten Ton, auch wenn die Menschen sparsamer geworden sind. Allerdings hat sich der Brauch modifiziert. Heute ist es nicht mehr obligatorisch, Trinkgeld zu geben, man gibt es nur noch, wenn man mit der Leistung zufrieden war.

Und wie lässt sich Trinkgeld formvollendet loswerden?

Falls man dem Zimmermädchen im Hotel etwas zukommen lassen möchte – eine Geste, die ich für selbstverständlich erachte – legt man es dezent auf den Nachttisch. Beim Kofferträger macht man „die hohle Hand“, wie es früher hieß. Man überreicht es ihm also persönlich. Trinkgeld im Umschlag an der Rezeption zu hinterlassen, mag in manchen Ländern zwar als diskreter gelten, in Europa ist das aber die unhöflichere, weil unpersönlichere Variante. In Amerika dagegen darf man es auch per Kreditkarte geben.

Wer bekommt Trinkgeld, wer nicht?

Beamte auf keinen Fall, beispielsweise für einen vorderen Platz in der Warteschlange auf dem Amt, das hätte was von Bestechung. Dem Chef, also zum Beispiel dem Inhaber eines Ladens, gibt man auch nichts, das wiederum hätte etwas Herablassendes. Friseure und Kellner bekommen auf jeden Fall Trinkgeld. Man sollte auch immer Kleingeld parat haben für Leute, die das Auto in der Garage parken oder für Balljungen beim Tennis, 50 Cent oder einen Euro. Butlern sollte man übrigens niemals Trinkgeld anbieten!

Gibt es Höchstgrenzen?

50 Euro wären zu viel. Das wirkt beleidigend, weil es unverhältnismäßig ist. Die Leistung kann damit nicht mehr gemeint sein. Der Geber demonstriert taktlos, dass er mehr Geld hat als der Empfänger. Fragen: Maxi Leinkauf

Peter Isler , 55, ist Absolvent der Londoner „Ivor Spencer International School for Butler Administrators“. Er leitet die „Schule für Stil und moderne Umgangsformen“ in Bottmingen, Schweiz.

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