Christine Lemke-Matwey graust’s vor gar nichts : Wie ich meine Geige vom Schrank holte

Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-MatweyFoto: Mike Wolfff

Also ich würde ja nie öffentlich Geige spielen.

Nie, nie, nie mehr.

Demnächst ist es trotzdem noch einmal so weit. Sogar im Radio, auweia. Das Ganze läuft unter der sexy Arbeitsüberschrift „ModeratorInnen spielen für ihre HörerInnen“, man erhofft sich raketenöse Sympathiewerte für die klassische Musik und gigantomanische Einschaltquoten für deren Zukunft. Der Sender kann in Berlin nur mit Schüssel empfangen werden oder via Internet. Außerdem bin ich dort natürlich nicht alleine tätig, sondern im Verein mit zehn anderen DilettantInnen, deren Instrumente mindestens so lange wie das meinige auf Hängeböden und Hochschränken, unter Single- Matratzengrüften oder in Kellerverliesen vor sich hin gemodert haben (behaupten die werten Kollegen, wahrscheinlich stimmt’s nicht).

Mozarts Salzburger Divertimento in D-Dur KV 136 soll erklingen, drei nette, spritzige Sätzlein, die Fingerübung eines genialen 16-Jährigen. Oje, seufzte der Geigenbauer, als er meinen Kasten öffnete, da werden wir aber etwas tun müssen. Ich dachte an Anne-Sophie Mutter, die einmal gesagt hat, dass ihre Stradivari Launen habe wie eine Geliebte. Demnach müsste meine Geige (keine Stradivari) mir F-Löcher ins nackte Fleisch brennen und mich saitenweise vierteilen. Die G-Saite (das ist die dickste) fürs Grobe, die E-Saite (das ist die dünnste) fürs akkurate Durchtrennen der Halsschlagader.

Frauen sind so.

Zur Freude meiner Mutter und meiner unmittelbaren Nachbarschaft übe ich also wieder. Erst nur ein Viertelstündchen täglich, dann ein halbes, mittlerweile satte 40 Minuten. Fortschritte mache ich keine. Die Finger fühlen sich an wie aus Holz geschnitzt, der Nacken wie aus Zement. Und bis vor zwei Wochen haben mich meine alten Alpträume verfolgt. Mit einem Bogen ohne Haare spielen, Noten, die wie tote Fliegen aus den Notensystemen purzeln – das Übliche. Vor zwei Wochen aber bin ich nach Zürich gefahren, um an der Universität einen Vortrag zu halten. Das Thema tut nichts zur Sache, wichtig ist, dass die Veranstaltung von einer studentischen Powerpointpräsentation eröffnet werden sollte. Ein netter Kerl mit Hornbrille und großkariertem Jackett ließ bunte Bilder, Texte, Grafiken hüpfen und kreisen, sehr kreativ, der Hörsaal erheiterte sich. Wissenschaft kann lustig sein.

Plötzlich dreht sich die Hornbrille zu ihrem Professor um und sagt, ihr sei gerade ein bisschen schwindelig und so komisch heiß, sie würde dann lieber morgen fortsetzen wollen. Aber natürlich, der Professor springt auf, liiieber Herr Sowieso, bitte beruhigen Sie sich. Woraufhin der liebe Herr Sowieso seelenruhig Platz nimmt und vor den Trümmern seines Auftritts lächelnd meinem Vortrag lauscht.

Mir war auch immer schwindelig und heiß und tagelang vorher schon komisch. Ich habe vom Musikmachen in kalten Kirchen mehrere Nierenbeckenentzündungen davon getragen und vom Spielen in höheren Lagen einen gravierenden Haltungsschaden. Allerdings hätte ich mich lieber entleibt, als zu fragen, ob ich Bachs Doppelkonzert auch morgen zu Ende spielen könnte. Heute, 30 Jahre später, weiß ich: Das war falsch! Nichts wie raus mit den eigenen Ängsten und Unzulänglichkeiten und das Herz auf die Zunge gelegt – das ist das wahre Erfolgsrezept! Dann erst schlagen einem alle auf die Schulter, wie Doris Dörrie (54) für ihre aktuelle „Klimawechsel“-TV-Serie. Endlich wagen Frauen es, öffentlich über die Wechseljahre zu sprechen! Endlich spiele ich wieder Geige! Wer’s nicht glaubt: WDR3 einschalten, Hörfunk, am 26. Juni von 9.05 Uhr bis 12.00 Uhr. „Klassikforum“ heißt die Sendung, Mozart der Komponist. Und jetzt muss ich üben.

Hier schreiben im Wechsel Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Elena Senft und Moritz Rinke.

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