Zeitung Heute : Commander Kongo

Lässig, aber konsequent: Wer ist Karlheinz Viereck, der den Einsatz in Kinshasa leitet? Besuch auf seinem Potsdamer Feldherrnhügel

Ingrid Müller

Die Aufgabe ist ganz nach seinem Geschmack. Von Anfang bis Ende die Verantwortung in seiner Hand. „Wir machen hier alles“, schwärmt Karlheinz Viereck von „seiner“ Kongo-Mission. Der Drei-Sterne-General befehligt als erster deutscher Operation Commander einen EU-Truppeneinsatz; heute soll der Ministerrat die „Eufor RD Congo“ endgültig auf den Weg schicken.

Rund 2000 Soldaten aus 20 EU-Staaten und der Türkei sollen unter Viereck helfen, die ersten Wahlen seit vier Jahrzehnten in dem afrikanischen Land abzusichern. An Selbstbewusstsein mangelt es dem 55 Jahre alten, drahtigen Mann nicht. Das kann er brauchen, in Deutschland ist der Einsatz umstritten, und gerade hat der EU-Außenbeauftragte Javier Solana die Eufor als Beispiel für künftige Aktionen angeführt. Wenn es gut geht, ist das für Viereck ein großer Schritt in seiner Karriere.

Sein Feldherrnhügel liegt an einer kleinen Allee südlich von Potsdam – 6500 Kilometer entfernt von Kinshasa, dem Sieben-Millionen-Moloch. Aber „hier sehen Sie alles“, sagt der Jetpilot in Lederjacke. Soll nur keiner meinen, er wisse in seinem gut abgeschirmten Operation Hauptquartier (OHQ) an der Haltestelle Wildpark-West, Fuchsweg, nicht, was bei seiner Mission an Ort und Stelle passiert. Im elektronisch gesicherten Sperrbezirk der Henning-von-Tresckow-Kaserne findet sich hinter einem dunkelgrünen Gitterzaun das klimatisierte Herzstück des OHQ. Auf drei Großleinwänden kann er sich in der fensterlosen Operationszentrale alle wichtigen Informationen anzeigen lassen, im Ernstfall informieren hier 20 Soldaten den Kommandeur.

Draußen vor den Waschbetonmauern wehen die Fahnen der Nationen, aus denen die 140 Soldaten stammen, die seit Ende April die Mission vorbereiten, alle treten in ihren nationalen Uniformen an, die einen setzen da auf mehr Grün, die andern auf mehr Braun.

Eigentlich sollte das neue Hauptquartier im Herbst bei einer Übung erprobt werden, doch dann kam die Bitte der Vereinten Nationen, die Europäer sollten doch die UN-Truppe Monuc bei den Wahlen im Kongo Ende Juli militärisch unterstützen. Nach einigem politischem Hin und Her und kräftigem Drängen aus Paris sagten die Deutschen schließlich zu, die Führung zu übernehmen, die Franzosen führen das Feldhauptquartier in Kinshasa. Also lief das Kommando auf Viereck zu, der gerade erst Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr geworden war. Führen hat der Mann, dessen Hände jedes seiner Worte unterstreichen, in den rund 26 Jahren bei der Truppe gelernt. 1974 hat er in den USA die Pilotenausbildung abgeschlossen, inzwischen schlagen gut 2500 Stunden am Himmel zu Buche. Da hat er immer wieder gespürt, welche Kräfte am Körper reißen, wenn sich der Pilot mit seiner Phantom oder seinem Tornado in die Kurve legt. Nach Jahren beim Aufklärungsgeschwader in Leck absolvierte er zunächst einen Generalstabslehrgang in Hamburg, einen weiteren in Dänemark. Dort und später auch in Norwegen diente er in hohen Stabsfunktionen bei der Nato, zwischendurch war er mehrfach im Bundesverteidigungsministerium, Mitte der 90er Jahre als Luftwaffenadjutant des Ministers Volker Rühe auf der Hardthöhe in Bonn, später auch im Führungsstab der Streitkräfte in Berlin für Militärpolitik und Rüstungskontrolle zuständig.

