Christentum : Der nimmermüde Kirchengängler

Wenn dir die Tür nicht aufgetan wird, dann hau ein Loch ins Dach! Bischof Wolfgang Huber hat den Ehrgeiz in die evangelische Kirche gebracht, sie moderner, schneller, dynamischer gemacht – und damit manchen auch genervt. Zum Abschied eines Streitbaren

Claudia Keller

Unter der hohen Kuppel mit dem üppigen Gold hat alles eine Ordnung. Deshalb sitzt links vor dem Altar Bischof Wolfgang Huber und muss warten, bis er dran ist. Es ist der vergangene Sonntag, kurz nach zehn.

Huber streicht sein weißes Gewand glatt und rutscht auf dem einfachen Holzstuhl herum. Er will Dinge vorantreiben und hat nicht mehr viel Zeit. Ein letztes Mal will er als Bischof predigen im glanzvollen Berliner Dom. Der Gottesdienst, der gleich beginnen wird, leitet seine Abschiedswoche ein. Huber ist 67 Jahre alt und damit zu alt für das Bischofsamt, schon kommenden Dienstag wird sein Nachfolger gewählt, damit verliert die evangelische Kirche ihr Gesicht und ihre wichtigste Stimme.

Zu Hubers letztem Gottesdienst im glanzvollen Berliner Dom sind hunderte Berliner und Touristen gekommen, sitzen nun in den Bankreihen eng beieinander. Der Organist spielt das Kirchenlied „Er weckt mich alle Morgen“. Chor und Gemeinde singen „Er will, dass ich mich füge, ich gehe nicht zurück“.

Sich fügen, sich klein machen, demütig sein. Das verbinden viele Menschen mit Kirche. Wolfgang Huber hat versucht, dieses Bild zu verändern. Sich fügen unter Gottes Macht: ja. Demütig sein: ja. Aber sich klein machen? Nein.

Seit 15 Jahren ist Huber Berliner Bischof, seit sechs Jahren oberster Chef der evangelischen Kirche in Deutschland. Jeder kennt sein Gesicht. Immer wieder stand er vor Kameras, saß in Talkshows, schrieb in Zeitungen. Er hat seine Kirche zum öffentlichen Thema gemacht wie seit 30 Jahren kein Bischof mehr. Er hat sich in politische Debatten eingemischt und gekämpft: gegen Familienarmut, Ungerechtigkeiten, Fortschrittsgläubigkeit, Raffgier.

Huber, der Macher. Der Streber und Hoffer, der Vorwärtsprescher und ewig Fordernde, der sich mit Kanzler und Papst anlegt, weil er sich nicht abfinden will mit der Welt, wie sie ist.

Die Gottesdienstregularien legen fest, dass vor der Predigt noch Schuldbekenntnis, Gebet und Bibellesungen kommen. Dann endlich ist der Bischof dran. Er geht eine Wendeltreppe hinauf.

Kinderbücher zeigen auch heute noch Kirchenmänner als dickbäuchige, rotnasige Gemütsmenschen. Einen wie Huber zeigen sie nicht. Er geht zügig und mit spannungsgeladenem Federn in den Beinen die Treppe hoch, bis er eingerahmt von dunklen Holzschnitzereien auf der Predigtkanzel erscheint. Er steht da wie die Kerzen auf dem Altar, schlank, hochgewachsen und gerade. Noch ein Schluck Wasser und ein Blick nach oben. Dann schickt er seine Sätze los: klar und nüchtern. Er erzählt die Geschichte von Jesus in Kapernaum. Jesus hält sich in einem Haus bei einem Kranken auf, als die Dörfler herbeilaufen, um den Wunderheiler zu sehen. Sie verstopfen den Hauseingang, sodass keiner mehr zur Tür hineinkommt. Da schlagen vier Männer ein Loch ins Dach, um ihren gelähmten Freund von oben zu Jesus hinabzulassen. Und Jesus heilt den Gelähmten.

Das ist die Geschichte, die die evangelische Kirche ihren Pfarrern überall in Deutschland zentral für diesen Sonntag Mitte Oktober zur Auslegung vorgibt. Dass Huber ausgerechnet über diese Stelle predigt, ist also Zufall. Man muss nur glauben, dann wird man geheilt, so was könnte er jetzt sagen. Aber Huber, dem Hirten von 25 Millionen Protestanten, geht es weniger um das Wunder. Es geht ihm um den „Hausfriedensbruch“, den die Männer in Kauf nehmen, um Jesus zu erreichen. Er macht aus der Geschichte von der Heilung des Gelähmten sein Vermächtnis. Es gebe so viel „lähmende Orientierungslosigkeit“, ruft Huber von der Kanzel. Egal, ob Abteilungsleiter oder Politiker, ob Hausfrau oder Banker, viele seien bei hoher Drehzahl stillgelegt, das Leben im Hamsterrad sei ein Zustand überdrehter Erstarrung. „Kommt heraus aus der Lähmung“, ruft er, „wenn nicht durch die Tür, dann übers Dach“. So wie er selbst es stets gemacht hat.

