Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Wie ich dem Tod von der Schippe sprang

Also ich würde mir ja nie den "Stern" kaufen.

Christine Lemke-Matwey
Foto: Mike Wolff

Also ich würde mir ja nie den „Stern“ kaufen. Dann lieber gleich die „Bunte“. Oder „Blonde“, da erfährt man wenigstens etwas über Zeitgeist und Ästhetik. „Blonde“ lesen (oder gucken) ist wie in Doris Dörries „Friseuse“ gehen. Quatsch: Wer „Blonde“ guckt, braucht keine Friseusen mehr! Auch die Lektüre von Blogger-Romanen oder Besuche im Berghain erübrigen sich auf diese Weise. Leute wie mich, die von schnellem Sex und Kokain- Orgien nur aus den Feuilleton-Debatten der „FAZ“ erfahren, beruhigt das.

Unlängst aber musste ich den „Stern“ einfach zur Hand nehmen. Warum es trotz Zuzahlung besser ist, gesetzlich versichert zu sein, wollte ich wissen. Meine Erfahrung lehrt nämlich das Gegenteil. Ich war immer gesetzlich krankenversichert, das ist es ja. Die Gesetzlichen, behauptet der „Stern“, seien besser, weil rhabarberrhabarber … (hier dürfen Sie jetzt den üblichen Rattenschwanz an üblichen Argumenten und kostenexplosiven Statistiken einfügen; getretener Quark macht breit, nicht stark, sagt Goethe). Nach Reportagen wie dieser müsste die SPD eigentlich stante pede mit der AOK fusionieren.

Zu den Realitäten. Man ist sicher selber schuld, wenn man sich einen Hausarzt sucht, den überproportional viele Schauspieler und Kommunikationsdesigner konsultieren. Der Doktor ist trotzdem gut, und mich hat es nie gestört, beim Eintreten links herum zu gehen, ins Wartezimmer der Allgemeinheit – und nicht rechts herum, wohin die Schönen und Wichtigen auf Wolken sanfter klassischer Musik entschweben. Echt, ich mag Menschen, auch wenn sich die, die nicht so gut riechen oder suppende Ausschläge haben, immer ganz eng neben mich setzen.

So weit, würde ich sagen, ist unser Gesundheitssystem okay. Kritisch wird es erst, wenn man einen Facharzt braucht, das sagt auch Herr Fröhlich, mein fröhlicher Versicherungsberater, der für mich lauter tolle Zukunftsmodelle entwickelt. Nur zuschlagen müsste ich endlich, sonst wird Herr Fröhlich traurig und am Ende selber krank. Außerdem bin ich ganz bestimmt ganz bald Privatpatientin. Haben Sie schon einmal versucht, bei einem Rheumatologen „zeitnah“ einen Termin zu bekommen? Ein Drittel der kontaktierten Praxen (in Berlin) existiert nicht mehr, weil sie für ihre sündteure Labor- und Gerätemedizin pro Nase pro Quartal eben nur einsfuffzig abrechnen dürfen. Das zweite Drittel möchte seine Telefonleitungen von Kassenpatienten weitgehend frei halten. Und das dritte Drittel haust in Stadtteilen, deren Bevölkerung zu 180 Prozent rheumakrank sein muss, sonst wäre es da unmöglich so voll.

Der erste Arzt, zu dem ich vordrang, gähnte und riet mir, mit der Behandlung sechs Wochen zu warten. Oder sieben. Der zweite Arzt erzählte etwas von einem Nuschelnuschel-Syndrom, das befiele vor allem Frauen in meinem Alter, die sich leicht aufregten. Herzlichen Dank.

Vielleicht wäre eine privatärztliche Diagnose nicht anders ausgefallen. Der wohlig gebräunte Mittfünfziger aber hätte mir bei einer Tasse Yogi-Tee versichert, dass Schmerzen nie sinnlos sind, und das hätte seinem Ethos und mir gut getan. Das Syndrom habe ich zu Hause natürlich gleich ergoogelt. Äußerst selten, aha, wurde auch in Sambia nachgewiesen. In Sambia, googelgoogel, liegt die Lebenserwartung bei 37,5 Jahren. So gesehen bin ich dem Tod gerade eben noch von der Schippe gesprungen. Für meine „Wunschbeerdigung“ bietet mir meine Gesetzliche übrigens eine private Sterbegeldversicherung an: Jahresbeitrag, je nach Alter, bis zu 1525,80 Euro. Für das Geld könnte ich mir zehn „Stern“- Abos leisten. Ich glaube, dann möchte ich doch lieber tot sein.

Herr Fröhlich, sind Sie noch da?

Hier schreiben im Wechsel: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Moritz Rinke und Elena Senft.

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