Zeitung Heute : Citizen Kirch

Der Tagesspiegel

Von Hellmuth Karasek

Jede Zeit hat ihre Helden, traurige wie strahlende, jede Wirtschaftsepoche ihre Bosse und Tycoone, die mit Gespür und zupackender Skrupellosigkeit die Chance des Augenblicks beim Schopf packen. Die Eisenbahnmagnaten und Petroleumkönige Amerikas waren solche Prototypen, die Krupps, Thyssens und Haniels formten ihre Imperien aus Kohle und Stahl, Siemens aus Elektrizität, Springer, Grundig und Mohn spürten die Medienzeichen der Zeit – und Leo Kirch, dessen Aufstieg auf einer simpel genialen Einsicht beruhte, nutzte im beherzten Zugriff die Gunst des Fernsehzeitalters: Als sich alle Welt noch den Kopf darüber zerbrach, ob denn das neue Medium Fernsehen das alte Medium Film ablösen würde, verkaufte er, ganz praktische Vernunft, dem neuen Medium die Kellerbestände des alten, weil er wusste, dass eines ohne das andere nicht lange würde leben können.

Filmkaufmann, das war der schlichte Beruf, mit dem Leo Kirch sich das Fernsehen unter den Nagel riss. Erst die Öffentlich-Rechtlichen, denen der De-Facto-Monopolist seine Nutzungspreise für Filmrechte diktieren konnte, direkt und indirekt: Es war, als hätte einer unter einer Wüste einen unermesslichen Ölvorrat entdeckt.

Mit dem, was da sprudelte, was Kirch mit Marktregulierungen zum Sprudeln brachte, veränderte er die Fernsehlandschaft; zu seinem wirtschaftlichen Gewicht (der Film-Pate war ein Mann im Dunkeln) kam bald der politische Einfluss. Und man übertreibt nicht, wenn man in Leo Kirch einen der wichtigsten Stichwortgeber, Anreger und einen der großen Hintermänner der Ära Kohl vermutet. Eines jedenfalls ist ebenso sicher: Auch das Privatfernsehen, wie es sich in Deutschland herausbildete, ist nach seinem Bild und im Wettbewerb gegen seine Vorstellungen geformt worden.

Eine Zeitlang schien Leo Kirch, der sich gern im Hintergrund hält und den es nie ins Rampenlicht der Öffentlichkeit drängte, die beherrschende Medienmacht zu sein, der Mann, der die Fäden zieht: Nachfolger Springers, der sich anschickte, auch dessen Imperium einzusacken. Aber dies war, offenkundig, der eine Schritt zuviel: Das Imperium schlug zurück – und dieser Rück-Schlag ist die eine große Ursache für den sich gerade vollziehenden Sturz Kirchs.

Der andere ist in der Hybris zu suchen, mit der Leo Kirch die dritte TV-Epoche einleiten und sich aneignen wollte - nach den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten das Pay-TV, in dem jeder individuelle Fernsehnutzer, sei er Fußballfan, Filmfreak, Pornoshop-Kunde oder sonstwie ein harmloser Videot, von Kirch bedient und abkassiert werden sollte. Diese Rechnung ist für Kirch nicht aufgegangen. Er verzockte sich, was das Monopol seines Decoders betraf und er täuschte sich, wenn er davon träumte, die Bundesliga-Zuschauer an seinen Tropf hängen und so zur Kasse bitten zu können. War die Zeit noch nicht reif oder hatte Kirch seine Zeit schon überschritten?

Der große Einzelgänger, der ebenso imposant im Sturz wie in Zeiten seiner Machtausübung erscheint, ist und war nie ein Mann, an dem sich Trends hätten ablesen lassen - dazu stand und steht er zu sperrig in Zeit und Raum.

Orson Welles hat dem amerikanischen Zeitungszaren Hearst in dem Film „Citizen Kane" (dessen Rechte Kirch im Zweifelsfall besitzt) ein grandioses Denkmal gesetzt. Leo Kirch, dessen Löwenkopf seinem Vornamen alle Ehre macht, wäre ein ähnlich großes Thema: Der fast blinde Herr über alle Filme, ein Mann gewaltiger privater Schicksalsschläge, dazu ein Mann, der sich ein Reich baute im Wissen, keinen rechten Erben zu haben. Nun bricht es über ihm zusammen. Und, wenn es weiter besteht, wird es mit ihm nicht mehr viel gemein haben.

Ein Schauspiel nicht wie alle Tage.

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