Zeitung Heute : Cola pennt

Afri-Cola ist ein Mythos. Warum nur schmeckt sie nicht mehr wie früher? Ein Mann kämpft für den guten Geschmack.

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Von Tanja Stelzer

Die Nachtschicht ist vorbei, der Barkeeper legt sich in die Badewanne, wie üblich eine Flasche Afri-Cola in der Hand - zum Wachbleiben. Uwe Lübbermann nimmt einen Schluck und merkt sofort: Da stimmt was nicht. Die Afri schmeckt anders als sonst. Ein paar Schlucke weiter versinkt er fast im Badeschaum, schläft beinahe ein. Die Afri hat ihre Wirkung verloren. Seine Lieblingscola ist nicht mehr die, die sie mal war. Und wie das so ist, wenn man seine Liebste verloren hat, ruft Uwe Lübbermann am nächsten Tag, unausgeschlafen und schlecht gelaunt, ein paar Freunde an und beratschlagt mit ihnen, wie man, um im Bild zu bleiben, die Freundin zurückgewinnen kann.

Eine Woche nach dem müden Abend in der Wanne, im Dezember 1999, fährt Uwe Lübbermann mit zwei Freunden nach Köln, zur Afri-Cola GmbH. Im Gepäck haben sie bunte Wasserpistolen in Pumpgun-Größe. Aber dem Mann, den sie als Geisel nehmen und zwingen wollen, ihnen die alte Afri zurückzugeben, stehen selbst die Tränen in den Augen. Sein Vater hatte einst die Afri-Cola erfunden, doch der Sohn musste die Marke verkaufen, sie brachte nicht mehr genug Geld. Das Cola-Geschäft, erfahren Uwe Lübbermann und sein Begleiter, wird inzwischen in Bad Überkingen bei Stuttgart gemacht, und dort haben sie Statistiken, die sagen, dass mehr Menschen ihre Cola trinken, wenn weniger Koffein drin ist und dafür mehr Zucker. „Die wollten die Afri so groß machen wie Pepsi“, sagt Uwe Lübbermann.

Mit Skateboard und Schwung

Lübbermann, fast kahl geschorener Schädel, Koteletten bis zum Kinn, schwarze Skaterhose, ist 26 und hat schon eine Menge Berufserfahrung vorzuweisen: Barkeeper, Maurer, Gaszählerableser, Profi-Billardspieler, Kurierfahrer, Behindertenbetreuer, Türsteher, Profi-Skateboarder. Jetzt ist er Werbekaufmann und nebenbei ColaProduzent. Genauer gesagt verkauft er eine Cola, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Es ist die alte Afri-Cola, aber sie darf so nicht heißen, und sie darf auch nicht in der schönen geschwungenen Flasche verkauft werden, deren Rundungen Uwe Lübbermann früher mindestens genauso wachhielten wie das Koffein. Die alte Afri, die neue „Premium-Cola“, ist stärker als Red Bull. Auf dem schwarzen Etikett steht: „Wer unsere alte Lieblingscola-Marke aufkauft und heimlich schwachen Inhalt reinfüllt, kriegt es mit uns zu tun.“

Afri ist ein Mythos. 1931 wurde sie als Markenzeichen registriert, 1968 wurde die „sexy-mini-super-flower-pop-op-Cola“ durch einen psychedelischen Werbespot von Charles Wilp legendär: Im Afri-Cola-Rausch räkeln sich Nonnen hinter einer geeisten Glaswand – der Bayerische Rundfunk boykottierte den Spot, Kardinal Frings schrieb einen Protestbrief an Afri. In einem späteren Spot ist zum ersten Mal in der Geschichte der Werbung ein nackter Mann zu sehen. Afri, das ist die Cola „für lange Tage und harte Nächte“, beliebt in ganz Europa, in Arabien und Afrika: eine kleine Flasche mit einer lustigen Palme drauf, das Gegenteil von Coca-Cola-Kommerz. Und nichts für Kinder, dafür hat sie viel zu viel Koffein, 250 Milligramm pro Liter, ungefähr 20 mal so viel wie eine Tasse Kaffee. 1992 warnte Afri-Cola seine Konsumenten mit einer wie ein Herz pochenden Flasche vor Herzrasen – „Genuss auf eigene Gefahr“.

„Man kann doch nicht einfach eine Marke nehmen, die eine Geschichte hat, und sie umdrehen." Uwe Lübbermann sitzt in seinem Büro in einem Hamburger Hinterhof und nimmt sich eine Flasche Premium-Cola vom Tisch. Er schnipst mit dem Feuerzeug den weißen Kronkorken von der Flasche, dass er durchs Büro fliegt. „Das ist ungefähr so, wie wenn man einen Mercedes kauft, und da ist ein Motor von Lada drin, du setzt dich rein, und da kommt nix.“

Nachdem die Afri keine Wirkung mehr zeigte, stellte sich Uwe Lübbermann beim Autofahren eine Kaffeemaschine auf den Beifahrersitz, die man an den Zigarettenanzünder anschließen kann. So hielt er sich wach, auch als er nach Bad Überkingen fuhr, um die Menschen dort über die Afri-Cola aufzuklären. „Anzugträger“, sagt Uwe Lübbermann und verzieht den Mund, als hätte er einen Schluck von der neuen Afri genommen. Dabei, das gibt er zu, haben sie ihn nicht unfreundlich empfangen, man kann sich vorstellen, dass dieser lustige Kerl eine willkommene Abwechslung war im Alltag der Mineralbrunnen AG. Uwe Lübbermann ist sich sogar sicher, dass der Werbeleiter heimliche Sympathie für sein Projekt hat. Trotzdem verkaufte Mineralbrunnen weiter die Cola mit dem falschen Rezept, und das auch noch zum Großteil in einer ganz normalen Sprudelflasche, so einer mit Pickeln drauf, „igitt“, sagt Uwe Lübbermann.

