Zeitung Heute : Christkindlesmarkt: Anarchie beim Glühwein

Franz Lerchenmüller

Weihnachten ist noch einige hundert Kilometer entfernt, aber Busfahrer Wolfgang kann jetzt schon nicht mehr an sich halten: "In der einen Hand einen frischen Lebkuchen, schmatz, in der anderen die Tasse mit Glühwein, schlabber-schlabber, da wissen Sie gar nicht mehr, sollen Sie zuerst knabbern oder schlürfen oder beides zugleich" - und knabbert und schlürft und schmatzt ins Mikro, dass es eine Art hat und die 42 Damen und Herrn aus Schleswig-Holstein, die bis jetzt über ihre Enkel und den Kreislauf geplaudert haben, in den Taschen rumzukramen beginnen: Irgendwo müssen doch noch ein paar Dominosteine sein!

Weihnachtsstimmung - schön und gut. Aber die Sache hat einen Haken: Draußen scheint die Sonne wie im März, das Thermometer steht bei zehn Grad plus, Schafe weiden auf einem Grün, das eher zum Ostereierverstecken einlädt.

Egal. Der Advent hat begonnen, Weihnachten naht, da ruft die Nürnberg, alle Jahre wieder, und deshalb sind an diesem Freitag Busse aus ganz Deutschland Richtung Franken unterwegs. Es sind so viele, dass die Stadt und das Umland ausgebucht ist und die Norddeutschen abends ihre müden grauen Häupter in Hotelbetten im gar nicht so nahen Ingolstadt betten müssen. Egal. Jetzt ist Weihnachten bloß noch hundert Kilometer weit weg.

Und es beginnt pünktlich am Sonnabendmorgen um zehn. Allerdings wirkt selbst ein Mythos namens Christkindlesmarkt ein wenig ernüchternd, so ohne eine Flocke Schnee. Und auch das Ambiente trägt nicht besonders zur Erbauung bei: Gesichtslose 60er-Jahre-Blöcke mit langweiligen Fensterreihen umschließen den Hauptmarkt von drei Seiten. Aber dann ist da die reichverzierte Fassade der Frauenkirche mit ihren Bögen und Erkern und der goldenen Uhr, dann erhebt sich gegenüber der Schöne Brunnen, dieses spitze gotische Türmchen mit all den goldenen Heiligen, Helden und edlen Herrn - die beiden richtig ins Blickfeld gerückt, ein paar wirbelnde weiße Schwaden dazugedacht, schon herrscht in den Köpfen prächtigster Advent! Und 42 unternehmungslustige Nordlichter schwärmen aus, wild entschlossen, hier und heute soviel "O du fröhliche"-Gefühl einzufangen wie möglich.

In Sachen Christkindlesmarkt herrschen in Nürnberg strenge, um nicht zu sagen: puristische Maßstäbe. Und das ist gut so: Da dudelt keine überflüssige Musik über den Platz. Die Buden, alle einheitlich gestaltet mit rot-weiß gestreiften Tuchdächern, einer Tannengirlande und einem Schild - "Orientalische Früchte" etwa, oder "Originalitäten des Erzgebirges" - stehen akkurat in Reihen. Genau 186 Marktleute sind die Glücklichen, die in diesem Jahr, eine Lizenz erhalten haben, welche - bei insgesamt zwei Millionen Besuchern - einer zum Gelddrucken gleichkommt.

Volldampf aus jeder Ecke

Nur beim Glühwein herrscht offenbar ein bisschen Anarchie: Wo immer eine Ecke frei, eine Luke offen, eine Nische ungenutzt ist, dampft es. Drei Mark 50 kostet der Becher meist. Die weiße Version erweist sich freilich als verzuckerte Plörre, während der echte, dunkelviolette aus Heidelbeerwein, durchaus hält, was Wolfgang versprochen hatte: Er ist würzig, von herber Süße und hat beinahe so etwas wie Charakter. Allein, acht Grad Außentemperatur dämpfen jede Glühweinlust. "Homs koi Hoibe", versucht sich der pensionierte Lehrer aus Bad Oldesloe im ungewohnten Idiom. Aber Bier gibt es auf dem Christkindlmarkt nun mal nicht, so sind die Sitten. Also leert er seine buntverzierte Tasse und steckt sie ein, ganz legal, beim Pfand von drei Mark. Später kommen noch zwei anders gestaltete von "Bratwurst Röslein" und "Bratwursthäusle" dazu: "Tolles Geschenk", sagt er. "Vor allem in der Vorbereitungsphase."