Huber brachte die Ordnung durcheinander, überschritt Grenzen, in seiner Kirche und draußen. „Die Hoffnung – ist – nicht – zu – kühn, – dass – sich – die – Welt – verändert.“ Der Bischof wippt mit jedem Wort auf die Zehenspitzen, um ihnen noch mehr Dynamik zu geben. Wippend und federnd hat er in den vergangenen Jahren die Republik mit Kommentaren, Warnungen und Appellen überzogen, hat für Frieden und Gerechtigkeit gekämpft, für alleinerziehende Mütter, Hartz-IV-Empfänger und arme Kinder, er hat den Atheisten und der katholischen Kirche die Stirn geboten und gegen gierige Manager und Sterbehilfe gestritten. Wenn die Katholiken noch an Stellungnahmen feilten, stand der oberste Protestant in Berlin schon vor den Mikrofonen. Das gefiel nicht allen. Huber nervte auch und riskierte, dass es hieß: „Der Huber, nicht schon wieder!“ Aber er machte weiter.

Vor 20 Jahren haben sich Gelähmte auf den Weg gemacht und die Mauer zum Einsturz gebracht, ruft er den Zuhörern im Dom jetzt zu und ballt die gepflegten Hände. Nicht wie zum Kampf. Eher so, als würde er etwas festhalten wollen. Die Ausdauer vielleicht, die Hartnäckigkeit oder das Vertrauen, das nötig ist, um ungewöhnliche Wege zu gehen.

Von hoch oben schaut eine riesige weiße Figur auf den Bischof herab. Martin Luther. Auch einer, der die Ordnung durcheinander brachte. Er ist Hubers Vorbild, er war es schon damals, als Huber als linker Ethikprofessor in Heidelberg gelehrt und als Kirchentagspräsident die Friedensbewegung mit angeschoben hat. 1993 wurde Huber Berliner Bischof, 2003 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seitdem sieht er sich noch konkreter in Luthers Nachfolge. Manchmal auch als sein Nachfolger.

Vor zwei Jahren zum Beispiel. Da versuchte Huber, seine Kirche zu weitreichenden Veränderungen zu überreden und wählte für seinen Auftritt auf dem „Zukunftskongress“ Luthers Predigtkirche in Wittenberg. Jetzt geht die Eitelkeit völlig mit ihm durch, spotteten welche. Er verordnete seinen Pfarrern und Bischöfen, Profis und Ehrenamtlichen ein ehrgeiziges Programm, auf dass sie aufhören mit Angst und Kleinmut, Türen öffnen und nutzlos Tradiertes hinausschmeißen. Er wolle die Kirche zum Konzern machen, mit Managern und Leistungsprinzip, fürchteten viele.

Der Hausfrieden war gebrochen, Huber riskierte, dass das Dach am Ende ganz einstürzt. Und machte weiter. Mit Erfolg: Zwei Jahre später haben viele in der Kirche Lust, Neues auszuprobieren. Zufrieden ist Huber damit aber nicht. „Alles Fragment“, sagte er und gab unlängst bei einer „Zukunftswerkstatt“ seinen Leuten erneut eins mit: Sie seien milieuverhaftet, würden auf Pump leben und blinden Aktionismus betreiben.

Bei Pfarrern, die sich zwölf Stunden am Tag kümmern, organisieren und Geld sparen müssen, kommt so was nicht gut an. Auch nicht bei allen, die nach Feierabend in der Kirche ehrenamtlich die Stufen putzen, Blumen aufstellen und in evangelischen Krankenhäusern Patienten besuchen. Huber solle mal halblang machen, blaffte es zurück. Er überfordere seine Leute. Es sei schon viel erreicht, wenn die Kirche dem Heiligen Geist nicht im Wege stehe. „Wenn er weg ist, können wir endlich wieder Fehler machen”, sagen Mitarbeiter.

Der Gottesdienst im Dom ist zu Ende. Vor der Tür wartet der Fahrer in der schwarzen Dienstlimousine. 4000 Kilometer hat der Wagen monatlich zurückgelegt und den Bischof zu Tagungen und Gemeindefesten gebracht, zu Empfängen und Bällen, politischen Gremien und Wirtschaftsrunden. Der Wagen ist ausgestattet mit Telefon, Drucker und Schreibpult. Huber lässt sich in den Sitz fallen und atmet durch. Der nächste Termin ist in einer halben Stunde in Charlottenburg. Dort sitzen 40 Jugendliche der Landesjugendversammlung in einem schmucklosen Raum mit Bühne.

