Zeitung Heute : Computerkids: Anders und anderes lernen

Simone Leinkauf

Kinder am Computer - ein längst ein vertrautes Bild. Immer häufiger finden sich Kinder und Jugendliche vor dem Computer wieder, um nach den Hausaufgaben mit geeigneter Lernsoftware den Stoff zu wiederholen. Die Auswahl, die Kindern und Eltern da zur Verfügung steht, ist kaum noch überschaubar - und sie wird ständig größer: Das englische Marktforschungsinstitut Datamonitor prognostizierte für den europäischen Edutainment-Markt eine Steigerung von rund 200 Millionen Mark auf etwa eine Milliarde Mark im Jahr 2002.

Die größten Wachstumsimpulse sollen dabei neben sinkenden Preisen und einer wachsenden Zahl von Computern in Privathaushalten vor allem von multimedialen Lerntiteln ausgehen. Deutschland stellt dabei mit mehr als einem Drittel den größten Markt. Droht also der Großangriff der Lernsoftware-Verlage auf die heimischen Computer? Schließlich haben nicht nur die Kids, sondern auch Eltern eine Menge zu lernen.

Wer selbst nicht mit dem PC aufgewachsen ist, macht ganz neue Erfahrungen. Längst ist ein großer Teil der weiterführenden Schulen vernetzt, und selbst viele Grundschulen streben den PC im Klassenzimmer an. Da entwickeln sich neue Formen der Wissensvermittlung, von denen heute noch nicht klar ist, wohin sie führen werden. Spürbar ist das für die Eltern schulpflichtiger Kinder vor allem am eigenen Computer, der ständig besetzt ist - und am Geldbeutel: Gute Lernsoftware ist teuer. Da drücken selbst Eltern, die ansonsten die Bildschirmzeit schon mal reglementieren, beide Augen zu: Schließlich soll die teure CD-ROM nicht im Regal verstauben - und zudem lernt der Nachwuchs ja was Sinnvolles.

Den klassischen Nachhilfeunterricht ersetzt aber selbst das beste Lernprogramm nicht: Rechnen üben kann man mit Addy und Co. eben nur, wenn man die Prinzipien der jeweiligen Rechenwege kapiert hat. Dann allerdings macht das Rechnen mit Maus und Joystick erheblich mehr Spaß als mit Bleistift und Papier. Doch was lernt man dann letztendlich am PC? Weshalb landen selbst Kinder, die in ihrer Freizeit niemals freiwillig ein Schulbuch in die Hand nehmen würden, ohne allzu große Gegenwehr vor Mathe-, Deutsch- und Englischprogrammen? Und was bleibt von den Abenteuerreisen mit Addy und Alfons, mit Ponky und Tim im Gedächtnis hängen?

Zunächst einmal ist zwischen einfachen Trainingsprogrammen, in denen Vokabeln gebüffelt werden oder das Einmaleins abgefragt wird, und komplexeren Lernprogrammen, bei denen die Aufgaben in eine umfassendere Geschichte eingebaut sind, zu unterscheiden. Ist im ersten Fall nur die mehr oder weniger interaktive Variante des klassischen Schulbuches das Ergebnis, so vermittelt im zweiten Fall ein gutes Lernprogramm ganz neue Formen des Lernens. Und das macht auch für mittelmäßige Schüler den Reiz aus: Mit Lernsoftware lernt man anders und anderes. Im klassischen Unterricht hat jede Aufgabe eine Lösung - und fertig. Man kann dann noch nachschauen oder vom Lehrer prüfen lassen, ob sie richtig oder falsch ist. Beim Computer eröffnet jede Aufgabe, die korrekt gelöst wurde, einen neuen Bild- und Erlebnisraum. Die kindliche Fantasie, die im konventionellen Unterricht in der Regel auf der Strecke bleibt, wird in den Lernprozess mit einbezogen. Gut gestaltete Lernsoftware macht sich dabei eine Tatsache zu Nutze, die vielen Menschen erst im Erwachsenenalter bewusst wird: Wissen-Wollen ist ganz eng verknüpft mit der Lust auf Abenteuer - und Lernen gehört zu den aufregendsten Abenteuern unseres Lebens.

Was in der Schule oft dröge daherkommt, wird am Computer sinnlich präsentiert: Daten und Zahlen werden in lebendige Zusammenhänge gestellt und gewinnen durch die bildliche Darstellung an Attraktivität. Der Hannoveraner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann geht in seinem jüngsten Werk davon aus, dass der Einsatz von Computern und Internet in Zukunft nicht nur eine zusätzliche Motivation für die Schüler unter Beibehaltung der alten Lerninhalte sein wird, sondern eine fundamentale Neubestimmung dessen erfordert, was Wissen und Denken überhaupt sind. Er spricht von einem "qualitativen Sprung in der Wissensvermittlung" und meint damit, dass Computer eine Vernetzung von Denken, Handeln und Phantasie ermöglichen. Kann sein, dass da in den nächsten Jahren tatsächlich eine radikale Veränderung der Lernmethoden in den Schulen auf uns zukommt - den ersten Schritt machen die Kids jedenfalls zu Hause.

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