Zeitung Heute : China: Die dunkle Hälfte des Himmels

Harald Maass

Warum sie es gemacht hat? Wang Juhua zupft mit ihren Fingern die violette Synthetikbluse zurecht, blickt zum Boden und erzählt die Geschichte von ihren Nachbarn. "Der Mann war der Erste. Er hat sich erhängt", sagt sie. Streit mit den Dorfbehörden wegen eines Grundstückes habe er gehabt. Das erzählte zumindest die Kundschaft, die Wang Juhua in ihrem Metallwarengeschäft bedient. Kurz darauf habe die Ehefrau Gift genommen. Als schließlich der Großvater allein mit den beiden Enkeln dastand, habe auch der sich erhängt. Eine ganze Familie im Freitod. "Verrückt", sagt Wang und nestelt wieder an ihrer Bluse. Es klingt, als rede sie von sich selbst. Vor einem Jahr versuchte sich die 28-Jährige mit Pestiziden umzubringen - sie überlebte knapp.

Ein Morgen in der Provinz Hubei. Eine staubige Hauptstraße, betongraue Wohnhäuser. Die Gesichter der Menschen sind sonnenverbrannt. Lutou heißt dieser Flecken Erde. Eine Kleinstadt wie überall in der Volksrepublik. 36 000 Einwohner. Ein Krankenhaus. 40 Selbstmordversuche in weniger als einem Jahr.

Lutou ist überall in China, und es ist ein Tabu. Mehr als 300 000 Chinesen nehmen sich nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr das Leben - die Zahl der missglückten Selbstmordversuche liegt zwischen ein und zwei Millionen. Die meisten davon begehen Frauen. Jede zweite Selbstmörderin der Erde ist Chinesin. Am schlimmsten ist die Lage auf dem Land. "In manchen Regionen ist es wie eine Epidemie", sagt Xie Lihua vom chinesischen Frauenverband. Oft werden die Selbstmorde nur als Unfall registriert. Zu groß ist die Schande für die Familie, für die Arbeitseinheit und die Kreisregierung.

Wang Juhua wollte nicht sterben. "Ich habe doch einen kleinen Sohn", sagt sie. Warum trank sie dann, damals im April vergangenen Jahres, aus der Flasche mit dem Insektengift? Sie habe ständig Streit mit ihrem Mann gehabt, erklärt sie. Es ging um Geld und noch mehr darum, wer das Sagen in der Familie hat. In der Hitze der Auseinandersetzung greift sie zur Flasche mit den Pestiziden. Vor den Augen ihres Mannes nimmt Wang einen großen Schluck. "Ich wollte ihm eine Lektion erteilen." Als ihr Mann sie zehn Minuten später im Dorfkrankenhaus einliefert, ist Wang nur noch halb bei Bewusstsein. Die Ärzte pumpen ihr den Magen aus. Vier Tage bleibt sie im Krankenhaus, sie überlebt.

Die Geschichte ist typisch für viele der Selbstmorde in China. Im Gegensatz zum Westen, wo Suizidopfer oft Wochen oder Monate über ihrer Tat brüten, handeln die Frauen in China häufig im Affekt. Der Psychiater Michael R. Phillips hat in Zusammenarbeit mit dem Pekinger Huilongguan-Krankenhaus zum ersten Mal das Phänomen der Selbstmorde in China wissenschaftlich untersucht. Das überraschende Ergebnis: Mehr als 60 Prozent der Selbstmörder in China nehmen Pestizide. Die Pflanzengifte - oft wesentlich höher dosiert als entsprechende Mittel im Westen - stehen in chinesischen Bauernhäusern offen herum. "Viele haben das Gift im Kühlschrank", sagt Phillips und schüttelt den Kopf. Ein Großteil der Frauen wolle gar nicht sterben und handle nur aus einem Augenblick heraus.

