CHINA : Ein Herz für Töchter

Xinran Xue kämpft für Mädchen, die in ihrer Heimat China oft bedroht sind. Eine Begegnung mit der Bestsellerautorin.

Xinran kämpft für ungeliebte Töchter.
Xinran kämpft für ungeliebte Töchter.Foto: Alberto Cristofari/A3/laif

Da ist zum Beispiel die junge Frau, die vom Land in die Großstadt gezogen ist, auf der Suche nach einem besseren Leben. Eines Tages beobachtet sie dort die Geburtstagsfeier für ein kleines Mädchen – und ist geschockt. Unendliche Trauer überkommt sie. Erst in diesem Moment wird ihr klar, wie furchtbar es war, was sie Jahre zuvor getan hat: Damals hat sie ihre neugeborene Tochter umgebracht.

Es ist eine von vielen erschütternden Geschichten, die Xinran Xue an diesem Montagnachmittag erzählt. Manche von ihnen so ungeheuerlich, dass man kaum glauben kann, dass sie wahr sind. Etwa die über das Baby aus der tiefsten Provinz, das, kaum geboren, in einen Klosetteimer gesteckt wird, wo das Mädchen elendig stirbt.

Xue, gebürtige Pekingerin, hat solche Berichte aus ihrer chinesischen Heimat über Jahre gesammelt, ist durchs Land gereist, hat Menschen interviewt und nun ein Buch daraus gemacht. „Wolkentöchter“ heißt es, ist im Droemer Verlag erschienen und handelt von einer Gesellschaft, in der weiblicher Nachwuchs traditionell deutlich weniger wert ist als männlicher. Weil angeblich nur Jungen das Familienerbe fortführen können und außerdem keine Mitgift kosten. Manche Eltern lassen weibliche Föten abtreiben, geben bereits geborene Mädchen ins Waisenhaus, setzen sie aus oder töten sie in extremen Fällen sogar. Die Einkindpolitik verschärft die Situation. „Der gesellschaftliche Druck, einen Sohn zu bekommen, ist oft hoch“, sagt die Schriftstellerin und Journalistin, die schlicht als Xinran publiziert und meist auch nur unter ihrem Vornamen bekannt ist. „Oft leiden die Mütter sehr darunter, wenn sie eine Tochter aufgeben müssen.“

Die 53-Jährige sitzt auf dem Sofa einer kleinen, alten und sehr englischen Bibliothek in einem Londoner Krankenhaus. Sie hatte zu sich nach Hause eingeladen, doch dann erkrankte ihr Mann, ein Brite, der bei einem Verlag in London arbeitet. Weil sie nicht von seiner Seite weichen, aber auch keinesfalls absagen wollte, hat Xue das Interview kurzerhand in die Klinik verlegt. Sie ist eine offenherzige und selbst an diesem Tag gut gelaunte Gesprächspartnerin, die sich vor allem daran stört, wie wenig man im Westen über China wisse – das will sie ändern. An vielen Stellen relativiert sie sich selbst: „China ist ein Land so groß wie ganz Europa, mit extremen Gegensätzen“, sagt sie. „Wie die Wirtschaft, so verändert sich auch die Gesellschaft wahnsinnig schnell. Man muss vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen.“

Seit 1997 lebt Xinran Xue in London, eigentlich kam sie nur für drei Monate nach England, blieb dann aber. Den damals elfjährigen Sohn holte sie später nach. Innerhalb weniger Jahre hat sie es in Europa zur Bestsellerautorin gebracht. In China arbeitete Xue lange als Radiomoderatorin. In ihrer populären Sendung „Worte im Abendwind“ berichteten Frauen ungewöhnlich offen über ihr Leben, ihre Gefühle und Sehnsüchte, etwa über das Tabuthema Homosexualität. Aus dem, was ihr damals anvertraut wurde, entstand 2002 Xues erstes Buch „Verborgene Stimmen“. Fünf weitere folgten (einschließlich des neuen), Sachbücher ebenso wie Romane. Allein in Deutschland verkauften sie sich 120 000 Mal. Lediglich „Verborgene Stimmen“ erschien in China, einige der anderen Bücher fielen der Zensur zum Opfer. „Trotzdem kann man jedes in China kaufen, in der englischen, deutschen oder französischen Version“, sagt die Autorin.