Trotz all seiner Führungserfahrung und des Einfühlungsvermögens, das Viereck nachgesagt wird, ist die neue Aufgabe eine echte Herausforderung. Französische Generäle in Afrika gelten als eigen. „Das wird anstrengend für Viereck und für den Franzosen“, sagt einer, der ihn als Oberstleutnant im Ministerium kennen- und dort dessen „konsequenten“ Stil schätzen gelernt hat. Jede Woche trifft Viereck seinen Force Commander Generalmajor Christian Damay. Der hat auf der Elite-Militärakademie Saint-Cyr gelernt, war Befehlshaber der elften Luftlandebrigade der Fremdenlegion und hat Erfahrungen mit Operationen im Libanon und im Tschad. Bei ihren Arbeitstreffen und ein paar „privaten Sessions“ hat Viereck denn auch nicht nur seinen Charme spielen lassen, sondern klar gesagt: „Ich bin der Boss.“ Dafür reicht sein Französisch allemal, zweimal die Woche lernt er abends anderthalb Stunden. Schließlich will er mit allen wenigstens ansatzweise in ihrer Sprache reden können, das öffnet viele Türen. Um alles abzuchecken, war Viereck in den vergangenen Wochen zwischen Brüssel, Paris, Kinshasa und Libreville unterwegs. Jetzt sind seine Pläne „tipptopp fertig“ erzählt er, über die Details aber schweigt er beredt. Zwischendurch stippt er schnell ein Stück Zucker in den Kaffee und steckt es sich in den Mund. Er hat Präsident Joseph Kabila und die anderen Kandidaten für die Wahlen am 30. Juli getroffen und im EU-Beauftragten für die großen Seen in Afrika, Aldo Ajello, einen „Freund“ gefunden, mit dem er und sein kleines Team Vertrauter die „wichtigen Leute“ treffen, um sich für die Stationierung abzusprechen.

Bei aller Selbstsicherheit, das eine oder andere Problem lässt ihn doch nicht los und beschert ihm nachts manchmal einen „afrikanischen Traum“ – etwa als Präsident Kabila ihm „den Flughafen gegeben“ hat, wo das Hauptquartier in Kinshasa aufgeschlagen wird, wie er nicht ohne Stolz erzählt. Zwar räumte der örtliche Inspekteur das Feld, aber dass in den Hangars noch Soldaten der kongolesischen Luftwaffe mit Familien wohnen, treibt ihn um.

Nicht nur in Afrika ist die Planung zeitweise mühsam, beim Einsammeln der Truppen in den EU-Ländern geht es zu wie beim Pokern. „Im Großen und Ganzen“ habe er die Soldaten, die er braucht – aber beim „Lufttransport“ fehlte ihm bis kurz vor Schluss noch das eine oder andere. Der ist aber besonders wichtig in einem Land, in dem es kaum Straßen, aber enorme Entfernungen gibt – vom einen Ende zum anderen ist es so weit wie von Berlin nach Rom.

Auch wenn die Deutschen ihre Soldaten nur im „Raum Kinshasa“ eingesetzt haben wollen, der Kommandeur legt Wert darauf , dass er „von der EU einen Auftrag für das ganze Land“ hat – und dort wird er sich im Zweifel auch bewegen. Ausgenommen sind nur die vier nordöstlichen Provinzen, wo die meisten der 18 000 Mann der UN-Truppe stationiert sind.

