Zeitung Heute : China: Schenkel von ungeheurem Ausmaß

Jörg Kersten

Der Eingang der Höhle Nummer fünf ist viel zu schlicht, als dass man dort im Dämmerlicht der Grotte einen Schatz vermuten könnte. Natürlich weiß der eine oder andere Besucher - in Vorbereitung der Reise nicht unbelesen -, dass die Sandsteinhöhlen nahe der Stadt Datong 1500 Jahre alte Skulpturen und Plastiken bergen. Die Dimension des Buddha Sakyamuni aber ist überraschend.

Eben noch gezwungen, sich klein zu machen sieht man sich in der Höhlenhalle unversehens konfrontiert mit gemeißelten Füßen und Schenkeln ungeheuren Ausmaßes - gigantisch muss der Buddha sein, zu dem diese Beine gehören, gekreuzt im Schneidersitz auf einem Sockel thronend.

Nur langsam wagen wir den Blick zu heben und dem Erleuchteten ins Gesicht zu sehen - 17 Meter hoch starrt er auf uns Eindringlinge herab. Wir trauen uns nur zu flüstern, wollen seine Ruhe ja gar nicht stören. Schaut er auf uns Zwerge nun verächtlich böse oder buddhagemäß voller Mitleid und Erbarmen? Jeder wird wohl seine Interpretation des Blickes finden - uns beschleicht aber das Gefühl von Ehrfurcht und Beklommenheit angesichts dieses Giganten.

Acht Stunden benötigen wir, um mit der Bahn von Beijing nach Datong zu fahren. Sieben Stunden zu viel für jene Touristen, die auf ihrer Chinareise in Richtung Nordwesten die Große Mauer als letzten Programmpunkt vorgesehen hatten, als markiere dieses Bollwerk noch heute die Grenze der chinesischen Zivilisation. Unsere Fahrt jenseits der Mauer führt denn auch durch eine triste hügelige Lösslandschaft, vorbei an Dörfern aus ockergelben Lehmziegelbauten und Höhlenwohnungen, in denen die Einwohner bei Temperaturen von minus 30 Grad im Winter und 40 Grad im Sommer ein karges und hartes Dasein fristen.

Wer mit der Bahn nach Datong reist, wird von den Passagieren nicht aus den Augen gelassen. Trotz sprachlicher Barrieren möchten die Mitreisenden auf der knapp 400 Kilometer langen Fahrt mit uns Freundschaft schließen. Also spendiert man dem Fremden ein paar Pfirsiche und Birnen - und lächelt die meiste Zeit. Für Wang Jun Mei ist es die Gelegenheit, ihr Englisch auszuprobieren, was allgemeine Anerkennung findet. Die Krankenschwester aus Datong, deren Name so viel wie "wunderschöne Blume" bedeutet, kann unser Ansinnen ihrer Heimatstadt einen Besuch abzustatten, gar nicht recht verstehen. "Beijing, die Große Mauer und der Kaiserpalast, das ist großartig ... Datong? Na ja, da ist eben nicht viel los und der Staub, der ist entsetzlich, der macht die Leute krank."

Als wir unser Reiseziel erreichen, überwiegt die Skepsis. Schon weit vor den Toren der Stadt verdunkelt sich die Sonne, aus Dutzenden von Industrieschloten quillt dicker schwarzer Qualm. Datong liegt in der Kohleprovinz Shanxi, der Geruch und Staub des Schwarzen Goldes ist überall. Kein Wunder, wird doch in diesem Zentrum des Industrie und Bergbaus mehr Kohle gefördert als in ganz Europa zusammen.

Unser erster Gang durch die Stadt trägt wenig dazu bei, die trübe Stimmung zu heben. Die im Reiseführer als besonders schön gepriesene Altstadt ist bis auf ein paar kümmerliche Reste dahingeschmolzen. Bald werden auch die letzten geduckten Häuschen mit ihren in den Himmel ragenden Ofenrohren abgerissen sein. Der Kahlschlag erfolgt schnell und rücksichtslos, denn einige der Bewohner des Viertels haben noch keinen Unterschlupf in den tristen Neubaukasernen gefunden. Ihnen bleibt nichts weiter übrig, als auf offener Straße inmitten aufgestapelter Möbel zu hausen.

