Chemieindustrie : Gras drüber

Der Name Leuna steht für Schmiergeld, Subventionsbetrug und verschwundene Akten. Doch der Staatsanwalt hat die Ermittlungen eingestellt. In Leuna fühlt man sich bestätigt. Was sind schon ein paar Aktendeckel gegen 9000 Arbeitsplätze?

Torsten Hampel[Leuna]

Die Chemiearbeiter sind immer zwanzig vor sechs in den Zug gestiegen im Bahnhof von Halle-Neustadt, der Stadt, die man extra für sie gebaut hatte. Jeden Morgen, es war stets dunkel und ist lange her. Manchmal, wenn der Zug Verspätung hatte, haben sie die anderen gesehen, die ins Buna-Werk wollten und die Treppen zum Bahnsteig herunterkamen; die anderen, die vor zwölf, fünfzehn Jahren die Bahn eine Viertelstunde später nehmen konnten. Beneidet haben sie die Buna-Werker um die Viertelstunde nicht, sie selber fuhren ja weiter, mehr in den Süden. Sie fuhren ins Nachbarwerk, nach Leuna, ins größte Industriekombinat der DDR. Leuna war nicht so unglaublich verdreckt wie Buna. Es hat weniger gestunken, und die Österreicher haben in den 80er Jahren moderne Anlagen hingebaut, aus poliertem Metall, mit Rasen drum, und es gab stolze Fackeln hier.

Wer heute ein strahlendes Leuna sehen will, sollte mit dem Auto fahren. Nachts, B 91, hinter Weißenfels taucht das Werk rechts am Horizont auf, die Elf-Raffinerie der Franzosen. Wird beim Näherkommen größer, tausend Lichter werden hell, und über allem wieder eine goldene Fackel wie früher. Man fährt weiter, und der Sprit ist alle, und dann ist da eine Tankstelle. Zehn Kilometer weg von dem Ort, wo die Lampen alles hell machen, am anderen Ende vom Werk, in Leuna, der Stadt; Leuna, die Fabrik, das Haupttor, ist gleich gegenüber. Die Tankstelle ist verbandelt mit dem Werk, von ihm bekommt sie das Benzin, und ihre Kunden, die arbeiten dort.

Wie es so sei hier, na ruhig, sagen die Eheleute Thomas, denen die Tankstelle gehört. Aber wird nun nicht schon seit Jahren über das Werk nebenan in den Nachrichten gesprochen, ermittelt nicht ein Untersuchungsausschuss in Berlin und bis letzten Montag auch der Magdeburger Staatsanwalt? Schmiergeld soll geflossen sein und viel zu viel Fördergeld. Akten sind verschwunden im Kanzleramt. Schlägt das nicht durch auf die Stadt? Nein, es ist ruhig, sagen sie. Ist sie nicht eher lauernd, die Ruhe, auf dass wieder etwas passiert? Akten finden, die das Gegenteil beweisen? Nein, aber wir meinten eigentlich den Straßenlärm.

Missverstehen, das ist auch eine Art des Ruhehabens. Aber es gibt welche, denen das keiner abnehmen würde, die, die in Leuna etwas zu sagen haben. Sie wissen zwar auch nicht mehr als alle anderen, aber sie haben sich angewöhnt zu glauben, dass alles Schlechte nicht stimmen kann.

Im Werks-Verwaltungsbau gegenüber, hinterm Haupttor, da lauert einer. Jeden Tag wartet Gerhard Woehe aufs Neue darauf, dass die Frage kommt. Woehe kümmert sich darum, dass Investoren den Weg nach Leuna finden und ihre Chemieanlagen auf die Wiesen bauen, die Wiesen, die heute da sind, wo früher das Werk war. Leuna ist keine große Fabrik mehr, es ist voll von diesen Grünflächen, auf denen das Gras wächst und zwischen denen sich wieder ein paar Betriebe niedergelassen haben. Woehe erzählt den Chemiefirmenchefs auf der ganzen Welt, dass auf diesen Wiesen alles bereit ist für ihre Betriebe und ihr Geld. Straßen sind gebaut worden, drei neue Kraftwerke machen Strom, der Boden ist nicht mehr verseucht, lange nicht mehr. Aber leider sind auch keine Arbeitskräfte mehr da.

Kein böses Wort über Kohl

"Die Fachleute sind weggezogen", sagt Woehe. 1989 waren noch 27 000 Menschen im Leuna-Werk beschäftigt, jeder Dritte ist in den neuen Betrieben untergekommen, die anderen mussten sich etwas Neues suchen. Von den Dagebliebenen kümmern sich viele um die Wiesen. Das Gras hält in der Erdöl-Raffinerie, die nur ein Werksteil ist, 90 Arbeiter in Lohn und Brot. Magerrasenmäher.

Woehe erzählt ununterbrochen, von den Investitionen, von den Umsätzen, er holt kaum Luft, nur damit zwischen den Worten kein Platz bleibt für die Frage, die ihm auf die Nerven geht. Doch es ist sein Beruf, auf die Frage zu antworten, und wenn sie irgendwann gestellt wird, springt er sie an. "Sie werden keinen finden in der Stadt, der ein böses Wort über den alten Kanzler sagt." So.