Gespräche mit Frauen in Lutou, die wie Wang Juhua aus Scham und Angst vor den Kadern der Partei nur unter falschen Namen in dieser Geschichte erscheinen wollen, bestätigen diesen Eindruck. Die 27-jährige Ding Long zum Beispiel: Sie griff nach der Geburt ihres ersten Kindes zu Schlaftabletten und überlebte. Sie hatte sich mit ihrem Mann überworfen, weil er sich nicht um das Baby kümmern wollte. Übermüdet von der Doppelbelastung durch Feldarbeit und das Kind, nahm sie die Tabletten. "Mein Kopf war einfach leer." Dabei ging es ihr materiell gar nicht schlecht. Mit dem Obstverkauf verdiente die Familie 4000 Yuan im Jahr - mehr als 1000 Mark, ein gutes Einkommen in dieser Gegend. Sie haben ein kleines Motorrad, einen Farbfernseher.

Es ist nicht Armut, die so viele in den Freitod treibt, im Gegenteil, davon sind Forscher wie Michael Phillips überzeugt. "Mein Eindruck ist, dass es in etwas wohlhabenderen Gegenden häufiger Selbstmorde gibt", sagt der Arzt. Das Phänomen lässt sich nicht einfach erklären. Auch wenn die Pestizide Selbsttötungen vereinfachen, warum tauchen sie dann in einigen Gebieten so geballt auf? Warum bringen sich in China mehr Frauen als Männer um - im Rest der Welt ist es umgekehrt?

Zumindest auf die letzte Frage glaubt Xie Lihua vom Frauenverband eine Antwort zu haben. Frauen auf dem Land stünden unter großem Druck. Nach der Heirat ziehen sie zur Familie ihres Mannes und müssen sich den Schwiegereltern unterordnen. Der Clan fordert männliche Nachkommen von ihnen - sonst verliert die Familie ihr Gesicht und ihre Altersabsicherung. Mehr als 40 Prozent der Männer auf dem Land schlagen ihre Ehefrauen. Den Frauen bleibt oft nur die Drohung, sich etwas anzutun. "Die Probleme sind meist ganz banal. Aber die Frauen haben niemanden, mit dem sie darüber reden können", sagt Xie.

"Frauen tragen die Hälfte des Himmels", verkündete einst Mao Tse-tung. Der Große Vorsitzende brachte Chinas Frauen dem Ideal der Gleichberechtigung so nahe wie nie zuvor. Der Brauch des Fußbindens, der junge Mädchen ein Leben lang verkrüppelte, wurde abgeschafft. Frauen durften frei ihren Ehemann wählen, bekamen Jobs als Fabrikarbeiterinnen, Parteikader und Flugzeugpilotinnen. Heute ist es in der weiblichen Himmelshälfte Chinas düster geworden. Frauen haben wieder weniger Rechte, Prostitution ist auf dem Vormarsch. Wegen der Ein-Kind-Politik werden jedes Jahr Millionen ungeborene Mädchen abgetrieben.

Heimliche Besuche

Die Selbstmorde der chinesischen Frauen sind damit gewiss nicht restlos erklärt. Und es hat auch nicht jeder Interesse daran, sie zu erklären. In Lutou werden Bitten um Interviews abgelehnt, Besuche in dem Dorf sind nur heimlich möglich. Was sollen die Bauern den Journalisten auch erzählen? Dass sie ihre Frauen schlagen, weil ihre Väter und Großväter das auch so gemacht haben? Dass Chinas Gesellschaft in einem Umbruch ist, den sie nicht verstehen?

Im Krankenhaus von Lutou haben sie eine Notfallstation eingerichtet. Eine rostige Maschine steht darin, mit der sie den Frauen den Magen auspumpen. Sonst gibt es in dem Raum nur ein hölzernes Bett. Das graue Laken ist blutverschmiert. "Auf dem Bett sind viele gestorben", sagt die Krankenschwester.

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