In die politische Debatte um den Einsatz will der General nicht hineingezogen werden, da zieht er die Lippen zusammen, faltet die Hände und lächelt „als Europäer“ über die „Diskussion in einem nationalen Staat“. Auch wenn ihn Äußerungen des Wehrbeauftragten Reinhold Robbe und anderer, die Truppe lehne den Einsatz wie kaum einen anderen ab und fürchte sich außerdem vor Aids, offenkundig geärgert haben: Bei dem Thema werden sogar seine Hände einsilbig. Schließlich wettert er: „Der Soldat geht nicht nach Kinshasa, damit er dort billig ins Bordell kann. Meine Soldaten sind im Dienst.“ Und für alle, die es noch nicht wissen sollten: Der Soldatenberuf beruht nicht auf Freiwilligkeit.

Deutschland wird mit 780 Soldaten einen Großteil der insgesamt 2000 Mann starken EU-Truppe stellen, die in Kinshasa und Libreville in Gabun stationiert wird. Was, wenn es zu Unruhen kommt und Deutsche unter Feuer geraten? Der Verteidigungsminister Franz-Josef Jung geht davon aus, dass rund 300 Bundeswehrsoldaten in Kinshasa stationiert werden, die anderen in Gabun „on call“ sind. Doch das heißt nicht, dass diese Soldaten nicht auch zeitweise in der kongolesischen Hauptstadt sein werden. Erstens wissen sie dann im Ernstfall, wie es in Kinshasa aussieht und zweitens kann die EU-Truppe so den Kongolesen Stärke demonstrieren. „Viele Leute glauben, es gibt Probleme. Doch aus meiner Kenntnis dürften die sich in Grenzen halten. Die Kongolesen wollen eigentlich ihre Ruhe haben.“ Davon, dass er mit der Truppe im Zweifel alle Wahlhelfer ausfliegen könnte, spricht er nicht. Sein Auftrag sei, an einzelnen Punkten zu helfen und gegebenenfalls Menschen in Gefahr zu retten. Über den worst case schweigt er. Aber auch den muss Viereck bei seinen Plänen bedacht haben – vielleicht war dieses Szenario vergangene Woche ja Thema beim dreistündigen Besuch Solanas. Für ihn hat Viereck ausnahmsweise statt seines grauen Fliegerblousons mal die blaue Uniform getragen.

Als er vor gut einem Jahr von seinem Luftwaffenkommando in Aurich als Vize-Befehlshaber ins Einsatzführungskommando der Bundeswehr wechselte, hat seine fröhliche Lässigkeit manchen ebenso irritiert wie sein Führungsstil. Erst einmal fragt er viele Leute nach ihrer Meinung – dann gibt er seine Order. Die ist dann allerdings unumstößlich. Seine Leute wissen, dass der Chef mit den Lachfältchen um die Augen nicht nur verdammt schnell redet, sondern auch so arbeitet. Und der passionierte Military-Reiter hat genaue Vorstellungen davon, was Effektivität heißt. Damit hat er sich nicht immer und überall Freunde gemacht – etwa, als er beim Luftwaffengeschwader in Memmingen Mitte der 90er durchsetzte, dass die Piloten mit ihren Tornados „nicht nur sinnlos hoch und schnell fliegen“, wie sich ein Weggefährte erinnert. Wenn die teuren Maschinen in die Luft gingen, sollte immer auch etwas für die Ausbildung getan werden. So ein Chef ist anstrengend.

Und wo spannt ein so umtriebiger Mann mal aus? Ganz und gar unspektakulär: in Ostfriesland. „Da habe ich ein Haus mit Van-Gogh-Klappbrücke. Vorne am Kanal frühstücken“, das ist für ihn Erholung pur. Alle zwei bis drei Wochen schafft er es dorthin. In den nächsten Monaten wird er dort wohl seltener sein. Dann will der Commander auch öfter mal in Kinshasa und Libreville vorbeischauen. „Ich muss doch meinen Leuten in die Augen sehen“, lächelt er vielsagend – das geht von Potsdam dann doch nicht. Befehl ist gut, Kontrolle ist besser. Es gibt viel zu gewinnen, wenn die Kongo-Mission glückt. Aber auch viel zu verlieren.

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