Oft bewegt sich Xues Schreibstil nah am Kitsch, und man tut der Schriftstellerin gewiss kein Unrecht, wenn man feststellt, dass ihr Erfolg auch mit dem im Westen ausgeprägten Interesse an Chinas dunklen Seiten zu tun haben dürfte. An der Aufrichtigkeit und Relevanz ihres Engagements gibt es jedoch keinen Zweifel. Xinran Xue hat vor allem zwei Anliegen: Sie findet, dass die verschiedenen Generationen in China nicht genug darüber reden, was das Land im 20. Jahrhundert durchlitten hat. Sie selbst ist im Heim aufgewachsen, weil ihre Eltern während der Kulturrevolution inhaftiert waren. Bis heute fällt es ihr schwer, darüber mit Mutter oder Vater zu sprechen. Außerdem tritt Xue für Frauenrechte in ihrer Heimat ein. Mit „Wolkentöchter“ lenkt sie nun die Aufmerksamkeit auf ein Problem, das hierzulande kaum bekannt ist, obwohl es riesige Ausmaße angenommen hat.

Manche Experten sprechen schon von „Genderzid“. Der Begriff ist eine Neuschöpfung aus den Worten Gender und Genozid, er bezeichnet das systematische Töten von Angehörigen eines bestimmten Geschlechts. Nicht nur in China, auch in anderen asiatischen und einigen osteuropäischen Ländern, in denen es als besonders wichtig gilt, männliche Nachkommen zu besitzen, ist das Abtreiben von weiblichen Föten weit verbreitet. Vor allem in Indien und im Kaukasus, aber auch im modernen Südkorea. Dank der fortschreitenden Medizintechnik lässt sich der Wunsch nach einem Jungen mittlerweile viel einfacher erfüllen als früher.

Laut Berechnungen „fehlen“ in Asien heute mehr als 100 Millionen Mädchen und Frauen, die in der Vergangenheit geschlechtsselektiver Abtreibung oder Kindsmord zum Opfer gefallen sind. Die Folgen könnten katastrophal sein, schreibt die US-Journalistin Mara Hvistendahl in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Unnatural Selection“ (Public Affairs, New York): Ein derart gewaltiger Männerüberschuss führe zu Gewaltexzessen, zunehmender Prostitution und grassierenden Geschlechtskrankheiten.

Die natürliche Geschlechterverteilung liegt bei 105 Jungen auf 100 Mädchen; dieser männliche Überschuss wird dadurch ausgeglichen, dass Frauen länger leben. In China kommen dagegen 120 Jungen auf 100 Mädchen.

Oft wird für das Missverhältnis die Einkindpolitik verantwortlich gemacht, mit der die Kommunistische Partei seit Ende der 70er Jahre versucht, das explosive Bevölkerungswachstum zu bremsen. Denn früher bekamen die meisten Leute einfach so lange Kinder, bis ein Stammhalter geboren war. Mit dem Zwang, nur ein Kind oder (auf dem Land und unter Minderheiten) zwei Kinder haben zu dürfen, stieg für die Eltern der Druck, auf Anhieb einen Sohn zu zeugen.

Xinran Xue hält diese Analyse für oberflächlich: „Bevor ich China verließ, war ich auch der Meinung, dass Politik das Hauptproblem sei. Mittlerweile glaube ich, unsere kulturellen Wurzeln spielen eine weitaus größere Rolle.“ Man müsse anerkennen, dass die Einkindpolitik bei allem Leid, für das sie verantwortlich sei, auch positive Auswirkungen habe: „China hat einen hohen Preis für den Erhalt der Erde bezahlt.“ Mal abgesehen davon, dass die Regelung nie so konsequent umgesetzt wurde, wie offiziell behauptet. Erst kürzlich, erzählt Xue, sei sie wieder für einige Wochen in China gewesen. Jeder Taxifahrer, mit dem sie sich unterhielt, habe mehr als drei Kinder gehabt. Zumindest auf dem Land kann man die Vorschrift mit Bestechungsgeld leicht unterlaufen. Dennoch sollte China die Einkindpolitik sobald wie möglich abschaffen, findet die Autorin. Die vielen Einzelkinder seien eine Gefahr, in den großen Städten gehe der familiäre Zusammenhalt, der so typisch ist für die chinesische Kultur, immer mehr verloren.

