Zeitung Heute : Computer-Feuerwehr im Dauerstress - Experten haben Hochkonjunktur, spezielle Versicherungspolicen gibt es nicht

Wenn Tausende von Menschen am ersten Arbeitstag im Jahr 2000 morgens ihre Computer anschalten und alles funktioniert, hat Wolfang Albert seine Arbeit gut gemacht. Seit zwei Jahren reist der 31-jährige Computerspezialist durch die Welt, um Flughäfen, Banken und Versicherungen vor dem berüchtigten Jahr-2000-Fehler im Computer zu retten. "Feuerwehrleute" wie er haben kurz vor dem Stichtag am 1. Januar Hochkonjunktur. "Silvester wird sich zeigen, ob sich die harte Arbeit der letzten Monate gelohnt hat", sagt der Experte der Darmstädter Software AG.

Je näher der Datumswechsel rückt, desto größer wird der Stress für den Diplom-Ingenieur. "Jetzt beginnt bei vielen Firmen das große Zittern." 200 Überstunden hat Albert seit Anfang des Jahres angesammelt. "Ich arbeite in der Woche in Hamburg und fliege nur am Wochenende kurz nach Hause", erzählt der Darmstädter zwischen Flughafen und seinem aktuellen Einsatzort in der Hansestadt. Freunde und Bekannte kämen bei dem Arbeitspensum natürlich zu kurz. "Vor allem für Kollegen mit Familie ist die Situation momentan unheimlich belastend", sagt der Junggeselle.

1997 hatte Albert in einem zehnköpfigen Team angefangen, Kunden der Software AG gegen den Jahr 2000-Fehler fit zu machen. Wegen der großen Nachfrage ist die Zahl der Mitarbeiter inzwischen fast verdreifacht worden. Aber immer noch sind die Auftragsbücher der Computerexperten voll.

Gerade die Anfragen aus dem Ausland häuften sich momentan, der Zeitdruck wachse mit jedem Tag. Vor kurzem war Albert 14 Tage im Mittleren Osten, um einen Flughafen und eine Bank zu betreuen. Von Heiligabend bis zum 14. Januar ist eine 24-Stunden-Bereitschaft eingerichtet. "Da sind wir bei Bedarf auch an Feiertagen bei den Kunden vor Ort oder programmieren per Laptop von zu Hause aus. Für Weihnachtsstimmung und Gemütlichkeit bleibt unter Umständen keine Zeit."

Der Arbeitgeber versuche die Belastung durch flexible Arbeitszeiten und finanzielle Beteiligung auszugleichen. Auch der Betriebsrat sei mit der Ausnahmeregelung einverstanden. "Jeder, der unter diesen extremen Bedingungen arbeitet, macht das freiwillig. Niemand wird gezwungen."

Aber auch wenn die Suche nach dem Jahr-2000-Fehler abgeschlossen ist, bleibt für den Computerfreak Albert wenig Zeit zum Ausspannen. Die Projektgruppe wird dann umbenannt und mit neuen Aufgaben betraut. "Dann wartet mit der Umstellung auf den Euro die nächste Herausforderung auf uns." Die Versicherungsbranche gibt sich angesichts des Jahrtausenwechsles derweil gelassen. Er blicke "gedämpft optimistisch" auf eventuelle Versicherungsansprüche durch Computerfehler beim Wechsel ins Jahr 2000, sagte der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), Bernd Michaels, am Freitag in Frankfurt.

Der GDV-Präsident fügte hinzu, spezielle Policen für ein "Jahr-2000-Problem" gebe es nicht. Dies sei auch gar nicht möglich, weil weder die Versicherer noch die Kunden die Risiken genau abschätzen könnten. Er räumte ein, dass die Gefährdungen durch Computerfehler beim Datumswechsel nur zum Teil abgedeckt seien. Die bestehenden Haftpflicht- und Unfallversicherungen hätten nur eine begrenzte Reichweite. Der GDV habe daher in den vergangenen Monaten verstärkt versucht, seine Kunden dazu zu bewegen, mögliche Risiken selber auszuschließen.

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