Zeitung Heute : Chemie für die Seele

Der Tagesspiegel

Von Adelheid Müller-Lissner

Die Zahlen erschrecken: Jeder zehnte Bundesbürger macht einmal im Leben eine Depression durch, bei der er eigentlich professionelle Hilfe bräuchte. Doch nach Schätzungen von Psychiatern wird das nur bei jedem Zweiten erkannt. „Und wiederum nur die Hälfte von ihnen wird richtig behandelt“, beklagt der Münchner Psychiatrie-Professor Hans-Jürgen Möller.

Was aber ist in diesem Fall „richtig“? In der Behandlung spielen – neben der Psychotherapie – Medikamente eine wichtige Rolle. Seit 50 Jahren gibt es Antidepressiva, deren Wirkung darauf beruht, dass sie die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin im Gehirn aufpeppen. Wenn diese Neurotransmitter, die für die Übertragung elektrischer Impulse im Gehirn sorgen, ihre Wirkung nicht voll entfalten können, beeinträchtigt das den Signalaustausch zwischen den Nervenzellen, was mit einer Depression einhergehen kann.

Fehlende Botenstoffe

Bestimmte Antidepressiva, die Mao-Hemmer, blockieren deshalb das Enzym Monoaminoxidase, das am Abbau der Botenstoffe beteiligt ist. Auch „Wiederaufnahmehemmer“ sorgen dafür, dass die Botenstoffe länger aktiv bleiben – die Depression geht zurück.

Doch trotz dieser Erfolge stellt der klinische Pharmakologe Ivar Roots von der Berliner Charité nüchtern fest: „Es ist deprimierend, was gegen Depressionen an Arzneitherapie geboten werden kann.“ Verbesserungen erhofft er sich von der Genforschung, die zu individuelleren Therapien führen soll. Nicht allein die Nebenwirkungen sind das Problem. Sorge macht den Medizinern auch die Gruppe derjenigen Patienten mit einer lang anhaltenden Depression, deren Zustand sich nach der Einnahme eines dieser Medikamente überhaupt nicht bessert.

Eine neue Studie, veröffentlicht in den „Archives of General Psychiatry“, zeigt nun, dass bei dieser schwer behandelbaren Gruppe die Erfolgschance mit dem Wechsel von Medikamenten steigen könnte. Die 168 chronisch depressiven Patienten waren zwölf Wochen lang entweder mit dem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Sertralin oder mit dem Antidepressivum Imipramin behandelt worden – ohne Erfolg. Im Anschluss an diese Behandlungsphase wurde allen für weitere zwölf Wochen das jeweils andere Medikament gegeben. Das Ergebnis: Beide Patientengruppen zeigten nach dieser zweiten Behandlung eine deutliche Besserung, gemessen mit der Hamilton-Depressions-Skala und anhand des allgemeinen klinischen Eindrucks.

Aufsehen hatte – wie berichtet – erst kürzlich eine Studie erregt, bei der Sertralin als Kontrollmedikament gegen Johanniskraut eingesetzt wurde. Im Auftrag der amerikanischen Gesundheitsbehörde wurden in einer kontrollierten klinischen Studie dafür insgesamt 340 Patienten acht Wochen lang behandelt, und zwar in drei Gruppen unterteilt: Mit einem Johanniskraut-Extrakt, mit einem Scheinmedikament oder mit dem anerkannten Antidepressivum Sertralin. Ziel der Studie war es, Genaueres über den Nutzen von Johanniskraut zu erfahren. Das Kriterium dafür bestand in der Verminderung der Symptome und in der Anzahl der Patienten, die nach acht Wochen völlig wiederhergestellt waren. Das überraschende Ergebnis: Weder der pflanzliche Extrakt noch das synthetische Medikament erwiesen sich als dem Scheinmedikament überlegen. Lediglich beim klinischen Gesamteindruck, der allerdings nur als Nebenkriterium galt, zeigte Sertralin etwas bessere Ergebnisse.

Die Autoren kamen zur Schlussfolgerung, Johanniskrautpräparate sollten bei der Behandlung mittelschwerer und schwerer Depressionen die Standardtherapie nicht ersetzen. Kritiker der Studie bemängeln allerdings, sie beweise gar nichts: Auch das Antidepressivum Sertralin zeigte in der Studie schließlich nur geringe Erfolge. „Es wäre schön gewesen, wenn man hätte zeigen können, dass Sertralin als positive Kontrolle dem Placebo eindeutig überlegen ist“, sagt auch der Psychiater Rainer Hellweg vom Uniklinikum Benjamin-Franklin. Das war aber nicht der Fall.

Hellweg verweist zugleich darauf, wie schwierig es ist, die Wirkung von Medikamenten von der Placebo-Wirkung zu trennen. Scheinmedikamente wirken bei Depressionen in nahezu 30 Prozent der Fälle, wie die Auswertung von 75 Studien vor kurzem ergab. Der Effekt der Antidepressiva liegt im Durchschnitt nur 20 bis 30 Prozent über dem der Zuckerpillen.

Ärztliche Zuwendung

Der Anteil, den ärztliche Zuwendung und die Tatsache, ein Medikament einzunehmen, an der Besserung haben, ist so groß, dass zusätzliche Effekte von Wirkstoffen oft sogar statistisch gar nicht zu Buche schlagen. Die Autoren der neuen Johanniskraut-Studie sagen sogar, das sei bei 35 Prozent aller Studien der Fall.

Die ärztliche Zuwendung erweist sich also als wichtiger Faktor in der Behandlung einer Depression. Johanniskraut allerdings wird häufig auf eigene Faust eingenommen. Ein Fehler, wie auch Sieglinde Modell sagt, Depressionsexpertin am Münchner Max- Planck-Institut für Psychiatrie. Mehrere Studien haben gezeigt, dass auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geachtet werden muss, die gleichzeitig eingenommen werden. Ihr Rat: Auf jeden Fall zum Arzt gehen, wenn eine depressive Verstimmung über zwei Wochen anhält und mit Appetitverlust, schweren Schlafstörungen oder gar Selbstmordgedanken einhergeht. Keines der Medikamente, die die Mediziner anbieten können, ist zwar heute allein schon überzeugend. Doch immerhin gibt es eine Palette von Möglichkeiten.

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