Zeitung Heute : China und USA: Geliebter Feind

Harald Maass

In diesen Tagen geht vor der US-Botschaft die Angst um. Hunderte Chinesen drängen sich Morgen für Morgen vor dem schwarzen Gitterzaun mit dem American Eagle, dem amerikanischen Wappen. Und immer wieder fällt das Wort Katastrophe. Aber es ist nicht der Streit um das Spionageflugzeug, der die Menschen hier so besorgt und auch aufregt, nicht die geplanten Waffenverkäufe der USA an Taiwan. Es sind keine Demonstranten, die sich unter den Bäumen des Botschaftsvorplatzes versammelt haben. Sie stehen bloß an für ein Amerika-Visum. "Wenn wir wegen den Streitigkeiten keins bekommen würden", erklärt eine Frau, "wäre das eine Katastrophe."

Es ist ein zwiespältiges Verhältnis, das die Chinesen mit den USA verbindet. In diesen Wochen der angespannten Beziehungen wird das wieder besonders deutlich. Die Amerikaner sind für viele Chinesen eine selbsternannte Weltpolizei, die ständig an Chinas Menschenrechten rumnörgelt und Unruhe nach Taiwan und Tibet bringt. Seit der Notlandung des US-Flugzeugs haben die Staatsmedien eine Kampagne gegen die neue Bush-Regierung gestartet. Der Vorwurf: "Großmannssucht". Im Internet nennen hitzköpfige Studenten Präsident Bush "einen Schurken" oder fordern "Erklärt den Amis den Krieg".

Gleichzeitig pflegen die Chinesen jedoch eine Bewunderung für das "Mei Guo" - das "schöne Land", wie Amerika auf Chinesisch heißt. "Maidanglao" (McDonalds) ist für viele Chinesen der Inbegriff eines modernen Festmahles. "Maidangna" (Madonna) ist der Pop-Superstar, dem die Mädchen auch hier nacheifern. Fast alle Eltern träumen davon, ihren Sohn oder Tochter zum Studium in die USA zu schicken. Dafür stehen sie notfalls tagelang vor der Botschaft Schlange.

Herr Hu aus Hubei zum Beispiel, der für seinen Sohn einen Platz an der Universität in Arizona ergattern will. Nervös tauscht er sich mit einem dubiosen Visum-Agenten aus. "Glauben Sie, er hat noch eine Chance", sagt er, die Stimme zittert. Freudig hastet ein Ehepaar aus der Botschaft, die Wangen gerötet, zwei chinesische Pässe in der Hand. Sie haben es geschafft, dürfen ihre Verwandten in San Francisco besuchen.

Die USA sind das Ziel der Jugend. Nicht den britischen Akzent, sondern breites "American English" wollen sie sprechen. 50 000 Chinesen studieren derzeit zwischen New York und Los Angeles, mehr als in ganz Europa zusammen. Für junge Studienabsolventen ist der Job in einer US-Firma das größte Glück, nur wer dort nichts findet, bewirbt sich bei einem deutschen oder anderen Unternehmen. "Die Amerikaner an sich sind super, nur deren Regierung ist schlecht", sagt Yan. Die 15-jährige aus Tianjin will in Minnesota die Oberschule besuchen. Mit ihrer Jeans und dem ärmellosen Top sieht sie schon heute wie eine High-School-Amerikanerin aus. Ihre Eltern sind durch eine eigene Firma zu Wohlstand gekommen. Sieben Jahre soll Yan in den USA studieren. Wenn sie zurückkommt, wird sie zwischen den beiden Kulturen stehen.

Trotz der Bewunderung - es ist vor allem die Jugend, die den nationalistischen Parolen der KP-Führer von einem "starken China" folgt. Amerika und die Einflüsse des Westens sind für sie wie ein klebrig-süßes Sahneeis. Sie essen es lieber als die traditionellen chinesischen kandierten Früchte, doch gleichzeitig verachten sie sich ein bisschen dafür. Als die US-Raketen vor zwei Jahren die chinesische Botschaft in Belgrad zerstörten, demonstrierten tagsüber Zehntausende Studenten vor der US-Botschaft in Peking. Am Abend saßen die gleichen Studenten still an ihren Schreibtischen und büffelten Englisch - denn in genau den Wochen waren die Aufnahmeprüfungen für die US-Universitäten.

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