Zeitung Heute : City-Dschungel-Hilfe: Immer am falschen Platz? - Parken Sie hier!

R. Ide M. Ehrenberg

Vom Berliner Ring bis zum Prenzlauer Berg braucht man eine Stunde mit dem Auto. Noch mal eine Stunde kann es dauern, bis man einen Parkplatz gefunden hat. Meistens quer auf dem Bürgersteig - bis ein Rentner am Fenster schimpft und die Polizei ruft. Mit einem WAP-Handy im Wagen wäre das nicht passiert. Es meldet online, wo gerade ein Parkplatz frei geworden ist. Handys mit Internet-Zugang sollen künftig durch den Dschungel der Stadt führen - nicht nur bei der Parkplatz-Suche, sondern auch bei der nach dem richtigen Restaurant oder einem aktuellen Konzert.

Stichwort Parkplatznot in deutschen Städten: Im niederrheinischen Willich hat ein Unternehmen eine Mitparkzentrale entwickelt. Anwohner können tagsüber leer stehende Privat-Parkplätze und City-Garagenplätze im Netz anbieten. Pendler und Firmen, die Stellplätze in Büronähe benötigen, mieten den ungenutzten Parkraum. Angebote und Nachfragen sind online abrufbar, sortiert nach Städten und Postleitzahlen. Das Netz als Freund des Autos? Stadtplaner zerbrechen sich den Kopf, wie sie Autos aus den Städten herausbekommen, und das Internet holt sie wieder herein. Mit garantiertem Parkplatz. Dann lassen Pendler möglicherweise S-Bahn und Busse links liegen und steigen ins Auto, weil sie wissen, wohin damit. "Wieso? Wir schaffen doch neue Parkplätze, indem wir die Nutzung der vorhandenen effektiver gestalten. Wir sorgen für weniger Such-Verkehr", sagt Gerd Hülsmann, Sprecher der Ari Data GmbH.

Mit dem WAP-Telefon, das Netz-Inhalte auf das Handy bringt, soll dieser Internet-Dienst noch effektiver werden, spätestens wenn alle Autos Internet- und Mobilfunk-Anschluss haben. Autofirmen wie Ford oder DaimlerChrysler arbeiten daran. Hülsmann: "Dann steht man in der Innenstadt und versucht, einen Parkplatz zu organisieren. Das Navigationssystem zeigt den freien Parkplatz und den besten Weg dorthin an."

Doch die interaktiven City-Angebote im Netz sind nicht nur auf Autofreaks beschränkt. Das Handy soll schrittweise zum mobilen Stadtführer ausgebaut werden. Das verspricht jedenfalls die Firma "citikey", die am Dienstag in Berlin ihren ersten interaktiven Stadtassistenten startete. Er soll Nutzern von WAP-Handys und Palm-Computern eine Orientierung im Großstadt-Dschungel bieten. Je nachdem, wo sich der Kunde gerade aufhält, kann er sich zu einem italienischen Restaurant oder einen Antiquitätenladen in der Nähe führen lassen. Wer seinen Standort in das Handy eintippt, erfährt die Entfernung zum nächsten Buchladen, die dortigen Öffnungszeiten und kann sich ein ruhiges Eck-Café zum Schmökern aussuchen. Mehr als 2500 Berliner Adressen hat die kleine Kreuzberger "citikey"-Redaktion gesammelt und mit Service-Texten angereichert. "Wir bieten Informationen aus erster Hand, geschrieben von Fachjournalisten", sagt Redaktionsleiter Michael Rediske. Er selbst war drei Jahre lang Chefredakteur bei der "taz" und nennt sich nun "Managing Editor".

Die Geschäftsidee für einen interaktiven Stadt-Guide stammt aus Stockholm. Dort entwickelte der Informatik-Student Ziad Ismail das Konzept und besorgte sich Risikokapital. Inzwischen ist "citikey" in sechs europäischen Städten präsent. Ismail kündigt für die nächsten Monate eine "aggressive Expansion" mit Neustarts in 30 Großstädten an, darunter München, Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt und Stuttgart. Überall sollen die Informationen in der Landessprache und in Englisch abrufbar sein.

"Unser Ziel ist eine virtuelle Community", sagt Marketingchef Bastien Schupp. Er ist für die Einführung des neuen Services in den verschiedenen Ländern zuständig und schlägt sich mit den jeweiligen lokalen Eigenheiten herum. In Deutschland hat er eine große Angst vor neuen Technologie-Produkten festgestellt. "Bald können Nutzer direkt per Internet geortet werden und dann alle Infos über ihre Umgebung bekommen", sagt er, "aber hier reden alle Leute vom Datenschutz."

Schupp träumt bereits davon, dass sich Hertha-Fans per Handy Eintrittskarten für das nächste Heimspiel kaufen und Skateboarder ihre Treffpunkte im Internet finden können. Natürlich werde das mittelfristig auch Geld kosten und Geheimnisse über das Kaufverhalten von Kunden offenlegen.

Ob die Nutzer das mitmachen, haben sie letztlich selbst in der Hand, wenn sie ihr Handy einschalten, um sich durch das Großstadt-Dickicht zu schlagen. Zur Parkplatz-, Ticket- und Restaurant-Suche. Dem orientierungslosen Stadtneurotiker fehlt dann eigentlich nur noch eins zum Glück: billigere Telefontarife.

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