Zeitung Heute : Claudio Abbado?

Frederik Hanssen

WORAUF GRÜNDET SICH SEIN RUF ALS WELTKLASSEDIRIGENT?

Natürlich wird sein Name genannt, wenn Klassikfans in aller Welt jetzt darüber diskutieren, wer denn die Nachfolge von Riccardo Muti an der Mailänder Scala antreten könne. Doch Claudio Abbado wird sich hüten, den Job anzunehmen. Nicht nur, weil er schon einmal Chefdirigent des berühmtesten italienischen Opernhauses war, sondern vor allem, weil er sich seit ein paar Jahren von allen Verpflichtungen des Musikbusiness losgesagt hat. Als bei Abbado Ende der Neunzigerjahre Magenkrebs diagnostiziert wurde und er sich diversen schweren Operationen unterziehen musste, hatten viele die Hoffnung auf seine Genesung schon aufgegeben. Doch Abbado fand ins Leben zurück – mit eisernem Willen und mit Hilfe der Musik. Jedes Konzert, das er dirigierte, gab ihm mehr Kraft als es ihn kostete. Inzwischen wird jeder seiner raren Auftritte zum Ereignis. Weil Claudio Abbado alles beiseite lässt, was ihn von der Konzentration auf die Kunst ablenken könnte. Abbado selber formuliert es so: „Ich habe durch die Krankheit eine Freiheit gewonnen, nur noch die Musik aufzuführen, die ich aufführen möchte, mit Musikern, die ich als Freunde verstehe.“

Während viele Dirigenten der Spitzenklasse den Verlockungen des globalisierten Musikmarktes erliegen und überall gleichzeitig präsent sein wollen, fokussiert Abbado nach innen, wählt die Werke, die er dirigiert, sorgfältig aus, denkt lieber noch ein paar Jahre länger über eine Partitur nach, bevor er sie zum ersten Mal öffentlich interpretiert: Mit fast 72 Jahren wagte er sich jetzt erstmals an Mozarts „Zauberflöte“ – und triumphierte damit in Reggio Emilia, Ferrara und Baden-Baden. Abbados Credo „Lasst uns einfach zusammen musizieren“ klingt naiv, meint aber nicht weniger als die Kantsche Forderung nach dem Austritt des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Abbado wünscht sich mitdenkende Musiker, die sich nicht dem Diktator auf dem Podium unterwerfen, sondern gemeinsam mit ihm das Werk gestalten.

WIE IST SEIN VERHÄLTNIS ZU BERLIN?

Die zwölf Jahre als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gingen nicht ohne atmosphärische Störungen über die Bühne: Abbado ist ein Maestro des Augenblicks, während der Aufführungen entfaltet sich sein ganzes Charisma. In den Proben dagegen ist er wortkarg, verlangt immer wieder, dass bestimmte Passagen wiederholt werden, ohne zu erklären, was er sich aus welchen Gründen anders vorstellt. Auf die Dauer kann das sehr enervierend sein. Irgendwann Ende der Neunzigerjahre begannen die Musiker Abbado ihre Unzufriedenheit in diesem Punkt deutlich zu machen. Dies mag 1998 mit ein Grund für den Entschluss des Maestros gewesen sein, seinen Vertrag 2002 auslaufen zu lassen.

Dass kurz nachdem er seinen Beschluss bekannt gegeben hatte, Magenkrebs diagnostiziert wurde, veränderte das Verhältnis zwischen ihm und dem Orchester aber noch einmal grundlegend. Die verbleibenden Jahre waren von einer ganz neuen, innigen – und für die Zuhörer stets aufs Neue beglückenden – Vertrautheit geprägt. Bei seiner erste Rückkehr in die Philharmonie nach dem Ende seiner Ära wurde Abbado im vergangenen Frühjahr von den Philharmonikern wie auch vom Publikum wie ein verlorener Sohn gefeiert. Seine drei Berliner Konzerte in der kommenden Woche sind seit Wochen ausverkauft – ein nächster Gastauftritt ist für Mai 2006 fest zugesagt.