Ohne Helmut Kohl wäre, so wie es aussieht, von den 27 000 Chemiearbeitsplätzen kein einziger mehr übrig. Es gab vor zehn Jahren keinen Grund - keinen, den Geschäftsleute akzeptieren jedenfalls - in Leuna neue Chemiebetriebe zu bauen. Schon gar keine Raffinerie. Die Öl-Konzerne hätten den Bedarf im Osten spielend mit ihren alten Fabriken decken können, sagt Woehe. Sie hätten nur die Maschinen ein bisschen aufdrehen müssen. Kohl aber wollte das nicht, und er hat es zuwege gebracht, dass dann doch einer baute. Und seitdem der Elf-Konzern mit seiner Erdöl-Fabrik hier ist, kommen auch die anderen. 9000 Arbeitsplätze, ein verschwundener Aktenstapel im Kanzleramt wiegt nichts dagegen.

Kleine Siege

Sie können es nicht mehr hören in Leuna, sie sind nicht schuld an den Mauscheleien, die es zweifellos gegeben hat. Die Mauscheleien haben ihnen nur genützt. Das macht die Leute in Leuna verdächtig, glauben sie. Sie glauben, es aus jeder Frage herauszuhören, dass ihnen hier einer etwas anhängen will. Und wenn herauskäme, dass am Verdacht vielleicht doch etwas dran ist - bei der EU in Brüssel ermitteln sie ja noch -, dann könnte es noch schlimmer kommen als heute, wo eigentlich nur der Name ihrer Stadt streng riecht. Die Raffinerie müsste vielleicht Subventionen zurückgeben. Womöglich gäbe Elf die Fabrik dann auf. Das will keiner, und das befürchten alle, also glauben sie an das Gute und freuen sich über jeden kleinen Sieg über die, die sie für ihre Totengräber halten; die Ermittler, den Untersuchungsausschuss, das Fernsehen. Am Montag, als die Ermittlungen eingestellt wurden, war so ein kleiner Sieg.

Die Bürgermeisterin von Leuna sitzt in ihrem vertäfelten Amtszimmer, schaut durch das Fenster in den Regen raus und legt die Hände auf den Tisch. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, welcher es wäre? "Dass diese Geschichte aufhört", sagt sie, "das Lebenswerk eines Politikers wird demontiert." Schon wieder Kohl. Dass die Geschichte, wenn sie nicht aufhört, im schlimmsten Fall auch ihre Stadt erledigt, sagt sie nicht.

Als Nächstes wollen sie im Gemeinderat die Vergnügungssteuersatzung ändern. Die Steuer soll rauf. Es wird dann unterschieden bei den Spielautomaten. Spielhallenbetreiber, die sie hier nicht haben wollen, zahlen 80 Mark pro Monat und Gerät, Gaststätten 60. Die Einnahmen indes sinken. Zwei Spielautomatenfirmen sind schon eingegangen.

Arbeitslos ist in Leuna fast jeder Vierte, wie im ganzen Landkreis. So steht es in der Statistik. "Aber das glaube ich nicht", sagt die Bürgermeisterin. Zur Arbeitsbeschaffung, als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, habe die Stadt vor kurzem Menschen vor die Supermärkte geschickt, die sollten sich umhören, Leute ansprechen. Nicht mal fünf Prozent hätten gesagt, sie seien ohne Arbeit. Auch die Bürgermeisterin will ihre Ruhe haben.

Wer tagsüber durch die Stadt geht, der muss sich keine Mühe geben, die Menschen ohne Arbeit zu sehen. Sie sitzen auf selbstgezimmerten Bänken und Sperrmüll-Stühlen vor den Häusern in der Werksiedlung und trinken. Sie stehen auch vor den Supermärkten. Und vor der kleinen Tankstelle auch.

Die Eheleute Thomas leben mit ihrer Tochter im ersten Stock über den Zapfsäulen. Wer sie besuchen will, der muss durch den Tankstellenladen, dann rechts durch das Lager und wieder rechts eine schmale Treppe rauf, dann kommt das Wohnzimmer, und hier im ersten Stock sind die Stimmen der trinkenden Männer zu hören, die unten miteinander reden. Irgendjemand hat die Eheleute beim Ordnungsamt angezeigt, illegales Gaststättengewerbe sei das. Stimmt schon, sagt Uhland Thomas, vom Benzinverkaufen leben sie nicht, aber der Sprit zieht die Leute an, und der Laden darf deshalb länger offen halten. Am besten gehen Karten für Mobiltelefone.

Wenn Tankstellenbesitzer heute kaum noch mit Benzin zu tun haben, wie sollen sie sich dann für das Werk interessieren, aus dem es kommt. Aber wie ist das nun mit dem Ort und der Raffinerie? Ach, kann sein, dass was dran ist, sagt Thomas, die von Elf arbeiten ja mit allen Mitteln. Die ziehen auch kleine Tankwarte wie uns über den Tisch, sagt er.

