CLINT EASTWOODS„Gran Torino“ : Gewissen der Nation

Christiane Peitz
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Foto: Warner

Walt Kowalski. Der Name erinnert an Stanley Kowalski, den Automechaniker und Kriegsheimkehrer aus „Endstation Sehnsucht“. Clint Eastwoods Kowalski ist die gealterte Version: ein Koreakriegsveteran, der ein Leben lang bei Ford gearbeitet hat und nun als Witwer auf seiner Veranda in Detroit sitzt und alle Welt hasst. Der Gran Torino, Baujahr 1972, steht in der Garage. Nein, kein Film zur Autokrise, auch wenn die verlassenen Straßen und die verwahrlosten Suburbs von Detroit mit Wehmut gefilmt sind. Walt Kowalski verkörpert vielmehr das selbstgerechte, aggressive, marode, gestrige Amerika. Ein Unsympath und Misanthrop, ein fluchender Rassist mit M-1-Gewehr, in dessen Nachbarschaft ausgerechnet asiatische Migranten ziehen: eine Hmong-Familie. Zwar kämpfte das Minderheitenvolk im Vietnamkrieg aufseiten der USA, aber für Kowalski sind alle Asiaten Schlitzaugen.

Verpiss dich! Lasst mich in Ruhe! Kowalski bellt, knurrt, spuckt. Ein mordswütiger Köter, der alles und jeden wegbeißt, den fürsorglichen Pater genauso wie den eigenen Sohn, der ihm mit Prospekten von Seniorenresidenzen kommt. Clint Eastwood als Grantler macht Spaß, zumal er gleichzeitig all die abgewrackten Außenseiter, Zyniker und Revolverhelden karikiert, die er von „Dirty Harry“ bis zum Boxtrainer in „Million Dollar Baby“ spielte.

In der zweiten Hälfte kippt die Story (Drehbuch: Nick Schenk) in die Tragödie. Weil Kowalski begreift, dass auch die Migranten zu Amerika gehören, zieht er gegen die Straßengang in den Krieg, die dem Hmong-Jungen Thao und seiner Schwester das Leben zur Hölle machen. Das patriotische, tapfere Einwanderer-Amerika – auch das ist Walt Kowalski. Am Ende opfert er sich, in Bildern mit überdeutlich religiöser Konnotation. Seltsam: Den Kowalski, der rüde die Beichte verweigert, mochte man lieber.

Erneut arbeitet sich Eastwood an den Traumata seiner Nation ab, an der Gewaltfrage, am Machismo, an den Mechanismen der Verdrängung, wie zuletzt in „Der fremde Sohn“. Kowalski sühnt seine Koreakriegsschuld, Eastwood scheint seine eigene Schuld abtragen zu wollen, die er mit der Verkörperung böser Amerikaner auf sich genommen zu haben glaubt. Das Vexierspiel zwischen Star und Figur, erst ist es ein vergnügliches Spiel, dann heiliger Ernst, ein Opfergang aus schlechtem Gewissen. Schade um den Grantler auf der Veranda. Drama über amerikanische Schuld und Sühne. Christiane Peitz

„Gran Torino“, USA 2008, 116 Min., R: Clint Eastwood, D: Eastwood, Christopher Carley, Ahney Her

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