Er gründet die „Interessengruppe Premium“, er richtet eine Protest-Website ein ( www.ipremium.de ), er organisiert eine Demo in Köln mit einem Feuerschlucker. Irgendwann wirft die Mineralbrunnen AG ihren Afri-Produktmanager raus – „tut uns wirklich Leid“, sagt Uwe Lübbermann grinsend – und kündigt an, sie werde die Sprudelflasche durch eine neue Flasche ersetzen, deren Form an die alte Afri erinnert. Uwe Lübbermann und die Afri-Kämpfer werten das als ersten Erfolg ihrer Kampagne. Schon glauben sie, die Wassermenschen aus Stuttgart hätten endlich begriffen, worum es bei dieser Cola geht, da füllen sich die Regale in den Supermärkten mit einer Light-Version der Afri-Cola, abgefüllt in Plastikflaschen, die Einbuchtung an der Flaschenseite, die Taille, ist aufgemalt. Für Uwe Lübbermann ist der Verrat an der Marke komplett. Er macht sich auf die Suche nach dem alten Rezept, nach einem früheren Abfüller. 1000 Flaschen lässt er produzieren, die Kisten lagert er zu Hause im Keller, und für zwei Mark pro Flasche plus Porto für das Paket verschickt er die neue alte Cola an die Mitglieder der Interessengruppe. Der Werbeleiter der Mineralbrunnen AG bekommt zwei Flaschen umsonst. Nach zwei Wochen sind alle Flaschen weg.

„Ach, der Herr Lübbermann…“ Die Frau am Telefon seufzt leise und sagt dann tapfer: „Wissen Sie, die allerschlechteste Lobbyarbeit ist das ja nicht.“ Aber natürlich kann Birgit Eschenbruch, die Pressefrau bei Afri, nicht gut finden, was dieser Kerl in Hamburg macht. Ihre, die Mineralbrunnen-Cola, sagt sie, ist was Besonderes, Individuelles, sie spricht junge Leute an, Trendadapter, das sind welche, die viel weggehen und sich absetzen wollen von der Masse. Das mit der Masse ist natürlich so eine Sache, wenn man gleichzeitig viel verkaufen will. „Wir distribuieren national“, das sagt Birgt Eschenbruch nämlich auch; im letzten Jahr hat Afri ein Umsatz-Plus von 32 Prozent gemacht, „die Afri ist voll akzeptiert.“ Warum dann wieder die Rezeptur ändern, die doch „seitdem es Afri-Cola gibt, immer wieder optimiert wurde“?

Warum? Na klar, weil die Zielgruppe ihr Produkt fordert, sagt Lübbermann, als wäre das wie bei einer Wahl: Der Bürger wählt die Politiker, der Käufer das Produkt. 660 Mitglieder hat die Interessengruppe Premium-Cola inzwischen, 3500 Flaschen pro Monat werden verkauft, per Post versandt und in Kneipen, Bars und Imbissbuden ausgeschenkt. Mehr können die Afri-Fans kaum bewältigen, inzwischen suchen sie nach Partnern in anderen Städten, die ein bisschen Geld haben, einen Keller und den Glauben an eine Legende.

Lifestyle-Basisdemokratie

Heute führen 18 Läden in Hamburg Premium-Cola, dazu einer in Lübeck. Sie alle mussten eine Art Test absolvieren, eine Begutachtung durch die Interessengruppe, denn nicht jeder, der will, darf Premium-Cola verkaufen. Der Imbissbudenbesitzer vom „Lüttn Grill“ etwa hat sich dadurch qualifiziert, dass er seine Hähnchen 24 Stunden in 16 Kräuter einlegt, damit sie besonders gut schmecken. Die Dual Bar darf Premium-Cola führen, weil die Bedienung sich so rührend um die Gäste kümmert, die Egal Bar, weil sie „total warzig“ ist, auch eine Art der Ehrlichkeit. Ein Bistro, in dem die Kellner Vorgaben bekommen, wie viel Umsatz sie pro Tisch machen müssen, wurde abgelehnt. Für Sehen und Gesehen werden stehe dieser Laden, und das passe nicht zur Philosophie von Premium-Cola, sagt Uwe Lübbermann. „Ich glaube, dass eine Marke sich verhalten muss wie eine Persönlichkeit. Wenn wir uns nach außen korrekt geben, müssen wir uns auch zu allen, die mitmachen, so verhalten.“

Jeden Montag treffen sich die Fans der alten Afri-Cola in einem der Läden, die die falsche Flasche mit dem richtigen Rezept verkaufen. Jeder kann kommen und Vorschläge machen. Es ist so eine Art Lifestyle-Basisdemokratie. Vor ein paar Wochen haben sie bei einem Treffen im Golden Pudel Club entschieden, dass die Innenseite des Flaschenetiketts in Zukunft als Demonstrationsfläche benutzt werden soll, um Unehrlichkeiten anzuprangern. Wenn man die Flasche ausgetrunken hat, kann man dann zum Beispiel lesen: „Wer eine Explosion im Kernkraftwerk erst nach drei Wochen meldet, dem gehört die Lizenz entzogen.“

Ach so, wie sie schmeckt, die alte Afri-Cola? Irgendwie würziger als Coca Cola, kräftig, nicht besonders süß. Kenner behalten übrigens den ersten Schluck für ein paar Sekunden im Mund, wie bei der Weinprobe: Weil sich dadurch der Effekt des Koffeins verstärkt.

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