Zeitung Heute : Codename Agent X

Matthias B. Krause[New York]

Al Qaida hat Biowaffen, sagt US-Präsident George W. Bush. Welcher Gefahr wäre die Welt in dem Fall ausgesetzt?

Die Warnung hätte kaum dramatischer ausfallen können. Wenn sich der jüngste Untersuchungsbericht zu den Fehleinschätzungen der amerikanischen Geheimdienste im Irak mit Biowaffen beschäftigt, benutzen die Verfasser ihre drastischste Sprache. „Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir noch keinen größeren biologischen Angriff erlitten haben“, zitieren sie zum Beispiel einen Geheimdienstmitarbeiter. Der Report bekräftigt, dass es sich bei den angeblichen Massenvernichtungswaffen in den Händen von Saddam Hussein um eine Fiktion handelte. Doch er sieht große Gefahren an einer anderen Front: Terroristen, die Anschläge mit Biowaffen verüben.

So kommen die Ermittler zu dem Schluss, dass es Osama bin Ladens Terrororganisation Al Qaida gelungen war, hochgefährliche Stoffe in Afghanistan zu produzieren, die als Biowaffen gelten. Der Angriff der Amerikaner auf das Talibanregime nach den Anschlägen vom 11. September habe wahrscheinlich einen Biowaffen-Attacke von Al Qaida verhindert. Aus Gründen der Geheimhaltung spricht der Bericht nur von einem Stoff mit dem Codenamen Agent X. Experten gehen davon aus, dass wahrscheinlich vom Milzbrand-Erreger Anthrax die Rede ist. Die von Präsident George W. Bush eingesetzte Kommission warnt ferner, dass Biowaffen in den Händen von Terroristen eine „zutiefst besorgende Gefahr“ seien. Und eine unterschätzte dazu: „Die Geheimdienste und die Regierung müssen das Problem mit neuen Strategien und mit neuer Dringlichkeit angehen.“

Die Experten kritisieren vor allem, dass die Regierungsbehörden ihr Augenmerk zu sehr auf nukleare oder traditionelle Waffen legten. Das hängt wahrscheinlich nicht zuletzt damit zusammen, dass das Militär Biowaffen für eine vergleichsweise geringe Gefahr hält. Obwohl sie seit Jahrtausenden zum Arsenal von Kriegsherren gehören, haben sie sich als relativ unpraktisch erwiesen. Krankheitserreger sind gegen eine vorrückende Armee nutzlos, weil sie zu langsam wirken. Die Schwächung des Gegners durch Bakterien, Viren und andere krankheitserregende Stoffe lässt sich zudem kaum auf ein Ziel oder eine Region beschränken. Zu groß ist auch die Gefahr, dass die eigenen Truppen infiziert werden. Eine 1972 verabschiedete Biowaffen-Konvention verbietet die Produktion und die Lagerung der gefährlichen Stoffe, mehr als 100 Staaten haben sie unterzeichnet.

„Biowaffen sind eine größere Gefahr für Zivilisten als für Soldaten“, sagt auch Jeanne Guillemin, Biowaffen-Expertin am Boston College. Soldaten würden auf eine entsprechende Attacke vorbereitet, seien geimpft und würden Schutzmasken oder ganze Schutzanzüge tragen. In den USA habe es vor dem 11. September praktisch kein Problembewusstsein für Biowaffen gegeben, sagt sie. Zwar gilt der Versuch einer Bhagwan-Sekte in Oregon, die Bevölkerung einer kleinen Stadt durch Salmonellen-Erreger lahm zu legen und so eine Wahl zu beeinflussen, als der erste Fall von Bio-Terrorismus in den USA. Zum öffentlich diskutierten Thema wurde die Gefahr erst nach den Anthrax- Attacken im September und Oktober 2001. Damals starben nach Anschlägen auf Medienorganisationen und Politiker fünf Menschen. Poststationen mussten auf Jahre geschlossen und für Millionen Dollar renoviert werden. Die Täter wurden bis heute nicht gefunden.

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