Aber da, ja ist es denn die Möglichkeit, wen haben wir denn da? Das Christkindl in persona, das heilige Gör itself: Vornehm blass, dezent geschminkt, im weiß-silbernen Gewand, mit einer güldenen Krone auf den blonden Locken. Und eine goldene Schleife um den Bauch und weiße Handschuhe trägt es auch, das Christkind. Es steht auf einer Fußgängerbrücke an der Stirnseite des Marktes und nimmt gerade einen Termin mit dem norwegischen Fernsehen war.

Wetterfest und kinderlieb

Das Christkindl spricht fließend Englisch und folgt brav wie ein Medienprofi den Wünschen des Regisseurs: Hier noch ein bisschen hinunterdeuten, please, und nochmal segnend die Arme breiten, wonderful, thank you. Gestern abend erst hat es von der Empore der Frauenkirche aus seinen Markt eröffnet und steckt noch voller Tatendrang. "Nicht mal essen" will es, sagt sein Chaffeur Peter Kohler stolz, sondern gleich zum nächsten der insgesamt 150 Termine, die bis Weihnachten im Kalender stehen. Aber es macht den Job ja auch schon im zweiten Jahr und liebt ihn. Bloß, dass es in den Weihnachtsferien all die Klausuren nachholen muss, ist nicht so toll, sagt es der Schülerzeitung, das brave Kind. Aber was heißt Kind? Stephanie Jank ist eine junge Frau von 18 Jahren, "schwindelfrei, wetterfest, geduldig, kinderlieb und ein bisschen redegewandt", wie es die Statuten vorschreiben, und ausgesucht aus ganz vielen Bewerberinnen. Vor der Ahnenreihe aller Christkindls seit 1945 im Alten Rathaus, einer Galerie von Korkenzieherlockenschönheiten, wird dem Besucher endgültig klar: Christkindl zu sein, das ist schon was in Nürnberg. Wahrscheinlich kann man es gar nicht weiter bringen in dieser Stadt, wenn man nicht gerade Albrecht Dürer heißt und so etwas wie "Betende Hände" zeichnet.

Längst hat der Markt die Gäste aus dem Norden aufgesogen. Zwischen den Buden geht was ab, und das ganz international: In heiserem Spanisch, gequetschtem Texanisch, volltönendem Sächsisch. Auch erstaunlich viel Russisch zwischendurch, aber wer genauer hinhört, erkennt dann doch, dass es sich wohl um ein tiefes Fränkisch handelt. Die Buden halten alles parat, was Weihnachten zum Fest macht: Krippenfiguren, Kerzen, Klebebilder fürs Fenster. Bei den Christbaumkugeln sind in diesem Jahr Sphinxe, Indianerhäuptlinge und Clowns die Renner. Die Lebkuchen, von denen die Welt spricht, hat es natürlich bergeweise. zwei Mark 50 kostet das Stück lose, aber es gibt auch "Lebkuchenbruch" für sieben Mark das Pfund: "Nur bisschen gedätscht, Geschmack kein Unterschied", schwört der türkische Verkäufer mit der blinkenden roten Zipfelmütze.

Und dann erst die Blechtruhen. Wegen der Truhen nimmt man bekanntlich die Lebkuchen in Kauf: Lichterzug-Truhen, Festtags-Truhen, Alt-Nürnberg-Truhen ... Schatzkästlein von zehn bis 98 Mark. Die anderen berühmten Nürnberger stehen in Reih und Glied in Häuschen mit der Aufschrift "Willst an, der di net ärgern koh, kafst da halt an Zwtschgemoh", und manche der lebenden Männlein und Weiblein, die dazwischen hervorspitzen, blicken ähnlich zerknittert und verschmitzt wie die 15 Zentimeter hohen Gärtnerinnen, Schornsteinfeger und Musikanten um sie herum.

Mit dem Spielzeug wiederum hat es eine eigene Bewandtnis in Nürnberg. Es gibt da noch Tröten, Brummkreisel, Blechtrommeln; Holzbaukästen findet man, und trommelnde Aufziehaffen, kurz jenes Spielzeug, die manche Eltern auf der Suche nach ihrer verlorenen Zeit gern erstehen, und das deren Kindern, falls sie es unter dem Baum vorfinden sollten, nur dann ein mitleidiges Lächeln abnötigt, wenn die Kinder gut erzogen sind, im anderen Fall bloß ein ratloses "Was soll ich mit dem Scheiß?"

Die Frau aus Lübeck, Mitglied bei Weightwatchers, geht durch die Hölle. Alle Früchte dieser Erde liegen vor, in Zucker gebrannt, oder in Schoko gegossen. Und Nürnberger Bratwürste allenthalben: "Drei im Weckla" oder "Sieben mit Kraut", es riecht und brutzelt, Bratwurst, Bratwurst überall - ja ernährt er sich denn von nichts anderem, der Franke?

