Zeitung Heute : Chihiro im Wunderland

Christina Tilmann

Wer im vergangenen Jahr "Prinzessin Mononoke" gesehen hat, ist vorbereitet: Auf wild gewordene Eber, blutleckende Wölfe, fliegende Drachen, kurz: auf eine entfesselte Natur, die im Höllentempo dem Showdown entgegenrast. Im großen internationalen Erfolg des japanischen Regisseurs und Manga-Zeichners Hayao Miyazaki war es weniger die Romeo-und-Julia-Geschichte zwischen der Wolfsprinzessin und dem Erben der Zivilisation, die weltweit für Begeisterung sorgte, sondern der Furor, mit dem Miyazaki einen Bilderrausch auslöst, um gegen die Zerstörungen der Natur durch den Menschen zu Felde zu ziehen.

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Auch "Spirited Away" ("Sen to Chihiro no Kamikakushi") führt in eine Märchenwelt voller Drachen, Hexen und Götter. Die ängstliche Chihiro, die mit ihren Eltern in eine neue Umgebung zieht, gerät unversehens in ein Wunderland, in dem eine böse Hexe eine Art Thermalbad für erschöpfte Götter betreibt. Wären nicht hilfreiche Geister und vor allem ein wunderschöner starker Drache, sie müsste auf ewig als Sklavin der Hexe verharren. "Spirited Away" ist vielleicht nicht ganz so bildmächtig wie "Prinzessin Mononoke", die einen endzeitlichen Kampf zwischen Mensch und Tier zum Thema hatte. Dafür ist Chihiros Wunderwelt mit ihren sprechenden Ameisen, Hamstern und Riesenbabys um einiges humorvoller - und singt ein großes Lob der Freundschaft.

Seit einiger Zeit entern Zeichentrickfilme die Wettbewerbe der großen Festivals. "Shrek" machte vor zwei Jahren in Cannes den Anfang, letztes Jahr in Venedig folgte Richard Linklaters "Waking Life". Beide Male ließ sich die Aufnahme durch eine besonders avancierte Technik rechtfertigen, die dem Zeichentrick eine neue Zukunft weist: "Shrek" mit komplett am Computer erstellten Kunstfiguren, Linklater mit echten Schauspielern, die er im Nachhinein übermalte. "Spirited Away" ist traditionell gezeichnet und erinnert an die "Heidi"-Trickfilme der siebziger Jahre, an denen Miyazaki als Chefanimator beteiligt war. Trotzdem ist dieser Film im Wettbewerb richtig: Weil er mit seiner fantasievoll ausgestalteten Gegenwelt aus Kraftwerken, Fahrstühlen, Verbindungswegen und Verkehrssystemen einen Bogen zurück zu "Metropolis" schlägt - dorthin, wo die Fantasie im Film einmal begann.

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