Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Wenn der Hund vom Himmel fällt

Also ich würde mir ja niemals einen Hund anschaffen. Die Zeit! Der Dreck! Die Möbel! Die anderen Hunde und vor allem -besitzer! Nachts um halb eins mit zwei fletschenden Tölen an den Leinen im Regen stehen und sich darüber austauschen, ob „er“ oder „sie“ nun endlich gemacht hat?

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey.Foto: Mike Wolff

Knochen und anderes widerliches Fleischzeugs in einen Vegetarierhaushalt schleppen? Die nächsten 12 oder 15 Jahre nicht mehr ausschlafen können?

Ohne mich. Wuff!

Außerdem: Was liest man nicht alles Grässliches über Hunde! In Berlin! Fünf Männer klauen neun Hundewelpen! Labrador von Balkon im dritten Stock gestürzt! Polizei schießt 20 Mal auf Pitbull und trifft Frau! Wobei die Dichte der Ereignisse statistisch logisch ist: Geschätzte 150 000 Vierbeiner treiben an der Spree ihr Unwesen, dem Land beschert das aktuell satte zehneinhalb Millionen Euro Steuern. Erklärte man Berlin hundehasserisch zur pfotenfreien Zone, es würden noch weniger S-Bahnen fahren, und das mit den drei Opernhäusern könnten wir sowieso vergessen. Menschen, die keine Kinder in die Welt setzen, aber Kultur subventionieren, fette Autos fahren und Bücher von Thilo Sarrazin lesen, sagt unser Hausmeister, gehören in die orangene Tonne. Abgesehen davon, dass ich weder ein fettes noch ein mageres Auto fahre und Herrn Sarrazin nicht vollumfänglich unrecht geben würde, wird mir bei solchen Sätzen immer blümerant. Ist die menschliche Reproduktion, sind Kinder nicht der größte Größenwahn? Fuß!

Doch dann trat Fuchsi in mein Leben, der süßeste und klügste X-Generationen-Mix mit dem strammsten Ärschchen, das die Welt kennt, und seither weiß ich, dass Hunde in die Welt setzen eine echte Alternative darstellt, knuddelknuddel. Der Mensch mit Hund ist einfach der bessere Mensch. Ohne Fuchsi hetze ich durchs Leben; mit Fuchsi bin ich seit 5 Uhr 50 wach, Fresschen gebend, Stöckchen werfend, Balli spielend, bestens gelauntchen, und sehe auf dem Weg ins Büro den Flieder knospen. Ohne Fuchsi meide ich Menschen; mit Fuchsi lerne ich Möpse namens Evi kennen, die rosa Krawatten tragen, und gebe mein Wissen über „Extinktion“ weiter (wie vergisst mein Hund das Betteln bei Tisch?), an die Herrchen natürlich, nicht an Evi, oder warne vor dem Verzehr von Topf-Azaleen und Blockschokolade, Evi natürlich, nicht die Herrchen. Ohne Fuchsi wäre ich eines Tages an meinem Schreibtisch festgewachsen; mit Fuchsi komme ich, äh, kaum noch zum Arbeiten, feinifeini. Mein Hausarzt findet das gut. Und das Auflesen von Fuchsis Häufchen ist dank der von der Stadt spendierten Öko-Papiertüten (die mit dem Schnappverschluss) auch überhaupt kein Problem. Guter Hund!

Dabei wurde mir das Frauchen-Dasein nicht an der Wiege gesungen. In der Familie gab es nur Mampe, der zwar über einen exorbitanten Jagdtrieb verfügte, sich auf der Jagd aber als hysterischer Versager erwies, weshalb er bei meinen jagdunlustigen Großeltern landete und dort blieb. Mampe hieß so nach dem Berliner Bitterorangen-Likör „Mampe Halb und Halb“, der es von der Cholera-Arznei bis zum Kultgetränk gebracht hatte. In den 70er Jahren stürmte Hertha in Mampe-Trikots die Bundesliga! Platz! Heute gibt es die Mampe-Group und ein Mampe-Museum – und den Likör immer noch.

Ich habe mir jetzt vorsorglich ein paar Fläschchen davon kommen lassen, ein preußischer Spritz lässt sich allemal daraus mixen. Zum Trost, wenn Fuchsi, die leider nur vorübergehend bei uns weilt, als Musterhund gewissermaßen, uns demnächst wieder verlässt. Und um mir den Weg zurück zum schlechteren Menschen und in die orangene Tonne so angenehm wie möglich zu gestalten. Hick. Sitz.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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