Zeitung Heute : Coaching auf zwei Rädern

Ein Hamburger startet in Berlin Fahrradkurse – für Erwachsene

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Was tun, wenn es eng wird zwischen zwei Mülltonnen oder zwischen Fußgängern, die plötzlich auf den Radweg laufen? „Auf keinen Fall Panik bekommen und verkrampfen“, sagt Christian Burmeister. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man mit dem Fahrrad nicht mehr schnell genug die Biege macht. Der Mann aus Hamburg muss es wissen: Seit 1988 veranstaltet er Fahrradkurse – und zwar für Erwachsene. In Berlin beginnt der erste Frühjahrskurs an diesem Montag, 5. April.

Fahrradfahren ist doch ein Kinderspiel – möchte man meinen. „Uns Erwachsenen ist die Natürlichkeit, die Kinder noch besitzen, aber oft verloren gegangen“, sagt der Radtrainer, der früher vor allem IntegrationsFahrradkurse leitete. Kinder entdecken die Welt, sind auf sich alleine gestellt, erobern alles im Spiel. „Setzen Sie mal ein Kind auf eine Schaukel. Das holt Schwung, macht die Augen zu, legt den Kopf in den Nacken, schlenkert herum – und schon klappt das.“ Erwachsene hingegen „konstruieren und theoretisieren“. Deswegen lässt Christian Burmeister seine Kursteilnehmer erst einmal mit Rollern experimentieren, gibt ihnen Räder ohne Pedale – sie sollen ein Gefühl für das Radfahren bekommen.

Als der Radtrainer und Reiseveranstalter, der sich gerade ein Jahr lang ehrenamtlich in Sankt Petersburg für Straßenkinder engagierte, mit den Kursen anfing, meldeten sich vor allem Angehörige der Nachkriegsgeneration. Sie hatten nie die Chance, Radfahren zu lernen. „Zugeben mögen das aber die wenigsten.“ Dass man nicht schwimmen kann – okay. Selbst Analphabetismus sei als gesellschaftliches Phänomen anerkannt. Aber dass man nicht damit zurechtkommt, was doch jedes Kind beherrscht, offenbart nicht jeder. „Bei manchem Kursteilnehmer hing das Vorhaben, einen Radfahrkurs mitzumachen, schon Jahre an der Pinnwand.“

Die meisten Kursteilnehmer sind Frauen. Burmeister: „Sie leben oftmals bewusster und gehen Dinge aktiv an. Männer gestehen sich Schwächen seltener ein.“ Die älteste Teilnehmerin war 93 Jahre alt, die jüngsten Teenager. Bei dem 42-Jährigen lernen die Rad-Eleven aber mehr als anfahren, bremsen, absteigen. Es sind kleine Lektionen, Lebensweisheiten, die der Hamburger im Vorbeifahren vermittelt. „Jeder noch so lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt“, sagt er gern, oder: „Wir ändern unser Leben nicht durch Hoffen, sondern durch Taten.“ Deswegen beginnt er sein Training auch oft mit dem Satz, der erste Schritt zum Erfolg sei, dass die Leute überhaupt gekommen sind.

„Manche Frauen hören schon seit über 30 Jahren von ihrem Mann, sie seien einfach unfähig.“ Wenn sie dann aber Fahrrad-Runden mit anderen gedreht haben, denen alles auch nicht so leicht fällt, gibt das oftmals neuen Schwung. „Ich bemühe mich, den Leuten ein Stück Frechheit aus der Kindheit zurückzugeben.“ Persönlichkeitscoaching auf zwei Rädern also.kög

Der erste Radfahrkursus dieser Saison in Berlin geht vom 5. bis 17. April. Er umfasst 20 Unterrichtsstunden an zehn Tagen. Es gibt Termine zu jeder Tageszeit. Das Training findet auf dem Schulhof der Loschmidt-Oberschule in Charlottenburg statt, zum Abschluss gibt es eine Radtour. Der Preis: 185 Euro. Infos und Anmeldung bei Jörn Gropp unter 0177 75 44 189 oder bei Christian Burmeister unter 0171 75 44 189.

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