Zeitung Heute : CHRONIK DER KRISE

Es waren nur fünf Sätze. 66 Worte, die einem Erdbeben gleich, Deutschlands Finanzsystem erschüttert haben. „Das letzte Woche der Hypo Real Estate Group zugesagte und angekündigte Rettungspaket in einer Gesamthöhe von bis zu Euro 35 Milliarden für einen Zeitraum bis in 2009 ist derzeit nicht länger gültig. Die vorgesehenen Maßnahmen sahen zunächst eine Liquiditätslinie einer Gemeinschaft mehrerer beteiligter Finanzinstitute vor. Diese Zusage wird nicht aufrechterhalten. Die Gruppe prüft die daraus drohenden Konsequenzen für die Einheiten des Konzerns. Es wird nach alternativen Maßnahmen gesucht“, so lautete die Adhoc-Mitteilung, die Hypo Real Estate (HRE) am Samstagabend veröffentlichte. Der Fall HRE offenbart, dass Deutschland die Auswirkungen der Finanzkrise keinesfalls unter Kontrolle hat.

Es begann am Sonntag, dem 28. September, mit einem Zeitungsbericht. Der Hypo Real Estate drohe wegen massiver Liquiditätsprobleme ein Zusammenbruch, seit Tagen bemühe sich das Institut um Rettungsmaßnahmen.

29. September. In der Nacht zum Montag erzielen Bundesregierung und Finanzbranche eine grundsätzliche Einigung zur Rettung der HRE. Es geht um einen kurzfristigen Kredit von 15 Milliarden Euro von den Banken und weiteren 20 Milliarden von der Bundesbank, die bis ins zweite Halbjahr 2009 reichen sollen. Die Kredite sind durch Bürgschaften abgesichert, von denen der Bund mit rund 26,5 Milliarden die Hauptlast trägt. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) spricht von einer „geordneten Abwicklung“ der HRE als letztliches Ziel. Die Bank erklärt hingegen, sie sehe ihren Fortbestand mit den Finanzierungszusagen als gesichert an. Die HRE-Aktie bricht um 73,91 Prozent auf 3,52 Euro ein.

30. September. Nun wird bekannt, dass in Folge des Rettungsplans die HRE zerschlagen werden könnte. Laut Bundesbank und der Finanzaufsicht Bafin werden Aktien der vier Banktöchter der HRE-Holding als Sicherheit an die Kreditgeber abgetreten. Außerdem hinterlegt die HRE Forderungen und Papiere im Nominalwert von 42 Milliarden Euro und sagt zu, sich von Finanzierungen in Höhe von 50 Milliarden Euro zu trennen. Die HRE-Aktie erholt sich um 17,90 Prozent auf 4,15 Euro.

1. Oktober. Das Bundesfinanzministerium stellt klar, das Ziel des Rettungspakets sei die Fortführung der HRE und nicht ihre Liquidation. Die HRE hatte kritisiert, dass die Stabilisierung der Lage durch die Abwicklungsszenarien der vorangegangenen Tage erschwert werde.

2. Oktober. Die Finanzbranche feilscht in einer Sitzung, die bis tief in die Nacht geht, über die Aufteilung der Lasten der Ausfallbürgschaften. Nach Zeitungsinformationen droht eine Insolvenz der Hypo Real Estate in spätestens vier

Tagen, wenn es keine Einigung gibt.

3. Oktober. Die Banken und Versicherungen einigen sich am frühen Morgen auf die Aufteilung der Bürgschaften. Die Rettung der HRE gilt nun als gesichert. Die Aktie schießt um 41,43 Prozent auf 7,51 Euro hoch.

4. Oktober. Die Deutsche Bank, einer der Hauptgeldgeber für die Rettung, festgestellt, stellt fest, dass die HRE deutlich mehr Geld braucht als bisher angenommen. Wenig später gibt die HRE bekannt, dass das Rettungspaket gescheitert ist, weil die Banken ihre Kreditzusage zurückgenommen haben.

5. Oktober. In einer Krisensitzung, an der Bundesregierung, Bafin und Banken teilnehmen, wird versucht, einen neuen Rettungsplan auf die Beine zu stellen.

Die Zeit drängt, denn er soll spätestens bis zur Öffnung der Börsen am heutigen Montag stehen.dpa

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