Ein Mädchen in Röhrenjeans singt, ein Junge mit Pudelmütze gibt den Rhythmus vor, ein Mann spielt Gitarre. Huber hat das weiße Gewand mit einem schwarzen Talar vertauscht und unterbricht mit seinen klaren und wenig geduldigen Sätzen die Gitarrengemütlichkeit. Er wiederholt die Geschichte mit dem Gelähmten in Kapernaum. „Kommt heraus aus der Lähmung, brecht auf, geht aufeinander zu“, sagt er den Jugendlichen und schaut sie fest an.

Er möchte sie so gerne überzeugen, ein letztes Mal als Bischof. Die jungen Männer und Frauen gehen mit seinen Sätzen mit, freuen sich über seine Beschreibung von Kapernaum als „Kaff, in dem alles nach Fisch stinkt“ und nicken, als er vom Aufbrechen spricht. Viel Zeit zum Reden bleibt nicht. Der nächste Termin beginnt in 20 Minuten in Kreuzberg.

Menschen werden bewundert für ihre Stärken. Geliebt werden sie für ihre Schwächen. Während der Wagen durch die schüchterne Herbstsonne gleitet, fragt man, ob einer wie Huber auch mal an seine Grenzen stößt? Zweifelt, unsicher ist? „Der ist ganz nah am Wasser gebaut”, sagte ein Freund und erinnerte daran, wie sich Hubers Enttäuschung in Tränen auflöste, als er 1997 nicht zum EKD-Chef gewählt wurde. Erst sechs Jahre später klappte es. Auch bei Beerdigungen oder Reden über die Schönheit des Protestantismus würden seine Augen schnell feucht.

Es sei gerade am Anfang nicht leicht gewesen, antwortet Huber. Schon im zweiten Jahr als Berliner Bischof musste er Mitarbeitern kündigen. Und es gab Tage, an denen er nicht wusste, was er sagen sollte. Am 11. September 2001, oder nach dem Mord an einem kleinen Mädchen in Eberswalde.

Er habe gelernt, auch mal den Mund zu halten und Psalme und Rituale wirken zu lassen. „Die Innenseite gelebter Frömmigkeit hat an Intensität zugenommen.“ Wenn Wolfgang Huber über Persönliches spricht, legen sich seine Sätze einen Schutzmantel aus Substantiven um. Ob er sagen wolle, dass er frommer geworden sei? Ja, so könne man es auch ausdrücken.

Es fällt ihm schwer, über seine Grenzen zu sprechen. Vielleicht liegt das an der Familie. Der Großvater war in der Weimarer Republik Reichsgerichtspräsident. Der Vater war der Jurist Ernst Rudolf Huber, ein Schüler Carl Schmitts und der maßgebliche Verfassungsrechtler des Dritten Reiches. Die Mutter war Anwältin. „Anwalt“, korrigiert Huber. Sie habe auf der männlichen Anrede bestanden. Eine Familie von Leistungsträgern, die wohl nicht immer leicht an ihrer Leistung trugen. Wolfgang Huber war der jüngste von fünf Söhnen und musste sich besonders anstrengen. Einmal habe er das Weihnachtsevangelium auswendig gelernt, weil er es den Großen zeigen wollte.

Der schwarze Wagen hält vor einer Kirche in Kreuzberg. Drinnen dreht sich alles um Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen. Es ist die jährliche Kunstauktion der Landeskirche. Der Bischof ist Schirmherr und spricht ein Grußwort. Dann kauft er sich ein belegtes Brötchen und ein Glas Wasser. Er schüttelt Hände, umarmt manche, streicht über Kinderköpfe. Bekannte wollen wissen, wie das ist mit dem Abschied vom Amt. Er werde sich eine Auszeit mit seiner Frau nehmen, dann ist er für zweieinhalb Monate in einem Forschungsinstitut in Südafrika, sagt Huber und beißt ins Brötchen. „Mir fällt der Abschied nicht so schwer.“ „Na ja“, sagt der Chef eines Kirchenkreises, „glauben Sie ihm das mal nicht. Das geht ihm ganz schön nah.“

Vergangene Woche haben sie ihm bei einer Tagung an einem See im Brandenburgischen einen Abend ausgerichtet. Mit Posaunen, Saxophon und Gedichten. „Er ist doch noch so jung und auch noch so vital, wär’ er jetzt katholisch, würd’ er Kardinal“, haben die Leiter der Kirchenkreise gereimt zur Melodie „Rote Lippen soll man küssen“. Das hat mich sehr gerührt, sagt Huber. Auch ein Quiz haben sie mit ihm veranstaltet, bei dem er nicht alles wusste.

Und dann habe er eine Probe seines Redetalents geben und sich für den Erhalt des fiktiven märkischen Hilfsvereins einsetzen müssen. Das habe so Spaß gemacht, er habe so gelacht, erzählt Huber, dass ihm beim Reden die Tränen über die Wangen gelaufen seien. So viel Gefühl.

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