Zeitung Heute : Ciao, Salt Lake City

Vincenzo Delle Donne

80 Männer und Frauen aus Turin sind den Organisatoren in Salt Lake City in den letzten zwei Wochen nicht von der Seite gewichen. Sie haben ihnen über die Schulter geschaut und Eindrücke gesammelt. Es waren viele Lehrstunden, mit immer gleichem Inhalt: wie Olympische Spiele zu einem internationalen Event gemacht werden. "Zuerst kommt die Theorie, dann kommt die Praxis", sagt Valentino Castellani, "in Turin werden wir das umsetzen, was wir hier an Theorie gelernt haben." Castellani hat sich als Präsident dem Organisationskomitee für Turin 2006 (Toroc) verschrieben und ist mit einer 80-köpfigen Delegation in Utah.

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Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Als typischer Piemonteser stellt Castellani sich nicht gern in den Vordergrund und bevorzugt Understatement. "Wir gehen mit der nötigen Bescheidenheit an ein großes Werk", sagt er. Grund für zu viel Ehrfurcht sieht er allerdings nicht. Besser als in Salt Lake City könne man Olympische Spiele ohnehin nicht organisieren, gesteht Castellani. Das Rampenlicht überlässt der ehemalige Bürgermeister von Turin lieber seiner Stellvertreterin Evelina Christillin. Der 45-jährigen Historikerin - und den guten Kontakten von Fiat-Ehrenpräsident Gianni Agnelli - war es zu verdanken, dass Turin überhaupt den Zuschlag erhielt. Und das, obwohl die Stadt kein Wintersportort ist. Als Vorsitzende des Bewerbungskomitees ackerte Christillin unermüdlich und vollbrachte schließlich ein Mirakel, das kaum jemand für möglich gehalten hatte. Das ist aber Geschichte - "acqua passata", Schnee von gestern. Jetzt geht es darum, diese Chance nicht leichtfertig zu verspielen.

So wurde Mario Pescante, dem früheren italienischen NOK-Präsidenten, der jetzt in der Berlusconi-Regierung sitzt, ein Posten im Organisationskomitee verwehrt. Als Grund wurde angegeben, dass in Ferrara ein Justizverfahren wegen der Unterstützung von Dopingpraktiken des Trainers Francesco Conconi anhängig sei. Pescante verantwortete die Unterstützung als NOK-Präsident.

Eines ist Castellani klar: "Das amerikanische Organisationsmodell lässt sich nicht einfach auf die italienischen Verwaltungs- und Entscheidungsstrukturen anwenden." Die Turiner Spiele sollen daher eine klare italienische Handschrift bekommen. In diesem Jahr soll mit allen geplanten Bauarbeiten begonnen werden. Kopfzerbrechen bereitet Castellani der geplante Neubau der Eisbahn für die Bob-, Rodel und Skeleton-Wettbewerbe. Am geplanten Standort stieß man bei Probebohrungen in rund 20 Meter Tiefe auf Asbest-Abfälle. Eine Sanierung würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, jetzt wird ein neuer Ort gesucht.

Die Olympischen Spiele sieht Castellani als Chance für Turin und den gesamten Piemont; er möchte die Region just dadurch aus jener industriellen Monokultur herausführen, die sie wie ein Korsett zu ersticken droht. Eine Fanalwirkung soll von den Spielen ausgehen. Nach dem Krieg verkam Turin zur Autometropole. Jetzt, wo Fiat in einer Absatzkrise steckt, ist die Stadt in eine tiefe Lethargie gefallen. "Turin befindet sich seit gut einem Jahrzehnt in einem Strukturwandel", sagt Castellani und spricht offen von einer Krise. Die Olympischen Spiele seien eine große Chance zur Umorientierung der Stadt und zur Aufwertung ihrer Kunst, ihrer Kultur sowie der innovativen Technologien.

Am Lingotto, der alten Produktionsstätte von Fiat, soll ein Teil des olympischen Dorfes errichtet werden. Gerade dieser Teil der Stadt, der noch unlängst als Industrieruine zu verkommen drohte, wurde durch die Restaurierung des Lingotto-Komplexes aufgewertet. Der Bau des olympischen Dorfes soll das Werk komplettieren. "Wir Turiner", geißelte Christillin unlängst ihre Mitbürger, "tun oft schlecht daran zu lamentieren, dass man dabei ist, uns aus unserer Stadt alles wegzunehmen." Sie selbst hat schon einmal bewiesen, dass man sich gegen diesen Trend erfolgreich wehren kann.

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