Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Neues aus der Horrorwelt des Alterns

Unsere Autorin erschrickt vor Badezimmer-Touchscreens und 90-jährigen Autofahrern.

Ich möchte bitte nie, nie, nie, nie alt werden. Jedenfalls nicht so.

Man muss sich nur einmal vor Augen halten, wie meine Generation (charmant ausgedrückt 40+, uncharmant 50–) mit dem Alter terrorisiert wird. Kein nächtlicher Griff zur Fernbedienung im Hotel, ohne dass einen Doku-Soaps über Pflegeheime, Alzheimer-Prophylaxe, Altersvorsorge, Altersteilzeit, Altersarmut, Alterswahnsinn, Altersgewalt, Alterssuff oder Alterssex überschwemmen.

Kleine Kostprobe gefällig? Das ARD-Morgenmagazin bestritt seine Reportage-Strecke in dieser Woche unter dem Titel „Wenn ich mal alt bin“ und untersuchte darin den Nutzen von Badezimmer-Touchscreens mit geisterbahnreif klappernden Gebissen drauf (sollte die SeniorIn die Mundhygiene einmal vernachlässigt haben). Bei 37° ging es flankierend um 90-Jährige, die nicht von ihrem Auto lassen wollen und dabei Bushaltestellen samt Müttern mit kleinen Kindern umsäbeln („Einfach nicht zu bremsen“). Irgendwo, den Kanal habe ich vergessen, ist außerdem eine frische Demenz-Reihe angelaufen, auf deren sprechenden Titel ich bestimmt gleich komme und in der man den guten Willi orientierungslos durch München stapfen sieht, während Britta aus Ostpreußen statt ihres Hündchens ein Stofftier in den Arm jedrückt kricht und damit jenauso glücklich ist. Da fallen mir „Omas Tipps“ aus der „Neuen Welt“ ein: „Diebe haben keine Chance, wenn man alte Kreditkarten in kleine Stücke schneidet und in verschiedenen Mülleimern entsorgt.“ Das, wie die „FAS“ hilfreich bemerkte, geht auch mit neuen Kreditkarten. Und mit Geldscheinen.

Das ist die eine Seite. Die andere spielt auf Traumschiffen oder in Filmfamilien, in denen Iris Berben, offiziell 60, eine Mutter mimt, die hüben mit dementen Elternteilen, drüben mit pubertierenden Rotzgören und nebenbei mit den ersten (!) Anzeichen der eigenen Wechseljahre kämpft, trockene Schleimhäute und so. Apropos, haben Sie den letzten „Stern“ gelesen? „Heiße Zeiten: Mit neuem Selbstbewusstsein durch die Wechseljahre“. Warum die Dame auf dem Cover einerseits nackig sein muss und andererseits so g’schamig tut, dass man doch nix sieht, wird leider nicht erklärt. Im Heft lernen wir, dass sie 50 ist und die „schrecklichen Unregelmäßigkeiten“ bei ihr schon mit 40 begonnen haben – mit 40!

Bestimmt war Mutter Natur auch gerade voll im Stress mit pubertierenden Elternteilen und dementen Rotzgören, als sie Frau und Mann schuf, anders kann man sich die Geschlechterdifferenz einfach nicht erklären. Der „Focus“ jedenfalls ergründet aktuell die „Wahrheit über Männer“ („Sex, Karriere, Familie und geheime Ängste“), was Til Schweiger einschließt und den Besuch in einer Schießanlage de luxe („Feiste Keiler im Keller“). Und warum gehen 78- jährige Träger von XY-Chromosomen drei Monate auf Kreuzfahrt? Weil sie „mitten im Leben stehen“ und auch mal ’n bisschen Entspannung brauchen. (Quelle: ZDF)

Bleibt die Frage, was sich zwischen den neuen Hyper-Agies und den armen alten Brittas aus Ostpreußen so tut. Ich und die Medienindustrie hegen da den gleichen Verdacht: Es gibt Menschen, die werden ganz normal alt. Wie meine Klavierlehrerin, die zum Vegetarismus übertrat und eines schönen Sommertages ihren Nerzmantel rasierte (nass); wie meine Mutter, die mit ihren 70 und ein paar Zerquetschten jeden Tag 15 Kilometer zu Fuß geht (wohin eigentlich?); wie meine Tante, 84, die das Haus nur noch verlässt, um in der örtlichen Bücherei Nachschub zu fassen. Und wenn sie als amtierende örtliche „Leserin des Jahres“ mit dem Lesen fertig ist, dann setzt sie sich in ihren Schaukelstuhl, legt sich ihr Strickzeug in den Schoß, genehmigt sich ein Likörchen und macht ein Nickerchen. Das, liebe Gene, ließe ich mir gefallen.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

Autor

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