Überhaupt die Kluft zwischen Stadt und Land! Sie sei mindestens 500 Jahre groß. Bei ihrem Chinabesuch neulich habe sie in den großen Städten nur noch Frauen gesehen, die mit ihren Männer schimpften, sagt Xue und lacht. „So war das doch nicht gemeint mit der Emanzipation!“ In Peking, Schanghai oder Chongqing lebten die Leute nicht groß anders als im Westen. „Die Jüngeren wollen überhaupt keine Kinder mehr.“ Was nicht bedeutet, dass dort keine Mädchen abgetrieben oder ins Waisenhaus gegeben werden. Auch Xue, die damals nur das Stadtleben kannte, konnte kaum glauben, dass sie sich noch in ihrem eigenen Land befand, als sie Anfang der 90er Jahre bei Reisen in die chinesische Provinz entdeckte, wie allgegenwärtig dort Kindstötungen waren.

So ähnlich geht es wohl auch chinesischen Studenten, auf die Xinran Xue trifft, wenn sie von Zeit zu Zeit an amerikanischen Universitäten unterrichtet. „Die glauben mir nicht. Lauter ausgesetzte Mädchen – so etwas sei doch nicht möglich!“, erzählt sie. „Ich entgegne dann: Schaut euch an, wie viele amerikanische Familien chinesische Kinder adoptiert haben. Und dann schaut, wie viele Jungs darunter sind.“ Die Waisenkinder seien fast immer Mädchen.

Doch wie schnell können sich Einstellungen und Traditionen, die über Jahrtausende entstanden sind, verändern? Xinran Xue glaubt, China habe schon einen guten Teil des Wegs zurückgelegt. Beim ersten Anlauf, Frauen gleichzustellen, Anfang des 20. Jahrhunderts, lebte nur ein winziger Teil der Chinesinnen in Städten, die wenigsten gingen zur Schule. All dies hat sich radikal verändert: Rund ein Viertel der chinesischen Firmen wird heute zum Beispiel von Frauen geleitet. „Fairerweise muss man sagen, dass Mao, der für viele Verbrechen verantwortlich ist, großen Anteil an dieser Entwicklung hat“, sagt Xue. So ließ der Diktator etwa Lautsprecherwagen auf die Dörfer schicken, die dreimal täglich Propaganda verkündeten. Zur Mittagszeit ging es um Familienangelegenheiten, um die Gleichheit von Mann und Frau. „Wenn ein Mann dann versucht hat, seine Frau zu schlagen, konnte die sagen: Der große Vorsitzende Mao sagt, du darfst das nicht!“, erzählt die Schriftstellerin. „Fährt man heute aufs Land, antworten einem die Bauern immer noch mit Mao-Zitaten.“

Xues Vorschlag: Statt die Leute finanziell zu bestrafen, wenn sie zu viele Kinder haben, sollte Chinas Regierung ihnen besser Anreize bieten, Töchter zu bekommen. „Schon der Gynäkologe könnte die Eltern dann darüber informieren, dass ein Mädchen Steuererleichterungen bedeutet und dass die Tochter einmal einen vereinfachten und verbilligten Zugang zur Universität erhalten wird.“

Xue selbst hat 2004 eine Organisation gegründet, die sich der chinesischen Waisenkinder annimmt, die von westlichen Eltern adoptiert wurden: „The Mothers’ Bridge of Love“. 120 000 dieser Kinder – meist sind es wie erwähnt Mädchen – gibt es schätzungsweise in 27 Ländern, darunter auch Deutschland. „Wir wollen sie mit der chinesischen Kultur vertraut machen, ihnen helfen ihre Wurzeln zu finden“, sagt Xue. So unterstützt die Organisation die Publikation von Büchern aus und über China, sie ermöglicht Brieffreundschaften der adoptierten Kinder mit chinesischen Altersgenossen und gemeinsame Reisen der Mädchen nach China. Spätestens wenn die Kinder in die Pubertät kommen, würden sie sich fragen: Warum hat mich meine Mutter nicht gewollt? „Es ist wichtig, ihnen klarzumachen, dass ihre Mutter wahrscheinlich genau so unter dem Verlust leidet wie sie.“

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