China und der Westen : Neues Feindbild

Die Einwohner Tibets wehren sich gegen ihre Unterdrückung. Der olympisch angemalte Werbefeldzug für das moderne China geht unter in hässlichen Bildern von Knüppelgarden und weinenden Angehörigen verhafteter Dissidenten. Doch so berechtigt die Proteste der Opfer sind, so scheinheilig sind vielfach die Solidaritätserklärungen westlicher Politiker.

Harald Schumann

Die Einwohner Tibets wehren sich gegen ihre Unterdrückung – und der olympisch angemalte Werbefeldzug für das moderne China geht unter in hässlichen Bildern von Knüppelgarden und weinenden Angehörigen verhafteter Dissidenten. Das ist eigentlich eine gute Sache. Nur so lernen die neuen Global Player aus dem Reich der Mitte, dass ihre Menschenverachtung auf Dauer nicht mit ihrem Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Kapitalismus vereinbar ist.

Doch so berechtigt die Proteste der Opfer sind, so scheinheilig sind vielfach die Solidaritätserklärungen westlicher Politiker. Die chinesische Repression gegen Andersdenkende ist nicht neu. Das hinderte freilich bisher keinen Regierungschef aus den Wohlstandsstaaten, Besuche in China mit dem Abschluss von milliardenschweren Lieferaufträgen zu verbinden. Es hinderte auch keinen Konsumenten am Kauf der vielen preiswerten Produkte mit dem Aufdruck „Made in China“. Dass die Kritik am Pekinger Regime zusehends populär wird, hat denn auch einen ganz anderen Grund: Chinas Aufstieg zur Wirtschaftsgroßmacht weckt die Furcht, dies könnte auf Kosten der bisherigen Wohlstandsländer gehen. Darum ist es plötzlich schick, am Feindbild China zu stricken. Dabei fallen die meisten der Vorwürfe gegen Pekings Wirtschaftspolitik auf ihre Urheber zurück. Von der Währungsmanipulation bis zum Technologieklau bedienen sich Chinas Wirtschaftslenker lediglich der Mittel, mit denen auch die alten Industriestaaten ihre Entwicklung einst vorantrieben. Ohnehin ist die China-Angst – wirtschaftlich gesehen – unsinnig. Bisher haben der Handel mit und die Ausdehnung der Produktionsketten nach Ostasien die westlichen Volkswirtschaften nur reicher gemacht, nicht ärmer. Dass dieser Reichtum hierzulande immer ungleicher verteilt wird, ist gewiss nicht die Schuld der Regenten in Peking.

Gleichwohl gibt es Grund zur Besorgnis. Denn Chinas Aufstieg stellt die bisherige Weltordnung fundamental in Frage. Die globale Verbraucherklasse, die zu 90 Prozent in den alten Industriestaaten lebt, stellt nur ein gutes Fünftel der Weltbevölkerung, verbraucht aber drei Viertel der irdischen Ressourcen. Nun aber schicken sich 1,3 Milliarden Chinesen und damit ein weiteres Fünftel der Weltbevölkerung an, genauso leben zu wollen wie wir. Und mindestens eine weitere Milliarde Menschen in den anderen Schwellenländern sieht China als Modell. Immer offensichtlicher wird so, dass das westliche Wohlstandsmodell eben nicht globalisierbar ist, weil weder die Ölreserven noch die ökologische Kapazität des Planeten dafür ausreichen werden. Unweigerlich steuern Amerika, Europa und Japan in eine wachsende Konkurrenz mit dem asiatischen Bevölkerungsriesen um Ressourcen, politischen Einfluss und nicht zuletzt auch die öffentliche Meinung darüber, wie die globalen Märkte reguliert werden müssen. Dabei demonstriert das jüngste Desaster der Wall Street, dass keineswegs immer das westliche Modell das bessere sein muss. Wenn diese Entwicklung nicht in offene Konflikte umschlagen soll, wird den alten Weltenlenkern daher gar nichts anderes übrig bleiben, als mit Regenten der Supermacht von morgen gemeinsam nach einer nachhaltigen Form des Wirtschaftens zu suchen und kooperative Lösungen zu finden. Je enger die Vernetzung wird, desto besser wird das auf lange Sicht auch für Andersdenkende im Reich der Mitte.

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