Zeitung Heute : Cochon Bourgeois

Rustikal und deftig

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Geht es um die Frage, welche Restaurants in Berlin denn richtig gut laufen, kommt man nach ein paar rituellen Erwähnungen von Borchardt, Paris-Bar und der „Ständigen Vertretung“ relativ rasch in Kreuzberg an, wo sich das streng französische „Cochon Bourgeois“ zwischen allerhand Kneipen innig etabliert hat. Voll ist es eigentlich immer, drinnen an den schlichten, knapp gestellten Tischen und erst recht vorn auf der umrankten Terrasse, wo man sich unweigerlich wie im Urlaub fühlt. Auch die Kollegen von den anderen Herden gehen gern hin, wenn sie sich einmal ein wenig entspannen wollen. Kreuzberg lebt – nirgendwo wird dieser fast vergessene Umstand hübscher demonstriert als hier.

Dabei ist es dort ja nicht einmal billig. Als wir jetzt nach vier Gängen und einer keineswegs extravaganten Flasche Wein zu zweit 160 Euro hinlegen mussten (in bar, keine Kreditkarten), da dachten wir, ups, das ist ja ein ganzer Haufen Geld in einem so schlichten Restaurant. Grund, genau hinzusehen.

Im letzten Jahr hat der gestrenge Gault-Millau-Guide das Lokal in den Boden gestampft, und zwar, soweit sich das feststellen lässt, vor allem wegen der betonten Vollgas-Tendenz am Herd. Das bleibt freilich Geschmackssache; richtig ist, dass die hier vorherrschende Auffassung französischer Küche im Zweifel rustikal und deftig ist. Also legt man gern etwas geschwärzte Knoblauchzehe oder geröstete Thymianzweige an den Rand, und die Doradenfilets, die wir jetzt kosteten, waren auf der Haut so steif angebrutzelt und trocken, dass sie auch als Tellerchen hätten Verwendung finden können. Dazu geschmorter Staudensellerie mit einer windelweichen Dosentomate als Beigabe - nun ja.

Aber das war es auch im Wesentlichen mit der Kritik. Dem sehr zarten Tintenfisch auf Orangen-Fenchel-Salat war die Pfannenhitze besser bekommen, die Ziegenkäse-Terrine mit Salat bestach durch ihren charaktervollen, aber nicht penetranten Geschmack, das Kalbsbries auf Pfifferlingsrisotto bestach durch Würze und Harmonie, und die angenehm pastose Gazpacho war so abgewogen paprikös zusammengemixt, dass wir sie zur idealen Sommerkost ernannten. Schließlich Ente zweifach, etwas gebratene Brust, eine geschmorte Keule, dazu kleine Beluga-Linsen, eine bei aller Deftigkeit wohlgefüllige und handwerklich sichere Sache. Und richtig ist ja auf jeden Fall, dass diese Art französicher Küche (glücklicherweise) nicht identisch ist mit jener organisierten Phantasielosigkeit, die uns die notorischen O-la-la-Lokale mit den schnauzbärtigen Wirten, der Mireille-Mathieu-Musik und den Kräuterschnecken so sorgfältig meiden lässt.

Desserts sind hier kein Hauptthema, sondern eher eine Art Pflichtprogramm. Man bekommt mildes Mohnmousse, in dem die schwarzen Körner eher optisch als geschmacklich durchschlagen, dazu Himbeeren, oder Schokocrepes mit weißen Pfirsichen und einer Kugel Eis, die sehr konfektioniert wirkte und nicht recht zu erkennen gab, für welches Aroma sie eigentlich stehen sollte.

Nicht überraschend, dass sich ein so französisch orientiertes Restaurant auch bei den Weinen innerhalb der selbst gesetzten Grenzen hält. Dominique Marneau, Chef, Oberkellner und Sommelier in Personalunion, emanzipiert sich allmählich mit Eigenimporten von seinen angestammten Berliner Lieferanten und setzt einen interessanten Schwerpunkt an der Loire, beispielsweise mit gleich mehreren Sancerres. Die Emanzipation betrifft leider auch die Preise, die das Bistroniveau längst verlassen haben – unter 35 Euro ist hier kaum noch etwas zu machen.

Möglicherweise liegt das aber auch an den Honoraren für die allabendlich heftig werkelnden Pianisten, deren Können immer irgendwo zwischen Klavierstunde und Konzertsaal schwankt (was auf der Terrasse im Zweifel weniger ins Gewicht fällt). Gelegentlichen Klagen über arroganten Service kann ich, da im Hause bekannt, nicht viel hinzufügen, glaube aber nicht, dass so viele Leute so gern hingingen, wenn es denn wirklich und öfter so wäre. Andererseits hört man diese Klage ja gelegentlich auch aus dem Borchardt und der Paris-Bar... Bernd Matthies

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