Zeitung Heute : „Christliche Scheinheiligkeit“

Für die kirchenpolitische Sprecherin der Grünen, Christa Nickels, gehört der Umgang mit Homosexualität zu den Lebenslügen des Katholizismus

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Für Kardinal Lehmann signalisiert das Lebenspartnerschaftsgesetz eine dramatische Verschiebung im Wertebewusstsein der Gesellschaft. Nun drohen die deutschen Bischöfe allen kirchlichen Angestellten mit Kündigung, falls sie von dem neuen Gesetz Gebrauch machen. Wie beurteilen Sie das?

Wenn das tatsächlich so kommen sollte, würde im n christlicher Glaubwürdigkeit, Scheinheiligkeit, Doppelmoral und Heuchelei erzeugt. Das gilt nicht nur im Umgang mit Homosexuellen. Das gilt auch für Themen wie Familienplanung und Verhütung, für voreheliche Sexualität oder für den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Besonders in Fragen der Sexualität haben sich in der Kirche über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Lebenslügen verfestigt mit sehr unguten Auswirkungen.

Was heißt das genau?

Bei den eingetragenen Partnerschaften zum Beispiel stört die Kirche weniger die Homosexualität, sondern vor allem deren Sichtbarkeit. Das macht das Vorgehen der Kirche so unglaubwürdig. Ich warne davor, den Konflikt um das Partnerschaftsgesetz über das Kündigungsrecht zu lösen.

Warum?

Falls es zu der angekündigten rigorosen Handhabung gegenüber kirchlichen Angestellten kommt, wird das eine intensive Debatte über die kirchliche Trägerschaft von sozialen Einrichtungen auslösen. Ich plädiere keineswegs dafür, dass sich die Kirche künftig auf den „heiligen Rest" zurückzieht. Aber die Kirche kann in einer pluralen Gesellschaft nur präsent bleiben, wenn sie die eigenen Werte hochhält, ohne Menschen zu diskriminieren, auszugrenzen oder gar rauszuwerfen. Die Kirche beschneidet sich langfristig selbst in ihren Möglichkeiten, in die Gesellschaft hineinzuwirken, wenn sie ihre strikten Sexualnormen zum Nonplusultra macht.

Aber die Kirche muss doch bestimmen können, wer in ihrem Namen glaubwürdig Werte und Lehre vertritt und wer nicht. Das Recht haben andere Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften oder Medienunternehmen doch auch.

Natürlich hat die Kirche das Recht auf den so genannten Tendenzschutz. Aber der Tendenzschutz im kirchlichen Bereich muss modernisiert und novelliert werden. Da sind alte Zöpfe abzuschneiden. Das hat schon Oswald von Nell-Breuning in den 70er Jahren gesagt.

Was hat Nell-Breuning gefordert?

Er plädierte dafür, den Tendenzschutz bei der Kirche auf den Bereich der engeren Verkündigung zu reduzieren.

Also auf Priester, Pastoralreferenten und Diakone?

Genau. Aber auch hier existiert ein großes Maß an Scheinheiligkeit. Es ist ein Trauerspiel, wie der deutsche katholische Klerus über lange Jahre mit dem Thema Kindesmissbrauch umgegangen ist. Da wurden kriminelle Delikte vertuscht und nicht geahndet. Die Pfarrer wurden versetzt und oft nicht aus dem Seelsorgedienst entfernt. Umgekehrt aber hat die Kirche Menschen dann gekündigt, nur weil sie anders leben oder weil sie nach einer gescheiterten Ehe wieder geheiratet haben. Das nenne ich die Lebenslügen der Kirche.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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