Zeitung Heute : Computer-Techniker im Test: "Bitte schalten Sie Ihren Rechner aus"

Jochen Reinecke

Die Scheibe Brot fällt immer mit der Marmeladenseite auf den Boden. Das ist ein Naturgesetz, genauso verlässlich wie die Tatsache, dass Computer immer zur Unzeit kaputt gehen. Was also tun, wenn der PC streikt? Man ruft den PC-Notdienst. Zum Beispiel "Homejumper". Jenen Service, der durch den TV-Spot mit Fußballstar Andrej Schewtschenko von sich reden macht.

Dazu haben wir zwei Rechner mit insgesamt drei Fehlern unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade präpariert. Bei einem betagten Notebook unter Windows 3.11 haben wir die "autoexec" - Startdatei gelöscht. Das bewirkt, dass der Computer mit Fehlermeldungen hochfährt und außerdem nicht, wie üblich, Windows 3.11 automatisch startet. Ein weiterer Rechner wurde präpariert, indem im BIOS das Diskettenlaufwerk abgemeldet wurde, was unter Windows98 zu der irreführenden Fehlermeldung "Ihre Diskette ist nicht formatiert" führt, wenn man versucht, ihren Inhalt zu lesen.

Weiterhin wurden bei der installierten Textverarbeitung Winword über die Funktion "Extras/Anpassen" mehrere Standard-Menüpunkte der Textverarbeitung entfernt, darunter der Punkt "Datei öffnen". Dieser Fehler ist schwer zu finden - aber leicht zu beheben. Es genügt, die Standard-Dokumentvorlage zu löschen und Word neu zu starten. Word erzeugt eine neue, richtige Standard-Dokumentvorlage mit vollständigen Menüs.

Sodann haben wir bei homejumper.de unter einer kostenlosen 0800-Nummer angerufen und einen "Hausbesuch" für den Folgetag um 19 Uhr erbeten. Auf Wunsch hätten wir auch einen Termin innerhalb von zwei Stunden haben können, aber das hätte einen Expresszuschlag von 50 Mark gekostet. Um reale Bedingungen zu simulieren, haben wir den Dienst nicht in die Redaktion, sondern zu einer Privatanschrift geordert. Freundlich bekamen wir den Termin wenig später per Rückruf bestätigt. Die Kosten wurden mit 99 Mark pro Stunde zuzüglich Anfahrtsgebühr von 20 bis 90 Mark angegeben.

Am nächsten Tag klingelt es, kurz vor Sieben. Wir teilen dem Techniker mit, er habe eine Stunde Zeit, damit die Kosten im Rahmen bleiben. Was bis dahin nicht repariert sei, werde später ein computertechnisch versierter Bekannter erledigen, der gerade in Urlaub ist. Der ausgesprochen freundliche Mitarbeiter lässt sich auf diesen Handel ein und macht sich ohne Umschweife direkt an die Arbeit.

Den Fehler im Notebook, die fehlende Startdatei, bemerkt er sofort und rekonstruiert aus einer alten Sicherungskopie, die noch auf dem Rechner gespeichert war, eine neue. Diese von uns frisierte Kopie ist jedoch auch fehlerhaft. Sie verweist auf Zusatzgeräte, die nicht mehr am Notebook angeschlossen sind, aber dieser Fehler wird ebenfalls schnell behoben. Sorgfältig prüft der Techniker, ob der Computer nun einwandfrei läuft - fertig in knapp zehn Minuten. Also auf zum nächsten PC.

Die Fehlermeldung beim Versuch, die Diskette einzulesen, führt den Techniker wie erwartet aufs Glatteis. Er vermutet ein Treiberproblem und prüft demzufolge in der Systemsteuerung, ob hier etwas faul ist. Ist es aber nicht. Dann wird die Spur heißer. Er bootet den Rechner neu und schaut im BIOS, ob hier alles seine Richtigkeit hat. Auf seine Frage, ob wir etwas im BIOS verändert haben, antworten wir - nicht wahrheitsgemäß - mit "Nein". Daher schaut er nur oberflächlich drüber und merkt zunächst nicht, dass wir manipuliert haben. Sein Verdacht: Womöglich ein abgerutschtes Daten- oder Stromkabel am Laufwerk.

Schnell schraubt er den Rechner auf und überprüft den Sachverhalt, ohne Ergebnis. Also doch noch mal ein Blick ins BIOS. Nun bemerkt er den Fehler und korrigiert die BIOS-Einstellung. Nach knapp 20 Minuten ist der Fehler behoben. Das ist in Ordnung, denn wir haben auf seine explizite Frage nicht wahrheitsgemäß geantwortet. Trotzdem muss ein PC-Techniker mit so einem Kundenverhalten rechnen, denn viele Kunden geben alleine aus Unwissenheit nicht immer die richtige Antwort. Außerdem kann ein PC, der länger nicht an einer Steckdose angeschlossen war, die BIOS-Daten auch ohne Manipulation partiell oder ganz verlieren.

Nun konfrontieren wir den Techniker mit den fehlenden Menüpunkten in Winword. Er gibt ehrlich zu, so etwas habe er noch nie gesehen. Trotzdem schaut er richtig unter dem Menüpunkt "Symbolleisten/Anpassen", wo er die Werte auf Standardeinstellungen zurücksetzt. Das ist jedoch zu einfach gedacht und behebt den Fehler nicht. Sein folgender Vorschlag - Microsoft Word einfach neu zu installieren, was wenige Minuten dauert - ist zwar nicht optimal, aber angemessen, weil eine Neuinstallation in vielen Fällen Fehler schnell beseitigt.

Gemeinerweise besteht der Fehler nach der Neuinstallation immer noch. Kein Wunder, denn die Einstellungen für die Menüs sind in der Standard-Dokumentvorlage eingebettet. Und diese wird bei einer Neuinstallation nicht angetastet. Wir helfen ganz vorsichtig und fragen, ob er nicht nochmal die "Anpassen"-Funktion bemühen möchte. Er schaut erneut nach - und kann dann tatsächlich über dem Umweg "Anpassen/Befehle" die Menüs rekonstruieren.

Nach 45 Minuten sind alle Fehler beseitigt, die Kosten sind mit 144 Mark (99 Mark Lohn und 45 Mark Anfahrt) nicht zu hoch. Teurer wäre es allerdings nach 20 Uhr geworden. Dann kostet die Stunde 149 Mark, wobei im Halbstundentakt berechnet wird. Die mangelnde Routine beim Beheben unseres letzten Fehlers wurde durch die nette Art des Technikers ausgeglichen, der keine unnötigen Dinge versucht hat, um Zeit zu schinden, bei jedem Schritt erklärte, was er tat.

Es gibt rund zwei Dutzend solcher PC-Notdienste in Berlin, darunter nicht nur Datenretter und Virenchecker, sondern auch Allround-Services, inklusive Web-Design. Die meisten arbeiten rund um die Uhr. Außer "Homejumper"-Werbefigur Andrej Schewtschenko. Der kommt auf Anfrage leider nicht persönlich zum Reparieren vorbei, sondern kümmert sich lieber um seinen Wechsel von AC Mailand zu Real Madrid.

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