Der historische Stadtkern von Datong musste breiten Boulevards und neuen Geschäften weichen. Etwas verloren sitzen nun die Alten, aus ihren angestammten Wohnbezirken vertrieben, auf den Treppen der neuen Kaufhäuser. Ihnen ist anzumerken, dass das moderne Treiben die gewachsenen Sozialstrukturen der alten Wohnquartiere nicht zu ersetzen vermag.

Vom Personal des gerade ein Jahr alten Haitong Grand Hotels, einem 20 Stockwerk hohen Glaskasten, werden wir allgemein bestaunt. Englisch spricht niemand und die im Hotelprospekt gepriesenen Einrichtungen des Vier-Sterne-Palastes sind allesamt geschlossen. "Die Buddha-Höhlen von Datong müssen ein touristischer Flopp sein ...", da sind wir uns einig, als wir als einzige Gäste eines der unzähligen Zimmer beziehen. Sollten wir etwa jene Touristen beneiden, die sich die ermüdende Bahnfahrt nach Datong auf harten Sitzen ersparten?

Die Yun-Gang-Grotten 16 Kilometer vor der Stadt aber sind alles andere als enttäuschend. Sie gehören neben den Longmen-Grotten bei Luoyang und den Mogao-Grotten bei Dunhuang zu den schönsten und bedeutungsvollsten kulturellen Schatzkammern Chinas.

Buddhistische Mönche schlugen in die Steilhänge des Wuzhong-Berges 53 Höhlen und Nischen, in denen man mehr als 51 000 Statuen findet, von denen die größte 17 Meter, die kleinste nur zwei Zentimeter misst.

Entstanden ist die Anlage unter der nördlichen Wei-Dynastie (386-534 nach Christus). Der dem Buddhismus wohlgesonnene Kaiser Wen Cheng, so sagt es die Überlieferung, habe die Grotten unter der Leitung des Mönchs Tanyao in einer Bauzeit von 34 Jahren errichten lassen. Ihm ging es darum den Himmel friedlich zu stimmen, nachdem sein Vorgänger Kaiser Taiwu buddhistische Tempel niederbrennen ließ, schwer erkrankte und starb.

In dem Bemühen, sich mit den übernatürlichen Mächten des Himmels zu versöhnen, haben die Baumeister der Wei-Kaiser wahrlich Bewundernswertes geleistet. Buddha Sakyamuni, wie man auch den historischen Siddharta Gautama bezeichnet, beeindruckt in Höhle Nummer 5 nicht nur durch seine Größe. Weit oben in der Kuppel der Halle umschweben wunderbar gestaltete Apsaras, schöne weibliche Himmelsgeister, Musikanten und Tänzerinnen sein Haupt.

Natürlich wollen wir Sakyamuni fotografieren, den Moment der Begegnung mit dem Erleuchteten dokumentieren. Uniformierte Wächter, eben noch im Kartenspiel vertieft, beobachten uns streng. Fast eifersüchtig achten sie darauf, dass die Besucher sich Sakyamuni nicht allzu ungebührlich nähern oder gar die Figuren und Figürchen berühren.

"Wir haben allen Grund, wachsam zu sein", so erklärt Gao Zhan das konsequente, fast militärische Auftreten des Personals in Uniform. Für den Archäologen liegt der besondere Wert der Yun-Gang-Grotten darin, dass ihre Kunstschätze nicht ganz so stark von mutwilligen Zerstörungen und Plünderungen in Mitleidenschaft gezogen wurden wie die der anderen "Höhlenstädte".

