City BKK ist pleite – mit Folgen : Frau Doktor behandelt nicht mehr

Nun also auch die Ärzte. 92 Jahre alt ist die Patientin, erblindet, Pflegestufe eins. Sie hat Schmerzen im Knie und deshalb einen Termin bei einer Berliner Orthopädin im Bezirk Pankow, die sie seit mehr als zehn Jahren behandelt. Diesmal jedoch schickt die Medizinerin die alte Dame unbehandelt nach Hause. Der Grund: Die Patientin ist bei der falschen Krankenkasse. Da hilft kein Betteln am Tresen, auch kein nochmaliges Nachfragen bei der Ärztin. Die Auskunft der Helferin bleibt die gleiche, gnadenlose: „Frau Doktor behandelt keine City-BKK-Mitglieder mehr.“ Die 92-Jährige macht sich – „nervlich am Ende“, wie ihre Tochter berichtet – wieder auf den beschwerlichen Heimweg.

Die City BKK ist pleite, sie wird zum 1. Juli aufgelöst. Bis dahin gibt es sie noch, und ihre Versicherten haben verbrieften Anspruch auf zweierlei: von jeder gesetzlichen Kasse ihrer Wahl aufgenommen und von jedem Kassenarzt ihrer Wahl behandelt zu werden. Wir erinnern uns: Die normalste Sache der Welt sei eine solche Kassenschließung, hatte die Politik getönt. Ein Zeichen gesunden Wettbewerbs. Und alles problemlos, für Versicherte, Patienten und Ärzte. Der Übergang sei ja klar geregelt.

Er ist so klar geregelt, dass Betroffene – und das sind vornehmlich alte Menschen – seit Tagen einen beschämenden Spießrutenlauf zu absolvieren haben. Dass sie von Mitarbeitern anderer Kassen abgewimmelt werden. Dass sie Schlange stehen und Panik schieben, ob sie überhaupt noch einer nimmt. Dass der neue Minister mit „Konsequenzen“ drohen und die Aufsichtsbehörde Kassenvorstände „einbestellen“ muss. Dass die Versicherer Krisenkonferenzen abhalten und, wie jetzt beschlossen, eine „Task Force“ gründen müssen, um der gröbsten Schikanen Herr zu werden.

Wenn City-BKKler jetzt auch um ihre Behandlung bangen müssen, ist das eine kaum erträgliche Weiterung. Abgewiesene Patienten seien „kein Massenphänomen“, betont die Kassenärztliche Vereinigung (KV) . Dass „auch diese Patienten“ einen Behandlungsanspruch hätten, schreibt sie ihren Mitgliedern. Und dass Fälle, wie der geschilderte, „skandalös“ und „zu ahnden“ seien, beeilen sich alle zu versichern. Doch auf Nachfrage ist zu hören, dass es auch unabhängig davon Probleme gebe. Bei häuslicher Krankenpflege etwa, bei später eingelösten Überweisungen oder geplanten Eingriffen. Und wer bis Juli keine neue Kasse hat, erhält eine Privatrechnung. Mit höherem Satz selbstredend. Bei Patienten, die den Kassennachweis nachreichen, sollten Ärzte das dann zwar rückgängig machen, so die KV. Aber das ist auch wieder nur eine Empfehlung. Rainer Woratschka

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