Zeitung Heute : Chinas schwieriger Weg ins Internet

MCDONALD[AP]

Unternehmer Lawrence Cheung will das Internet nach China bringen.Und das in einem Land, in dem der größte Teil der Bevölkerung kein Englisch spricht, was nun einmal die Sprache des Internets ist.Der umtriebige Firmengründer aus Schanghai setzt dabei mit seiner Firma WebTV auf ein selbst entwickeltes einfaches Gerät, mit dem aus einem Fernseher ein Internetempfänger wird, der mit ein paar Knöpfen, einer Tastatur und einem Joystick sehr einfach bedient werden kann.

Kleine Firmen wie die Cheungs und Giganten wie Microsoft bemühen sich derzeit gleichermaßen, die technischen, sprachlichen und politischen Hindernisse zu überwinden, um die Chinesen ins Internet zu bringen und sich damit einen Anteil an diesem gigantischen Markt zu sichern."Viele Menschen wollen ins Internet, aber sie sagen sich, "Einen Computer kann ich nicht bedienen, und Englisch kann ich auch nicht.Ich will diese Kluft überwinden", sagt Cheung.Er hofft mit seiner Idee bereits im ersten Geschäftsjahr mehr als 150 000 Kunden zu gewinnen.

Er kann sich dabei auf harte Konkurenz einstellen.Denn auch Microsoft und China Telecom, der Betreiber des größten chinesischen Online-Dienstes, planen zusammen einen fernsehbasierten Internetdienst.Die Geräte sollen Ende des Jahres verfügbar sein.Ein fernsehbasierter Internetanschluß ist in China auch deshalb interessant, weil der Preis für einen konventionellen Computer mit rund 1900 Mark deutlich über dem durchschnittlichen Jahreseinkommen der Chinesen von rund 1300 Mark liegt.Der Web-Receiver von WebTV soll hingegen nur 310 Mark kosten.

Dabei fördert die chinesische Regierung durchaus die Nutzung des Internets.Sie sieht darin vor allem ein Mittel zum Aufbau einer eigenen High-Tech-Industrie.Internet-Cafés, in denen jeder im World Wide Web surfen kann, gibt es in allen größeren Städten.Die staatliche Telefongesellschaft hat erst kürzlich ihre Preise halbiert, um die Nutzung des Internets zu unterstützen.Die Zahl der chinesischen Nutzer hat sich im vergangenen Jahr schon auf 2,1 Millionen vervierfacht, dieses Jahr sollen weitere 1,5 Millionen hinzu kommen.Der Absatz von Personalcomputern stieg um 14 Prozent auf rund 8,4 Milliarden Mark."Wenn dieser Trend anhält, ist China in wenigen Jahren der zweitgrößte Computermarkt auf der Welt", sagt Jim Jarrett, der Präsident der Vertretung des Chipherstellers Intel in China.

In China gibt es inzwischen eigene Internet-Suchmaschinen, Online-Shopping und Web-Seiten von Fußballmannschaften, Zeitungen und Behörden.Überall kann man sich mit einer dreistelligen Telefonnummer ins Internet einwählen.Trotzdem sind viele Surfer unzufrieden.Sie klagen über zu hohe Gebühren und einen schlechten Service bei den mehr als 200 örtlichen Internet-Providern.Zudem ist ihnen der Zugang zu vielen Web-Seiten, die als pornografisch oder politisch gefährlich eingestuft werden, verwehrt.Die häufigsten Beschwerden gibt es aber hinsichtlich der Sprache, wie aus einer Umfrage im Auftrag der Regierung hervorging.Es gebe noch zu wenige Web-Seiten in chinesischer Sprache, so lautet die oft gehörte Kritik.

Hier sehen Unternehmer wie Cheung ihre Chance.Der Regierung machen sie den Aufbau chinesischer Web-Seiten damit schmackhaft, daß dies ein einfacher Weg sei, die Menschen von schädlichen ausländischen Einflüssen fernzuhalten."Viele sagen, das Internet habe keine Grenze.Aber das stimmt nicht", sagte Cheung."Es gibt Grenzen.Sie bestehen in der Sprache und in der Kultur.Und die Chinesen sind sehr heimatbezogen."

Geld verdienen will Cheung, der die erste Lizenz des Landes für den elektronischen Handel besitzt, unter anderem mit dem Verkauf von Werbung und Online-Shopping.Aber dafür ist China wohl noch nicht reif.Der Umfrage zufolge liegt das Familieneinkommen von 75 Prozent der Internetnutzer derzeit unter 430 Mark im Monat."Zuerst geht es darum, die fremde Technik kennenzulernen, dann muß sie den chinesischen Bedürfnissen angepaßt werden", sagt Cheung."Und diesen Punkt haben wir noch lange nicht erreicht."

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