Alle Tankstellen im Süden Ostdeutschlands bekommen ihr Benzin aus der Raffinerie. Das Öl dafür - von der Sorte Russian Export Blend und sehr schwefelhaltig - fließt durch eine Leitung aus Sibirien. Den Schwefel müssen sie in der Raffinerie herauskochen, er ist Abfall, und auf dem Leuna-Gelände gibt es eine Teppichfirma, die den abnimmt, um daraus Schwefelsäure zu machen. Methanol fällt beim Benzinmachen auch an, das bekommt die Spanplattenleimfabrik nebenan, die zweitgrößte in Europa. Die braucht es für den Leim.

So wie heute alles im Kleinen ineinandergreift, so lief das noch vor 15 Jahren im Großen. Die alte Methanol-Anlage in Leuna zum Beispiel haben die Österreicher gemacht. Die DDR-Chemieanlagenbauer haben nämlich in der Sowjetunion gearbeitet, um das Erdöl zu bezahlen, das schon die alte Raffinerie aus Sibirien bekommen hat. Die Österreicher hat man dann mit dem Erdöl bezahlt.

Gerhard Woehe, der Vermarkter, hofft, dass die Zusammenhänge wieder größer werden und sein Werk mehr zu tun bekommt. "Die Weltbevölkerung nimmt zu", sagt er, "die Menschen werden nicht ohne Pflanzenschutzmittel zu ernähren sein. Auch die großen Krankheiten kommen wieder." Aber Woehe weiß, dass seine Branche dafür heute nicht mehr zuständig ist, das machen nun die Biotechnologen. "Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit" war ein Leitspruch in der DDR, damals stimmte das noch.

Angefangen hat alles nicht so rührend. Herbst 1914, Deutschland führte seit dem Sommer einen Krieg, der längst wieder zu Ende hätte sein sollen. "Ehe das Laub von den Bäumen fällt, werdet ihr wieder zu Hause sein", hatte Kaiser Wilhelm II. den ausrückenden Soldaten versprochen. Stattdessen Stellungskrieg im Westen, und Frankreich und England blockieren die Chilesalpeter-Schiffe nach Deutschland. Aus Chilesalpeter haben sie damals Salpetersäure gemacht und daraus Sprengstoff. Im Oktober versprach die Badische Anilin- und Sodafabrik dem Kriegsministerium, ein Verfahren zur Gewinnung von Salpetersäure aus Ammoniak zu entwickeln. 1916 bauten sie die Fabrik dafür auf einem Acker bei Merseburg. Ein Jahr später kam der erste Ammoniak von hier. Die Fabrik von 1916 hat durchgehalten bis 1990 - man nahm den Ammoniak dann für Dünger. Auf der Wiese, wo die Fabrik stand, riecht es heute nach Scheibenwischwasser.

Von der alten Raffinerie ist nichts mehr übrig. Zeitgleich zum Neubau von Elf haben sie die alten Anlagen zerlegt. Das haben die alten Leunaer noch selber gemacht. Im Werk gearbeitet, es abgerissen und schließlich die Reste bewacht, so ging ein typisches Berufsleben. Die Männer auf den selbstgezimmerten Bänken in der Werksiedlung hatten so eines. Und alle, die heute noch Arbeit haben, waren früher in der Partei, sagt einer.

Sie haben die Parteileute aber auch entlassen. Manfred Nehmzow zum Beispiel. Er war Parteisekretär im Werk, und weil das nach 1990 kein Beruf mehr war, ist er heute arbeitslos und steht auch manchmal vor dem Supermarkt herum. Ein 48 Jahre alter, drahtiger Mann mit sonnenbraunem Gesicht, der aussieht wie 60. Ganz zuletzt hat er Eisenträger durchgebrannt mit dem Schneidbrenner, die Raffinerie zerlegt von oben bis unten. Seit 1998 ist damit Schluss.

Und, weiß er auch etwas? Dass die Arbeitslosen gar nicht arbeitslos sind vielleicht, wie seine Bürgermeisterin glaubt, oder wie Woehe, dass die Biotechnologen die klassische Chemie gar nicht abgelöst haben? Dass Leuna sauber ist? "Mir ist das egal", sagt er, "aber gebt den Leuten wieder Arbeit." Und Brot, das sagt er auch noch.

Ein paar der Leute, die Brot haben und Wohlstand und die schöner sind als Manfred Nehmzow, fahren heute 5 Uhr 34 ab Halle-Neustadt. Der Bahnhof unter der Erde sieht aus wie vor zwölf Jahren. Das Wasser steht in Pfützen in der Eingangshalle wie einst, nur ist heute keine Glasscheibe mehr heil, und im Tunnel läuft der Schmodder über die mittelmeerblauen Kacheln an den Wänden. Früher haben sie hier unten gestanden und darauf gewartet, dass die Lichter vom einfahrenden Zug am Tunnelende auftauchten, und dann sind sie an die Bahnsteigkante vorgetreten. Früher ist dieser Ort voll von Menschen gewesen. Heute sind es kaum vierzig, in jeden Wagen steigen zehn. Wie damals reden sie kaum. Was gibt es auch groß zu sagen.

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