Zeitung Heute : China und Aids: Gestrandet mit dem Superkrebs

Harald Maass

Noch bevor die Kameras aufgebaut sind, brechen die Menschen zusammen. Es war zu viel für die vier Zwiebelbauern aus Wenlou. 20 Stunden waren sie mit Zügen und Bussen aus dem Hinterland der Provinz Henan nach Peking gefahren, zwei Tage ohne Geld durch die Hochhäuser der Hauptstadt geirrt, das wenige Gepäck in grobe Plastiksäcke auf den Buckel geschultert, drei Kinder im Schlepptau. Mitten während der Ernte haben sie sich auf den Weg in die entfernte Hauptstadt gemacht, nur um endlich reden zu können. Doch jetzt, in einem Café umringt von Journalisten mit summenden Aufnahmegeräten, können sie nicht mehr. Die Bäuerin mit der weißen Haarhaube vergräbt das Gesicht schluchzend in den rauen Händen. Sie weint, dabei wollte sie doch erzählen. Von ihrem Dorf. Von ihrem vierjährigen Ziehsohn, der sich ängstlich neben ihr in den Stuhl drückt. Von der Krankheit, die sie nicht verstehen: Sie alle haben Aids.

Es ist das Protokoll einer Tragödie, das sie später einem kleinen Kreis erzählen werden. Bruchstückhaft in Henan-Dialekt vorgetragen, immer wieder von Weinen unterbrochen. "Wir haben keine Hoffnung mehr", sagt die Bäuerin, die wir nur Wang nennen. Ihren wahren Namen wagen sie aus Angst vor der Regierung nicht zu sagen. Denn was sie erzählen, ist ein Tabu. Eine Katastrophe, die Chinas Behörden und lokale Regierungsvertreter seit Jahren vertuschen. Tausende Bauern sind an Aids erkrankt, zu schwach, um auf die Felder zu gehen. "Wir haben kein Geld, keine Medizin. Wir warten auf den Tod", sagt Wang.

Mitte der achtziger Jahre war es, als das lokale Volkskrankenhaus des Landkreises die Blutspendestation einrichtete. "Es ist glorreich, sein Blut zu spenden", schrieben die Ärzte damals auf das Schild über den Eingang und versicherten dem Landvolk, dass die Prozedur völlig ungefährlich sei. Weil jede Spende mit umgerechnet zehn Mark belohnt wurde, stand bald ganz Wenlou Schlange. Die Bauern renovierten ihre Häuser, kauften Düngemittel und bezahlten die Schulgebühren der Kinder. Alles finanziert mit dem "xue qian", dem "Blutgeld".

Mehr als ein Jahrzehnt lang sammelten Krankenhäuser und Blutstationen in der Gegend Blutplasma ein. Die medizinischen Anlagen waren primitiv: In großen Plastikbehältern wurde das abgezapfte Blut der Bauern gesammelt und dann in unsterilisierten Zentrifugen vom Plasma getrennt. Weil viele der Bauern Angst hatten, mit dem Blut ihre "Lebensenergie" zu verlieren, pumpten die Ärzte ihnen das zum Teil vermischte Restblut wieder zurück in die Adern, wie Bewohner von Wenlou berichten. Effektiver konnte der Virus nicht verteilt werden. Als 1996 die Provinzregierung ohne Erklärung die Blutspendestation in Wenlou schloss, war die "Glückliche Bargeldzeit" - wie die Dorfbewohner die Blutspendetage nannten - nicht vorbei. Mit Bussen kamen illegale Blutaufkäufer nach Wenlou und die anderen Dörfer, um den Bauern ihr Blut abzuzapfen.

Erst 1998 wurden die Bauern aus ihrer Unwissenheit gerissen. Damals waren die ersten an einem merkwürdigen Fieber erkrankt. "Die Ärzte verschrieben Fiebermittel", sagt Wang. Als kräftige Männer plötzlich zu schwach für die Feldarbeit wurden, stutzen einige. 1999 starben die ersten. Blutuntersuchungen bei einem Viertel der Dorfbewohner brachten die Wahrheit hervor: 65 Prozent der Bevölkerung in Wenlou sind HIV-positiv. In den Nachbardörfern und angrenzenden Landkreisen ist die Lage ähnlich.

Kaum einer der Bauern hatte je von "Ai zi bing" - wörtlich übersetzt: "Die durch Liebe verbreitete Krankheit" - gehört. "Die Ärzte sagten, dass die Krankheit unheilbar ist." Hilfe bekamen die Bauern von den Behörden nicht: keinen Arzt und keine finanzielle Unterstützung.

"Sie lassen uns sterben", sagt Frau Wang. Sie selbst bekam erst im vergangenen Jahr Gewissheit, dass sie den Virus in sich trägt. "Superkrebs" nennt sie ihr Leiden, dass sich bisher nur in Halsschmerzen und Herzproblemen ausdrückt. Ihr Ziehsohn, der vierjährige Zeng, spielt weiter in der Zimmerecke. "Er versteht nicht", sagt Wang und nimmt sich die weiße Haube vom Haar. Auch der Junge hat das Virus in sich, davon ist sie überzeugt. "Seine Eltern sind beide aidskrank."

Für Chinas Regierung ist Aids bis heute ein Tabu. Statistiken werden geschönt. Man dürfe "kein schlechtes Bild von China" im Ausland vermitteln, sagen die Beamten im Gesundheitsministerium. Offiziell sind in China 22 517 Menschen HIV-positiv. Ausländische Experten rechnen aber mit 600 000 bis zu einer Millionen. Bis zum Jahr 2010 könnten bis zu 10 Millionen Chinesen HIV-infiziert sein, warnen die Vereinten Nationen. Doch Pekings Regierung wachzurütteln, ist schwer. "Bei Aids geht es in China nicht um Prostitution oder um Drogen, sondern um korrupte Kader, die Angst davor haben, dass es ihren Ruf ruiniert, wenn die Krankheit bekannt wird.", sagt Gao Yaojie. Die pensionierte Ärztin ist eine der Wenigen, die den Opfern in Henan hilft. Die Provinzregierung hat sie bereits verwarnt, und als sie diese Woche in den USA einen Preis entgegennehmen wollte, verweigerten ihr die Behörden die Ausreise.

Zwei Tage sind die Bauern aus Wenlou durch Peking geirrt. Gestrandet auf einer erfolglosen Suche nach Hilfe. "Wir empfangen keine Patienten", erklärte eine Mitarbeiterin des Aidsbüros der Vereinten Nationen in Peking. Krankenhäuser und Ärzte wimmelten sie ab. Als sie am Abend ihre müden Kinder in den Zug heben, haben sie immer noch keinen Arzt gesehen. Dafür hat das Außenministerium von den Bauern Wind bekommen. Die Polizei ist ihnen auf den Fersen, Journalisten werden verhört. "Was wollen sie von uns?", sagt Wang und deckt den kleinen Zeng zu. "Wir sind doch schon tot."

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