Chinas Wirtschaft : Autos für Ürümqi

Der VW-Konzern will im fernen Nordwesten Chinas Gutes tun. In Ürümqi, in der von der muslimischen Minderheit der Uiguren bewohnten Xinjiang-Region, baut VW ein neues Werk. Zwölf hat der deutsche Konzern schon in China, sieben weitere kommen hinzu, fünf davon sollen noch 2013 eröffnet werden. In Ürümqi werden aber nicht nur Autos entstehen, sondern gleichsam eine bessere Welt – „made by Volkswagen“.

Das Turkvolk der Uiguren fühlt sich durch die chinesische Fremdherrschaft unterdrückt. Deshalb will VW die Uiguren in die Belegschaft des Werkes integrieren. Man habe die Absicht, „Minderheiten „entsprechend der Anteile in der Bevölkerung auch bei uns zu beschäftigen“, verspricht der VW-China-Chef.

Eine „Win-Win-Situation“: VW erweitert seinen weltweit wichtigsten Absatzmarkt, und die kommunistische Regierung findet einen Verbündeten für ihre „Go West“-Strategie, rückständige Gebiete im Westen des Landes zu entwickeln. Der Glaube an einen Gewinn für alle hat Chinas Wirtschaft zum Blühen gebracht: Die Kapitalisten haben Milliarden investiert, die Kommunisten haben ihrem Milliarden-Volk Wohlstand versprochen. Das hat für Planungssicherheit hier und eine zweifelhafte politische Ruhe dort gesorgt.

Eine Vielzahl von Unternehmen und eine kleine Zahl von Chinesen haben tatsächlich gewonnen. Doch seit einiger Zeit wachsen die Sorgen, dass der chinesische Aufschwung vorbei sein könnte. Pessimisten warnen sogar vor einer Spekulationsblase, die platzen und alle Wachstumshoffnungen zerstören könnte. Indizien dafür gibt es. Im Bankensektor trauen sich die Geldhäuser nicht mehr über den Weg, die Zinsen, zu denen sie sich Geld leihen, sind zeitweise explodiert. Zugleich tickt in den Büchern der Schattenbanken eine Zeitbombe aus versteckten Risiken. Der Export ist im Juni überraschend gesunken. Die Inflationsrate steigt, der Immobilienmarkt ist überhitzt. Das Wachstum könnte 2013 auf sieben Prozent sinken, warnte Finanzminister Lou Jiwei am Freitag. Derart pessimistisch hat sich bisher kein Regierungsmitglied geäußert. Käme es so, wäre es das erste Mal, dass China das von der Regierung verordnete Wachstumsziel verfehlt.

„Noch vor einem Jahr hätte ein derart niedriges Ziel eine weltweite Panik ausgelöst“, kommentierte eine Analystin. Inzwischen hat man sich an den realistischen Ton aus Peking gewöhnt. Stockt oder scheitert aber der wirtschaftliche Umbau Chinas, hätte sich nicht nur Volkswagen verrechnet. Auch mit der politisch erzwungenen Ruhe im Land könnte es dann vorbei sein. Henrik Mortsiefer

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