Zeitung Heute : „Chemie löst viele Probleme“

David Phillips über den verkannten Nutzen seiner Wissenschaft.

Wirkt. Chemie ist wichtig für die Entwicklung von Arzneimitteln. Sie sind ein wesentlicher Grund dafür, warum Menschen immer länger und besser leben. Foto: Fotolia
Wirkt. Chemie ist wichtig für die Entwicklung von Arzneimitteln. Sie sind ein wesentlicher Grund dafür, warum Menschen immer...Foto: Andreas F. Fotolia

Professor Phillips, am 19. November halten Sie die Queen’s Lecture an der TU Berlin. Kann so ein populärwissenschaftlicher Vortrag mehr sein als ein amüsanter Abend?

Es sollte auf jeden Fall mehr dabei herauskommen als Amüsement, aber wenn man seine Zuhörer nicht amüsiert, dann hören sie auch nicht zu. Wie viel die Teilnehmer mit nach Hause nehmen, ist sehr unterschiedlich. Viele Menschen übersehen die Bedeutung der Wissenschaft in ihrem Alltag. Wenn möglich, verwende ich in meinen Vorträgen wissenschaftliche Beispiele, die einen Bezug zu den Zuhörern haben. Ich möchte Menschen anregen, ihre Einstellung gegenüber den Wissenschaften, in meinem Fall der Chemie, zu hinterfragen.

Indem Sie lustige Experimente vorführen, bei denen es kracht und blitzt?

Mein Vater war Entertainer und sicherlich macht auch mir das „Entertainen“ Spaß. Aber ich veranstalte keine Zaubershows. Ich bin überzeugt, dass wir Wissenschaftler die Pflicht haben, uns der Öffentlichkeit und der Politik zu erklären. Stark vereinfacht, versuche ich drei Gedanken zu vermitteln. Erstens: Wissenschaft hat meist kein gutes Image. Gerade die Chemie gilt als dreckig und potentiell gefährlich. Ich möchte den Menschen klar machen, dass die Lösung für viele Probleme ihres Alltags in den Wissenschaften und vor allem auch in der Chemie liegt. So ist zum Beispiel die Lebenserwartung in den westlichen Ländern in den vergangenen 60 Jahren dramatisch gestiegen. Hauptursachen sind eine verbesserte medizinische Versorgung, eine produktivere Landwirtschaft und saubere Luft. Das sind alles Entwicklungen die wesentlich auf Chemie basieren.

Welche Botschaft wollen Sie noch vermitteln?

Mein zweites Anliegen ist es, die Bedeutung der Grundlagenforschung zu verdeutlichen. Wissenschaftliche Neugier bringt Ergebnisse hervor, die ganz neue Wege erschließen. Bestes Beispiel ist der Laser, der heute von der Supermarktkasse bis zum Krankenhaus überall eingesetzt wird. Seinen Ursprung hatte er in Grundsatzüberlegungen von Albert Einstein. 1960 entwickelte dann Theodore Maiman den ersten „Rubin-Laser“ – dessen Nutzen ihm allerdings nicht klar war. Der Laser sei „eine Lösung, die ein Problem suche“, scherzte Maiman damals.

Drittens: Die Förderung der Wissenschaft ist ökonomisch sinnvoll. Das zeigt eine 2010 von der Royal Society of Chemistry initiierte Studie über den ökonomischen Einfluss chemischer Forschung für Großbritannien. Demnach hatte die chemische und chemienahe Industrie – zu unserer eigenen Überraschung – einen Anteil von rund 20 Prozent an dem gesamten Bruttoinlandsprodukt.

Sie haben sich in verschiedenen Funktionen für die Popularisierung der Wissenschaften eingesetzt. Welche Unterschiede sehen Sie in der öffentlichen Wahrnehmung und Beurteilung von Wissenschaft im europäischen oder europäisch/amerikanischen Vergleich?

Im Gegensatz zu Ländern wie China, Indien und Brasilien, wo Naturwissenschaften extrem angesehen sind, ist die Popularität dieser Fächer in den westlichen Ländern in den vergangenen 15 Jahren dramatisch gesunken. In Großbritannien haben wir enorme Anstrengungen unternommen, diesem Trend entgegen zu wirken und die Vorteile und Freuden eines naturwissenschaftliche Studiums herauszustellen – mit Erfolg. Ich glaube, im Vergleich zum Rest von Europa und den USA sind wir heute besser positioniert. So sind unsere Studierendenzahlen wieder gestiegen. Untersuchungen zeigen, dass die Öffentlichkeit in Großbritannien Wissenschaftlern weit mehr Vertrauen entgegenbringt, als den meisten anderen Professionen.

Wie sorgt man in England dafür, dass Nachwuchsforscher nicht nur reines Fachwissen, sondern auch etwas über Wissenschaftskommunikation lernen?

Das war vor 30 Jahren noch nicht so, aber heute ist es den meisten jungen Kollegen klar, dass sie ihre Wissenschaft auch „verkaufen“ müssen. Am Imperial College bieten wir Sprach- und Redetrainings an. Masterstudierende oder Doktoranden müssen mindestens ein Seminar zur Wissenschaftskommunikation belegen. Ebenso muss jeder öffentlich geförderte Forschungsantrag heute einen Passus zur Öffentlichkeitsarbeit enthalten.

Das Gespräch führte Katharina Jung.

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