Zeitung Heute : Ciao, ciao

Armin Lehmann

Am heutigen Dienstag spielt Deutschland gegen Italien um den Einzug ins Finale der Fußball-WM. Mit welcher Spielweise kann das deutsche Team gewinnen?


Zunächst einmal hilft: Klischees aus dem Kopf! Die Deutschen denken nämlich immer, sie kennen Italien. Das gilt nicht nur für Millionen von Touristen, sondern auch für Millionen von deutschen FußballTrainern. Die Klischees machen nur Probleme, denn es gibt da einen merkwürdigen Widerspruch, den die Deutschen einfach nicht auflösen können. Einerseits ist da dieses wunderschöne Italien, Bella Italia eben, andererseits spielen die so hässlichen Fußball, defensiv und ruppig. Man kennt sogar den Namen für diesen Fußball, „Catenaccio“, was so viel wie „Riegel“ heißt. Eigentlich stammt der Catenaccio gar nicht aus Italien, weil ihn der argentinische Trainer Helenio Herrera bei Inter Mailand einführte, doch wann immer auch Italien defensiv spielte, wurde das Wort zur Beschreibung benutzt.

Auch bei dieser WM werden die Klischees über die Italiener gebraucht, und deshalb wird wieder davon gesprochen, dass sie defensiven, hässlichen Fußball spielen. Richtig ist, die Italiener spielen aus einer sehr sicheren Defensive heraus. Richtig ist aber auch, dass kein Team der Welt defensiven Fußball so hinreißend schön und perfekt zelebriert wie das aus Bella Italia. Defensiver Fußball, von einer italienischen Mannschaft gespielt, ist höchste Kunst.

Das heißt für die Deutschen zunächst einmal: Findet euch damit ab, dass ihr gegen eine verdammt starke Abwehr spielt, gegen Männer, die euch den Ball so leichtfüßig abnehmen können, dass ihr es gar nicht bemerkt. Findet euch auch damit ab, dass die Italiener niemals diese Grundsicherung auflösen werden. Wenn Italien aber erst einmal den Ball gewonnen hat, kann es ihn genauso perfekt und schnell wie Brasilien nach vorne spielen.

Es werden sich sicherlich ein paar Deutsche an das 1:4 im März gegen Italien erinnern. Damals spielte die deutsche Mannschaft genau das Gegenteil von dem, was Italiener am Fußball mögen: Statt aus einer sicheren Abwehr heraus, wollten die Deutschen Italien mit offensivem Fußball überrennen. Die deutsche Abwehr stand deshalb extrem weit weg vom eigenen Strafraum. Italien gähnte müde und spielte ein, zwei, drei geniale Pässe in die viel zu freien Räume und gewann hoch. Es war eine große Lektion für die Deutschen.

Benutzen wir doch noch ein letztes Klischee, was uns der Taktik gegen die Italiener näher bringen könnte. Italiener seien immer so selbstsicher und souverän im Auftreten. Das wiederum stimmt im Fußball nicht immer. Gerade weil die Italiener ihrem eigenen Offensivspiel, vor allem ihren Stürmern permanent misstrauen, riegeln sie erst einmal hinten alles ab. Man muss deshalb versuchen, Italien zu verunsichern. Durch blindes Anrennen geht das nicht, aber es gibt da Möglichkeiten. Die Abwehr Italiens ist zwar sicher im Zweikampf und auch kopfballstark, aber sie mag es nicht, wenn sie ständig ihre Abwehrkette von einer Seite zur anderen verschieben muss. Am liebsten mögen es Fabio Cannavaro und Co., wenn der Gegner versucht, durch die Mitte zu stürmen. Dort steht der Italiener so kalt wie Hundeschnauze und lässt sich auch vom besten Techniker nicht beeindrucken.

Spielt man aber über die Flügel und wechselt möglichst oft die Seite, um dann schnell und präzise zu flanken, müssen die Verteidiger ständig in Alarmbereitschaft sein. Italiens alternde Verteidiger machen gerne mal Pausen, die darf ihnen Deutschland bei aller Gastfreundschaft nicht gönnen. Am besten ist es daher, wenn auch die deutschen Außenverteidiger Arne Friedrich und Philipp Lahm sich so oft wie möglich in den Angriff einschalten.

Wenn man Italiens Abwehr permanent beschäftigen will, fängt man damit am besten im Mittelfeld an. Die Kontrolle im Mittelfeld ist die Voraussetzung für ein erfolgreiches Spiel. Dafür hätte Torsten Frings, der nun gesperrt ist, allein nicht ausgereicht. Das ist Sache der ganzen Mannschaft. Italien hat in diesem Mittelfeld einen Mann versteckt, den man außerhalb der Fachwelt kaum kennt. Er heißt Andrea Pirlo, spielt unauffällig, hatte bisher mit am meisten Ballkontakte aller Spieler bei dieser WM, außerdem schlug er nach dem Argentinier Riquelme die häufigsten Pässe. Pirlo ist der Kopf der Italiener, und sein größter Bewunderer ist der Ball – er liebt Pirlos Füße, vermutlich, weil sie so liebevoll mit ihm umgehen können. Pirlo muss man ausschalten, er mag es nicht, wenn man hart gegen ihn spielt, außerdem ist er langsam. Stört Deutschland seinen Spielaufbau, wird schnelles Kontern für Italien schon sehr viel komplizierter.

Wie immer es die Deutschen auch anstellen, eines noch sollten sie nicht vergessen: Vom Papst ist keine Hilfe zu erwarten. Der Mann ist neutral.

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