Christine Lemke-Matwey graut’s vor gar nichts : Bitte recht freundlich

Schon mal glibbrigen Schellfisch mit Baked Beans, Bratwürste, zu Tode gegrillte Tomaten, wässrige Champignons, Spiegeleier, Speck und andere fetttriefende Scheußlichkeiten am Morgen gegessen, alles auf einem Teller? Nein? Dann wissen Sie nicht, was ein englisches Frühstück ist. Ich würde nie englisch frühstücken. Erstens ist die Mär, man solle morgens wie ein Kaiser und so weiter, wissenschaftlich längst widerlegt, und zweitens sehen weder Prinz Philipp noch die Duchesse of Cambridge nach mehr aus als nach zwei oder drei Löffelchen Porridge a day. Die Engländer mögen einen grauenhaften Rumpel-Fußball spielen, steinige Strände haben, entsetzliches Wetter, noch entsetzlichere Tenöre, Pferdegesichter und eben jenes triefende Cholesterinfrühstück – eines muss man ihnen lassen: Sie sind irrsinnig freundlich. Da haben sie uns etwas voraus.

Unlängst berichtete ein Kollege der „Süddeutschen Zeitung“, dass einem beim Warten in englischen Postämtern Earl-Grey-Tee und Kekse serviert würden. Ich kann das nicht bestätigen, weil ich noch nie in einem englischen Postamt warten musste, die haben da keine Schlangen, wenn ich komme, aber ich weiß, was er meint. Als ich das letzte Mal am Flughafen Tegel auf den 109er Bus wartete, kam entgegen der Anzeige erst 17 Minuten lang gar nichts, dann einer, der 20 Meter vor der Haltestelle hielt, um den herandrängelnden Fahrgästen die Türen vor der Nase zuzuschlagen und leer wieder abzufahren, und schließlich, nach weiteren 12 Minuten, einer, dessen Fahrer behauptete, kein Wechselgeld zu haben, weswegen alle ohne Ticket und abgezähltes Geld wieder ausgeladen wurden. Ich kam an diesem Tag aus Zürich, wo man mitten in der Stadt die Berge sieht und eine Käsebrezel sechs Franken 80 kostet, die Menschen aber trotzdem ziemlich freundlich sind. Aus Warschau in Kloten landend, findet man die Zürcher geradezu aufopferungsvoll liebreizend. In Warschau sind sie noch unfreundlicher als in Berlin, obwohl die Polen auch keinen schönen Fußball spielen und scheußliche Sachen essen.

Als ich das letzte Mal in England in einem Buchladen war, bekam ich einen Schokoriegel geschenkt, „to keep your energy level high“, wie der Buchhändler sagte. Vielleicht fand er die Bücher, die ich kaufte, irgendwie anstrengend, vielleicht sah ich einfach nur erschöpft aus. Jedenfalls fühlte ich mich gleich besser. Wer in England falsch parkt, trifft auf entzückende handgemalte Holzschildchen („Don’t even think of parking here!“) – und hat den Rest mit seinem Gewissen abzumachen; wer in Dänemark falsch parkt, sollte sich vor bissigen Hunden hüten. Ich verstehe die Dänen nicht, wo ein Cappuccino und ein schlichtes Croissant zusammen 12 Euro kosten, sollte für das seelische Gleichgewicht doch gesorgt sein. Einmal flog ich mit Ryanair von Schönefeld nach Bergamo, die 700 Gramm Übergepäck kosteten mich 20 Euro. Auf dem Rückweg waren es 3700 Gramm Übergepäck und umsonst, was mehr mit dem uritalienischen Verständnis für Pesto und Parmesan als Überlebensmittel zu tun hatte als mit dem uririschen Geschäftssinn.

Ach, Europa, du bist ja so verschieden, fiskaliter, mentaliter, naturaliter. Und keine Gleichung geht richtig auf. Die Reichen und Schönen sind nicht zwangsläufig snobby und unfreundlich, die Armen und Hässlichen nicht zwangsläufig nett und hilfsbereit. Vor ein paar Tagen saß ich in England am Meer und aß Fish & Chips, mit den Fingern und aus der Tüte, wie es sich gehört. Abgesehen von der zu entfernenden Panade und den dringend wegzulassenden, halb rohen Pommes war es der beste, frischeste Fisch meines Lebens. Oder wie die liebevoll handgemalte Tafel versprach: „Anything fresher is still swimming“.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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