Die Longmen-Grotten bei Luoyang haben da schon eher gelitten. Die Anlage ist eine Attraktion für chinesische Reisegruppen, die hier auf halbem Weg zwischen Beijing und der Touristenhochburg Xian einen Stopp einlegen. Zwar begeistern die halboffenen Höhlen der Felswände entlang dem Yi-Fluss im rötlichen Licht der Morgensonne so manchen Fotografen, aber den meisten der von der Morgensonne beschienenen 100 000 Buddha-Statuen fehlt das Gesicht. Gao Zhan weiß zu berichten, dass die Köpfe der Buddhas dieser Höhlenstadt von Aktivisten der Kulturrevolution als überflüssige Monumente alter Geschichte zertrümmert wurden. Was die Roten Garden in den Grotten von Luoyang verschonten, wurde von einheimischen Geschäftemachern an Touristen verscherbelt. "Sie meißelten die 1500 Jahre alten Statuen aus der Wand, die die Besucher vorher mit einem weißen Kreidekreis markierten."

Und was geschah in Dunhuang, der dritten "Höhlenstadt" dieser Art in China? Die sensationelle Entdeckung der vom Sand der Taklamakan-Wüste verschütteten und vergessenen "Höhlenstadt" im Jahre 1898 rief alsbald Forscher aus aller Welt auf den Plan. Ihre Begeisterung über das von Sanddünen umspülte Mogao-Höhlental kann jeder, der diese Anlage besucht, auch heute noch nachvollziehen. Farbenprächtige Wandmalereien mit religiösen und weltlichen Szenen auf 45 000 Quadratmetern und monumentale Buddhas von 30 Metern Höhe zeugen von dem einstigen Einfluss der buddhistischen Religion in China. Leider waren sich die Wissenschaftler nicht zu fein, wertvolle Reliefs gleich quadratmeterweise von den Felswänden zu lösen und kistenweise Kunstschätze nach Hause zu schaffen. Gao Zhan zeigt sich entrüstet: "Bis heute weigern sich die westlichen Museen, uns Chinesen die aus den Höhlen entwendeten Schätze zurück zu geben." Der gute Zustand der Grotten von Datong lässt erahnen, welchen Schaden Kulturbanausen an den einzigartigen Zeugnissen buddhistischer Geschichte in China angerichtet haben.

Allein die Wände der 15. Höhle sind mit 10 000 gut erhaltenen Bodhisattva-Figuren bedeckt, Abbildungen jener Buddhaschüler, die noch nicht in das Nirwana gelangten, sondern im Diesseits den Menschen helfen, das Leid des irdischen Daseins zu ertragen. In anderen Höhlenkathedralen finden wir meterhohe Fresken und Wandmalereien mit Szenen aus Buddhas Leben in den Stein gemeißelt.

Viele der in Fels gehauenen Schatzkammern enthalten Kostbarkeiten, die im Detail künstlerische Einflüsse aus Indien verraten. Unzählige Devas, Gottheiten aus vorbuddhistischer indischer Religion schmücken so manche Höhlendecke. Die 8. Grotte enthält Reliefs von indischen Göttern - Vishnu und Shiva waren den Wei nicht unbekannt. Einzigartig an den Kunstschätzen, an den Skulpturen, den Fresken und Wandmalereien, die wir nach und nach in den Höhlen, Nischen und Löchern der 1000 Meter langen Steilwand entdecken, ist der Erhalt der ursprünglichen Farbe - der 17 Meter Buddha Sayamuni in Höhle Nummer 5 präsentiert sich von schummrigen Glühbirnen beschienen eindrucksvoll in goldenem Gewand, mit bronzefarbenem Gesicht, roten Lippen und blauen Haaren.

Den Grotten ist der Ansturm illustrer Reisegesellschaften, die auf der Suche nach chinesischer Geschichte durch das Land tingeln, bisher erspart geblieben. Ob dies an der Lage des Ortes, jenseits der Großen Mauer, oder an dem Kohlenstaub liegt, vermag Gao Zhan auch nicht zu sagen. Nach einem Tag der stillen Betrachtung jedenfalls sind wir versöhnt mit so manchen Unzulänglichkeiten, die Datong sonst so bietet.

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