Zeitung Heute : Chinesische Spezialitäten

Das Reich der Mitte öffnet seine Finanzmärkte auch für deutsche Anleger

Udo Rettberg

Wohl kaum ein anderes Land hat derzeit einen so großen Einfluss auf das global vagabundierende Kapital wie China. Das Reich der Mitte hat in den vergangenen Jahren exorbitante Wachstumsraten erzielt, hohe Überschüsse im Außenhandel gemacht und somit gigantische Devisenreserven aufgebaut. An den Aktienbörsen in Shanghai und Shenzhen kommt dieser Wirtschaftsboom indes noch nicht zum Ausdruck. Ein Grund hierfür liegt darin, dass ausländisches Kapital noch nicht ungestört nach China fließen kann und dass die nicht selten noch von staatlichen Stellen kontrollierten Aktiengesellschaften derzeit vor allem nach Größe streben und Ertrags-Aspekte dabei in den Hintergrund geraten.

Der Gedanke dahinter ist bei erster Überlegung durchaus einleuchtend: In einer kommenden Krise, so die Meinung der Chinesen, werden wohl vor allem Unternehmensriesen überleben. Dies zumal, da diese teilweise noch in Staatsbesitz befindlichen Unternehmen in Krisenzeiten auf die finanzielle Unterstützung der staatlichen Banken rechnen können. Festzustellen bleibt also, dass es Chinas Unternehmens-Landschaft noch an Stabilität fehlt und dementsprechend große Risiken existieren. Um diesen Risiken in Zukunft wirksam begegnen zu können, baut Peking derzeit die Angebotspalette der existierenden Terminbörsen aus. In Planung befindet sich neben Rohstoff-Terminbörsen inzwischen auch die erste Finanz-Terminbörse.

Risiken für Chinas Wirtschaft kommen auch aus der stärkeren internationalen Einbindung. Denn über kurz oder lang werden die Regierungsverantwortlichen in Beijing nicht umhin kommen, die derzeit noch regulierte eigene Währung Yuan dem freien Spiel der Marktkräfte freizugeben. Fast alle Experten sind sich einig, dass der Yuan dann eine starke Aufwertung erfahren wird.

Diesem Liberalisierungsschritt auf der Devisenseite dürfte in den nächsten Jahren auch eine stärkere Öffnung und Vereinheitlichung des chinesischen Aktienmarktes kommen. Bekanntlich sind Chinas Wertpapierbörsen sehr stark zersplittert. So gibt es A-Aktien, die nur für im Inland lebende Chinesen und für einige institutionelle Anleger aus dem Ausland handelbar sind. Die so genannten B-Aktien können von Ausländern und auch von Inlands-Chinesen gekauft werden. Frei zugänglich für Ausländer sind indes H-Aktien, die an der Börse in Hongkong gehandelt werden. Darüber hinaus gibt es noch für Ausländer zugängliche Red-Chips. Das sind knapp 30 Unternehmen, die ihren Firmensitz in Hongkong haben und einen Großteil ihres Umsatzes in China erzielen. Hinzu kommen die so genannten State-Aktien, die vom chinesischen Staat gehalten werden, sowie die LP-Aktien, die im Besitz von Staats- und Privatunternehmen gehalten werden. Die beiden letztgenannten Aktiengattungen werden allerdings nicht an Börsen gehandelt.

Früher oder später dürfte es zu einer Vereinheitlichung der Aktienkategorien an den chinesischen Börsen kommen. Dies legt den Schluss nahe, dass die steile Talfahrt der chinesischen Aktienkurse zu Ende gehen wird, wie sich derzeit bereits andeutet. Ausländische Anleger könnten also bei China-Investments doppelt profitieren – nämlich von einem steigenden Yuan-Kurs und von steigenden Aktienkursen. Heute weisen die im Shenzhen-B Index enthaltenen Aktien eine vergleichsweise solide Bewertung auf.

Deutsche Anleger können sich über verschiedene Zertifikate am chinesischen Aktienmarkt einkaufen. So existieren Open-End-Zertifikate auf den China Shenzhen B-Share-Index und auf den Hang Seng China Enterprises Indes. Darüber hinaus werden an der Euwax in Stuttgart drei Bonus Zertifikate auf den Hang Seng China Enterprises-Index mit Laufzeiten bis zum 30. Dezember 2010 notiert.

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