Claudia Bokel : ''Mit dem Boykottgedanken abschließen''

Frau Bokel, die Athleten dürfen sich vor, während und nach den Spielen frei äußern, allerdings keine Propaganda machen. Sind Sie zufrieden mit dieser Auskunft des IOC?

Ich bin zufrieden, weil das IOC auf die Unsicherheit der Athleten, wie sie sich verhalten dürfen, eingegangen ist. Es ist bestätigt worden, dass man das Recht hat zu sprechen. Das ist ein Menschenrecht. Und es ist auch gut, dass erwähnt wurde, dass man genausogut das Recht hat, sich nicht zu äußern.

Ist die Ansage des IOC konkret genug?

Konkretes habe ich heute nicht erwartet, das geht in der Kürze der Zeit auch nicht. Demnächst wird das IOC in Absprache mit der Athletenkommission klarere Richtlinien an die Nationalen Olympischen Komitees (NOKs) vergeben. Wenn die Sportler dann unsicher sind, können sie sich an ihre Athletenvertreter oder NOKs wenden.

Sind die Probleme nicht nur vertagt, bis die NOKs die Richtlinien haben?

Vielleicht. Aber im Moment geht es ja noch gar nicht um Protestaktionen, sondern darum, dass die Athleten sich jetzt schon zur Situation äußern dürfen. Bis zu den Spielen sind noch 120 Tage Zeit, bis dahin sind dann auch konkrete Richtlinien vorhanden. Es muss jetzt noch nicht jedes einzelne Bändchen abgesegnet werden.

Als Athletin werden Sie allerdings nicht nach Peking kommen.

Das ist das Traurige. Ich habe mich für die Teilnahme an den Spielen nicht qualifiziert, aber muss hier Aussagen treffen wie: Wir Athleten wollen unbedingt dahin.

Schmerzt das?

Wenn ich die Boykottüberlegungen um mich herum höre, dann denke ich: Wie kann man das Sportlern antun?

Weil Sie das Gefühl jetzt kennen?

Ich weiß, wie es ist, nicht dabei sein zu dürfen. Aber ich habe wenigstens eine Chance gehabt. Doch wenn man sich qualifiziert hat, und einem wird dann von außen ein Boykott aufgedrängt, stelle ich mir das noch viel, viel schlimmer vor. Ich bin deshalb so erleichtert, dass alle 205 NOKs gesagt haben, dass sie zu den Spielen fahren werden. Man sollte mit dem Boykottgedanken so langsam abschließen.

Wie geht’s für Sie jetzt weiter?

Heute werde ich erst mal eine zwölf Kilometer lange Fahrradtour durch Peking machen. Nächste Woche findet die Mannschafts-Fecht-WM statt. An der werde ich nicht teilnehmen, und auch nicht an der Europameisterschaft.

Bedeutet das, dass Ihre Sportkarriere wahrscheinlich vorbei ist?

(Sie schweigt und nickt traurig)

Was kommt dann?

Ich fahre trotzdem zu den Spielen. Ich bin ja Kandidatin für einen der vier frei werdenden Plätze als IOC-Athletenvertreter.

Claudia Bokel ist Fechterin und Vorsitzende der Athletenkommission des Europäischen Olympischen Komitees (EOK).

Das Gespräch mit ihr führte Benedikt Voigt.

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