Doch. Vom Schaschlik bei Schaschlik-Wolf etwa, sechs Mark der Spieß, von denen immer geschätzte Tausend in den drei Wannen vor sich hinbrodeln - soviel zum Gewerbesteueraufkommen im Dezember in Nürnberg. Alle anderen Grundnahrungsmittel aber, wie Döner, Burger oder Pizza sind verbannt nach außerhalb, Pommes gibt es lediglich auf der Kinderweihnacht, aber auch nur, weil man sie dort, Ordnung muss sein, in "Fränkische Stifte" umgetauft hat.

Irgendwann geht nichts mehr. Das Volk steht in den Gassen. Der Christkindlmarkt, das lernen nun auch heidnische Naturen, ist eine zutiefst christliche Veranstaltung: Er wurde geschaffen, die Menschen einander näherzubringen, haut- oder mindestens mantelnah, und um sie in ihren besten Eigenschaften zu trainieren: Engelsgeduld, himmlische Ruhe, überirdische Gelassenheit. "Was einem hier fehlt, sind Schuhe mit Stahlkappen", sagt die schlussverkaufserprobte Bäuerin aus Reinfeld zu ihrer Nachbarin und reibt sich auf den Stufen der Kirche ihre schmerzenden Zehen. Dann nochmal eine Runde: Über den Markt der Partnerstädte, wo ein unbewegter Mann aus Skopje dicke Wollpullover feilhält, die Dame aus Prag beschneite "Ai-is-des-schee"-Christbaumkugeln und der Junge aus dem chinesischen Shenzen "Komm-Anni-so-an-Mist-brachet-mir-net"-Holzbilder. Die Stadt Nürnberg selbst schenkt Partnerschaftspunsch aus, wahrscheinlich eine besonders verträgliche Sorte.

Das große Finale

Gegen vier wird es dunkel, und endlich sinkt die Temperatur auf drei Grad. An den 60er-Jahre-Fassaden funkeln auf einmal Lichtergirlanden, Leuchtbilder von Zwetschgenmännlein schweben über den Köpfen, und unter den Ständen schimmert das Licht auf all den Glaskugeln, Rauschgoldengeln und Kristalllampen, dass es wie Gold in die Dunkelheit bricht. Die Postkutsche rattert übers Pflaster, die Jungs in schwarzem Leder vom "Biker Stammtisch Leiberg" haben schon fast so rote Köpfe wie ihre Bommelmützen und blicken versonnen, als ein Bläser-Ensembler "Ihr Kinderlein kommet" anstimmt und vor dem einzigen öffentlichen Klo am Platz werden die Schlangen immer länger.

Jetzt ist fast Weihnacht in Nürnberg, und obwohl die Abfahrt erst um sechs angesetzt ist, sind die Schleswig-Holsteiner schon eine halbe Stunde davor komplett versammelt, mit geschwollenen Füßen, senfbekleckerten Mänteln, leeren Portemonnaies, klebrigen Fingern. Und bester Laune. Als der Bus abfährt, geschätzte 176 Plastiktüten, 17 Kilo Lebkuchen, vier Karton Glühwein und sechs schon zerbrochene Christbaumkugeln schwerer, und Wolfgang, der Unverwüstliche, noch im Angesicht der angestrahlten Stadtmauer, von leckeren Aachener Printen, Dresdner Stollen und Bremer Klaben zu schwärmen beginnt, geht ein Stöhnen durch die Reihen: Weihnachten? Um Himmels Willen. Vorerst kein weiterer Bedarf.

Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch: 9 bis 20 Uhr, Donnerstag bis Sonnabend: 9 bis 21 Uhr, Sonntag: 10 Uhr 30 bis 20 Uhr.

Rundfahrten mit der Postkutsche: 13 Uhr 30 bis 18 Uhr 30, Nähe Schöner Brunnen. Erwachsene sechs Mark, Kinder drei Mark.

Krippenausstellung: Egidienkirche Spielzeugmuseum: Dienstag bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr, Mittwoch: 10 bis 21 Uhr.

Touristinformation: Im Neuen Rathaus am Hauptmarkt. Internet (mit Webkamera): www.christkindlesmarkt.de

Informationen: Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg, Postfach 4248, 90022 Nürnberg; Telefonnummer: 09 11 / 233 60, Telefaxnummer: 09 11 / 233 61 66, E-Mail-Adresse: tourismus@nuernberg.btl.de

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