Zeitung Heute : Chirurgisch präzise Pässe

Der Tagesspiegel

Von Andre Voigt

Leverkusen. Als die Basketballer von Alba Berlin gestern von ihrer Dienstreise aus Leverkusen zurückkehrten, gab es Grund zur Erleichterung. Mit 85:79 (25:27) hatte der Meister gegen die Bayer Giants gewonnen und sich so im ersten Spiel der Viertelfinalserie den Heimvorteil zurückerobert. Schön anzusehen war dies gegen die teilweise erschreckend kopflos agierenden Leverkusener zwar nicht, aber darum kümmerte sich an diesem Abend niemand im Berliner Mannschaftsbus.

Es war ein Sieg fürs Selbstbewusstsein, das in diesen Tagen – einem zarten Pflänzchen gleich – gehegt und gepflegt werden will. Noch Ende März hatte es eine derbe 85:102-Demontage in Leverkusen gesetzt. Eine Niederlage, die Alba nicht nur in eine tiefe Sinnkrise, sondern auch auf den ungeliebten fünften Tabellenplatz gestürzt hatte. Der Heimvorteil in der ersten Play-off-Runde war dahin, die Legende vom Meisterteam, das auf den Punkt topfit ist, war zur Fabel geworden. „Wir haben intensiv verteidigt und den Ball gut unter den Korb gebracht“, sagte Marco Pesic, der am Ende mit drei verwandelten Freiwürfen den Sieg zementierte. „Außerdem haben wir nicht zugelassen, dass die Leverkusener ihr Spiel aufziehen.“

In der Tat fanden die Giants von Beginn an kein wirksames Mittel gegen die Defensivtaktik Berlins. Mutapcics Mannschaft konzentrierte sich auf die größte Stärke der Hausherren, den Distanzwurf. Immer wieder zwangen die Aufbau- und Flügelspieler ihre Gegner zu abenteuerlichen Aktionen, die nur selten von Erfolg gekrönt waren. Die logische Konsequenz: eine mit 38 Prozent desaströse Wurfquote Bayers. „Wir haben heute einfach nichts getroffen“, haderte Leverkusens John Best mit dem Schicksal und seiner eigenen Leistung. „Es war wie ein böser Traum. Wir haben nie unseren Rhythmus gefunden." Alba hingegen glänzte in der ersten Hälfte mit einem chirurgisch präzisen Passspiel, dass immer wieder große Lücken in die Defensive der Giants riss.

Angeführt von Derrick Phelps und Henrik Rödl suchten alle Alba-Akteure den direkten Weg zum Korb, um dort gegen die körperlich unterlegenen Gastgeber zum Abschluss zu kommen. Berlin wirkte dominant und strahlte diese gewisse Arroganz aus, die sich nur ein Meister erlauben kann.

Im zweiten Durchgang war von dieser Selbstsicherheit nicht mehr viel zu sehen. Ohne erkennbaren Grund schlichen sich in die Aktionen der Berliner Angst und Unsicherheit. Als wollten sie sich der Leverkusener Tagesform anpassen, spielten sie einfachste Pässe dem Gegner nur so in die Arme. Die Unkonzentriertheit auf beiden Seiten gipfelte schließlich in einer Slapstickeinlage im dritten Viertel. Da wurde zunächst der sehr glücklos agierende Darnell Mee von Wendell Alexis beim Korbleger mustergültig geblockt. Der abprallende Ball wechselte dann in kürzester Zeit mehrmals den Besitzer, bis schließlich der Leverkusener John Best bei seinem Dreierversuch den Korb verfehlte und der Rebound seinen Teamkollegen Uvis Helmanis am Kopf traf.

„Beide Teams können auf jeden Fall besser spielen“, sagte Albas Trainer Mutapcic. Auch ihm war die Erleichterung anzumerken. Er weiß, dass dieses Pflänzchen Selbstbewusstsein im Moment jeden Tropfen Wasser und vor allem den Heimvorteil braucht.

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