Die vorübergehenden Dissonanzen hinter den Türen des Scharounschen Konzertsaals haben sich aber niemals negativ auf Abbados Verhältnis zu der Stadt Berlin ausgewirkt. Er kam, als die Mauer noch stand, erlebte die Euphorie der ersten Nachwendezeit als Hausherr der plötzlich aus der urbanen Randlage in die neue Mitte gerückten Philharmonie, schätzte stets das Unfertige der werdenden Metropole, die offen gezeigten Narben und historischen Blessuren im Straßenbild. Sein geistiger Bezugspunkt blieb dennoch der Westen, die alte Schaubühne, die Berliner Festspiele, Nele Hertlings Hebbel-Theater. In seine thematischen Zyklen, die er für jede Saison der Berliner Philharmoniker neu entwarf, band er alle ein, die mit ihm nach geistiger Verfeinerung streben, die gerne über Hölderlin diskutieren oder die Antike – eben sensible Intellektuelle wie er selber.

WO STEHT ER POLITISCH?

Claudio Abbado war stets dem linksliberalen Lager zuzurechnen. Vor allem in den Siebzigerjahren war er aktiv in der „Kultur-für-alle“-Bewegung. Die von ihm offensiv betriebene Öffnung der Mailänder Scala gefiel dem Stammpublikum des Hauses gar nicht. Abbado aber wollte nicht hinnehmen, dass ausgerechnet im Heimatland der Oper die einst so populäre Kunstgattung seit der Nachkriegszeit zum Tummelplatz der Besserverdienenden degeneriert war. Mit seinen Freunden wie dem Komponisten Luigi Nono und dem Pianisten Maurizio Pollini ging er in Schulen und Gefängnisse, spielte vor Fabrikarbeitern in Werkshallen. Noch heute ist es Abbado wichtig, dass seine Generalproben für Schüler geöffnet sind: So konnten jüngst in Reggio Emilia 800 begeisterte Kids seine „Zauberflöte“ zwei Tage vor der offiziellen Premiere erleben.

Ziemliche Irritationen löste allerdings ein auch von Abbado unterschriebener offener Brief von 200 Intellektuellen aus, der Fidel Castros Regime gegen seine Kritiker in Schutz nimmt. Im „Corriere della sera“ verteidigte der Dirigent darauf ungewohnt wortreich den massimo leader: „Warum nimmt man keine Notiz von den positiven Dingen, die auf Kuba passieren? Es gibt keinen Analphabetismus, in der medizinischen Forschung spielt man ganz vorne mit.“ Allein die Tatsache, dass er 2006 mit dem lateinamerikanischen Jugendorchester, dem auch 44 Kubaner angehören, nach Europa reisen werde, zeige doch, dass die Bewohner keineswegs auf ihrer Insel eingesperrt seien. Ein Hauch von utopischem Kommunismus umweht den reifen Abbado.

WIE SEHEN SEINE ZUKUNFTSPLÄNE AUS?

Abbado hat sich seit jeher für die Förderung junger Musiker eingesetzt. 1978 gründete er das European Union Youth Orchestra, 1988 das Gustav Mahler Jugend Orchester, 1997 schließlich das Mahler Chamber Orchestra, ein Ensemble, das er sehr schätzt und mit dem er auch in den kommenden Jahren Projekte plant. Um so größeres Erstaunen löste im vergangenen Herbst die Meldung aus, Abbado habe in Bologna eine weitere Formation aus der Taufe gehoben: Im neuen Orchestra Mozart spielen international renommierte Instrumentalisten neben jungen Musikern im Alter zwischen 17 und 25 Jahren. Die Nachwuchsprofis bekommen ein Stipendium und erhalten zudem Unterricht von ihren älteren Mitspielern. Große Aktivitäten stehen 2006 mit dem Orchestra Mozart an, wenn die Welt den 250. Geburtstag des Salzburger Komponisten feiert. In der Schweiz hat sich der Maestro zudem bis 2010 ans renommierte Festival von Luzern gebunden – und wird zum Dank dafür im August Ehrenbürger der Stadt am Vierwaldstättersee. Mit seinem eigenen, 2003 aus Musikerfreunden zusammengestellten Lucerne Festival Orchestra wird er jeden Sommer im grandiosen Kongresszentrum des Architekten Jean Nouvel auftreten sowie das Orchester auf Tourneen nach Rom, Tokio und New York führen.

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