Zeitung Heute : Commitment für das System

Kathrin Röggla durchleuchtet die sprachliche Welt der Unternehmensberater

Lavinia Meier-Ewert

Warum kann man sich das Schlafen nicht abgewöhnen? „genetischer defekt von anfang an sozusagen“, findet der IT-Supporter in Kathrin Rögglas neuem Roman „wir schlafen nicht“. Atemlos, überdreht und dauerberauscht von Schlaflosigkeit, Zeitdruck und Weißweinschorle, erzählen sechs Angestellte aus dem IT- und Unternehmensberatermilieu in dem ihnen eigenen Jargon aus dem Arbeitsleben. Wir befinden uns auf einer der Messen, „wo man nicht weiß, ob sie eine zukunft haben“. Der Branche geht es schlecht, die Stimmung ist angespannt. Eine Key Account Managerin, eine Praktikantin, eine Online-Redakteurin, ein IT-Supporter, ein Partner und ein Senior Associate – alle ohne Namen – treffen hier auf eine Frau, die sie befragt. Alle definieren sich über ihre Arbeit, finden „das ganze wording“ zwar irgendwie auch „ganz schön absurd“, das sei aber eine Haltung, „die man so nicht durchziehen könne“. Letztlich dreht es sich eben um „commitment für das system“, und „wenn einem die arbeit nicht über alles gehe, dann könne man das auch nicht machen, das verstünde sich von selbst.“

Sie sind gefangen in ihren Rollen und in ihrer Sprache. Sie denken in Produktzyklen und BWL-Kreisläufen; und weil Sprache eben das Bewusstsein bestimmt, fallen Kontakte zu anderen Menschen unter „social networking“, und in der Freizeit „ist akku-löschen angesagt“. Ein Privatleben gibt es nicht – „wie denn auch, wenn man den ganzen tag am arbeiten ist?“ Über allem steht der „workflow“. Was ihn unterbrechen könnte, wird als Behinderung wahrgenommen. Dass das „ein wenig geistesgestört“ ist und einer „Gehirnwäsche“ nahe kommt, sagen sie selber. Trotzdem halten sie sich mit Selbstbeschwichtigungsformeln und Tunnelblick auf ihrem „aktionslevel“.

Kathrin Röggla, geboren 1971 in Salzburg, ist schon in Büchern wie „irres wetter“ oder „really ground zero“ als genaue Beobachterin von Sprach- und Verhaltenscodes aufgefallen. Für „wir schlafen nicht“, wovon es bereits eine Hörspiel- und eine Theaterfassung gibt, hat die in Berlin lebende Autorin etwa 30 mehrstündige Interviews mit Consultants, Coaches, Managern und Programmierern geführt.

Ach, welche Düsseldorfigkeit

Die gesammelten Äußerungen hat sie montiert und verfremdet. Fast alles spielt sich in indirekter Rede ab, manchmal versehen mit Regieanweisungen. Und oft ist es nicht eindeutig einer bestimmten Person zugeordnet. Entstanden ist eine Collage aus hektischen Monologen, dramatisch aufgebaut und rhythmisiert, mit Ironie und Sprachwitz, und mit Wortschöpfungen wie „businessclass-gefliege“ und „düsseldorfigkeit“ mehr Kunst- als Alltagssprache. Die sprachliche Verdichtung bewirkt eine unheimliche Beschleunigung des Erzähltempos, das Rögglas konsequente Kleinschreibung zusätzlich vorantreibt. Während das Stimmenwirrwarr anschwillt, verstärkt sich der Eindruck, die Figuren drehten sich auf einem Karussell der Selbstbezüglichkeit. Ihre Individualität fällt den Überblendungen der O-Töne zum Opfer. Man sieht die Figuren nur durch die Schablone ihrer Sprache: Charaktere, die sich bald nicht mehr auseinander halten, weil alle gleich denken und gleich reden. „wir schlafen nicht“ ist subtiler gemacht als etwa Rolf Hochhuths Kapitalismus- und Klassenkampf-Lehrstück „McKinsey kommt“. Was aber am Ende bleibt, die Kritik am Neoliberalismus, ist genauso eindeutig und genauso wenig überraschend. Dass Rhetoriken die Wahrnehmung bestimmen, wird überzeugend durchgespielt, aber über die Wirtschaftswelt erfährt man nichts Neues jenseits des Klischees.

Ein „content-community-commerce-schatten“ holt zum Schluss dennoch alle ein, die Fragerin wie den Leser. Und die „wiederbelebung“ im letzten Kapitel könnte genauso gut der Auftakt zur nächsten Runde sein. Sind die Werte und Normen einer Key Account Managerin oder eines IT-Supporters nicht längst bei jedem angekommen? Schließlich wird man, das hat Kathrin Röggla schon in ihrem ersten Roman „Abrauschen“ geschrieben, „stets mitgerissen von seiner Zeit, da kann man nicht stehenbleiben und sich raushalten, Überblicksposition bewahren oder sich gar drüberbeugen über das Geländer und in die Tiefe sehen.“


Dieses Buch bestellen Kathrin Röggla: wir schlafen nicht. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 220 Seiten, 18,90 €.

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