Zeitung Heute : Chronik der Gefühle

Christine-Felice Röhrs

Donnerstagabend, zwei Freundinnen im "Absinth-Depot", Weinmeisterstraße 4, Mitte.

Gekauft: eine Flasche für 24 Euro 95.

Zwei Freundinnen am Donnerstagabend. Es regnet, seit zwei Tagen schon, und die neuen Sommerschuhe gucken traurig aus ihren Kartons. Die eine Freundin hat den Kerkerkoller. "Ich muss raus", jammert sie. "Ich will meine neuen Schuhe ausführen, frische Luft, fröhlich sein!" Die andere kann das irgendwann nicht mehr ertragen. Sie packt einen Schirm und den linken neuen Schuh. Den steckt sie der Freundin in die Jackentasche. "Jetzt kannst du ihn ausführen", sagt sie, und die beiden ziehen los. Bis zur Weinmeisterstraße. Der Verkehr brüllt, der Regen ist kalt, der neue Schuh kriegt eine nasse Nasenspitze. Wohin nur? Da ruft die eine Freundin: Eine Absinth-Kneipe! Drinnen: Stille Nostalgie. Altgoldene Tapete, eine Bar und eine Bank am Fenster. Probierstübchen, Kneipe, Ladengeschäft - alles in einem ist dieser Ort. Und lehrreich dazu. Absinth sei "aphrodisierend, und halluzinogen", sagt das Mädchen hinter der Bar. Und, dass er lange verboten war, weil er im Hirn die gleichen Rezeptoren bedient hat wie THC. Der Stoff, wegen dem man Stoff raucht. Die Freundinnen schauen zweifelnd auf das Zeug, dann raus auf den Regen, wieder auf das Zeug und probieren ein Glas. Anisgeschmack im Mund, und noch ein Glas und noch eins, und der neue Schuh guckt vom Tisch aus zu. Aphrodisierendes oder Halluzinogenes hat sich zwar nicht getan. Aber so haben zwei Freundinnen einen nassen Abend doch noch gerettet.

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