Zeitung Heute : Computerviren lassen sich vermeiden. Aber das schadet dem Umsatz (Gastkommentar)

Alexander S. Kekulé

Kaum zu glauben, wie harmlos ein international gesuchter Schwerverbrecher aussehen kann, der in weniger als 72 Stunden rund 10 Milliarden US-Dollar Schaden angerichtet haben soll: Knapp drei Tage nachdem das Computervirus "I love you" das globale Daten-Dorf in Angst und Schrecken versetzt hat, werden ein 27-jähriger, verstört wirkender Filipino und seine Freundin vor den Kameras zum Verhör gezerrt. Sollen das die Super-Hacker sein, die mit einem ebenso teuflischen wie genialen Streich das komplizierte Microsoft-Betriebssystem überlisteten und Tausende von Internet-Sicherheitsexperten als Idioten dastehen ließen?

Die Attacke durch den Computervirus, der wegen seiner unbemerkten Weiterverbreitung zur Untergruppe der "Würmer" gerechnet wird, war tatsächlich verheerend: Etwa 45 Millionen Computer wurden infiziert, auch in angeblich gut geschützten Rechnernetzen wie im Raumfahrtzentrum Houston, bei Siemens oder im Pentagon. Nach dem Öffnen der vermeintlichen Liebesbotschaft überschreibt "I love you" alle möglichen Dateien auf der Festplatte - Lieblingsspeise des gefräßigen Wurms: Musik- und Videodateien wie mp3, wav und jpeg.

Dann wird über den "Internet Explorer" eine eigens eingerichtete WWW-Seite auf den Philippinen angesteuert und von dort ein weiteres Killer-Programm ("Win-bugsfix.exe") heruntergeladen. Damit dieses automatisch startet, werden in der "Systemregistrierung", dem Herz des Windows-Betriebssystems, kurzerhand ein paar Befehlszeilen dazugeschrieben. Schließlich verschickt sich das wanderlustige Programm selbstständig an angeschlossene Diskussionsgruppen und alle in Outlook gespeicherten E-Mail-Adressen.

Was raffiniert klingt, ist in Wirklichkeit für jeden mittelmäßigen Computer-Freak ein Kinderspiel: Windows stellt nämlich die vom Virus für sein Zerstörungswerk benötigten Funktionen selbst zur Verfügung. Um das Internet noch attraktiver zu machen und schicke Sonderfunktionen zu ermöglichen, hat Microsoft die gute alte E-Mail um die sogenannte MIME-Funktion (Multipurpose Internet Mail Extensions) erweitert. Dank MIME können an E-Mails angehängte Programme beim Öffnen sofort starten: Ein lustiger Nikolaus schwenkt die Mütze zu Weihnachtsmusik, ein nützliches Software-Update installiert sich wie von Geisterhand auf der Festplatte und in der Systemregistrierung - oder ein Computervirus vernichtet die Arbeit der letzten fünf Jahre.

MIME und die dazugehörigen Programmbefehle (ActiveX- und VBScripting) können selbstverständlich ausgeschaltet werden - wie das geht, steht irgendwo im 1350 Seiten starken Handbuch für Windows-Programmierer. Trotz jahrelanger Bedenken von Sicherheitsexperten hat Microsoft diese Funktionen im Auslieferungszustand von Windows bisher nicht deaktiviert, da dann all die verkaufsfördernden Spiele, Gags und Vereinfachungen ("Ich bin ja schon drin!") nicht mehr automatisch laufen würden.

Statt dessen warnt Outlook bei verdächtiger E-Mail: "Es ist nicht auszuschließen, dass diese Dateien Viren enthalten oder anderweitige Beschädigungen herbeiführen ..." Experten erkennen an Dateinamen mit Endungen ("Extensions") wie .vbs, .exe und .com sofort, dass es sich um automatisch startende Programme handelt, und löschen sie ungelesen. Die anderen 45 Millionen konnten dem Betreff "I love you", dazu von einem bekannten Absender, jedoch nicht widerstehen. Wie beim Haupt der Medusa genügt dann ein einziger, neugieriger Blick - und der Computer versteinert innerhalb von Sekunden.

Statt noch mehr Multimedia-Gags und Spezialfunktionen einzubauen, sollten diejenigen, die am Internet groß verdienen wollen, zuerst einmal ihre Hausaufgaben erledigen und die alltäglichen Grundfunktionen sicher machen. Der Virus "I love you" ist kein raffiniertes Programm, sondern ein gemeiner psychologischer Trick, der die Überforderung der meisten Anwender mit der anfälligen Microsoft-Software ausnützt. Besonders raffiniert scheinen auch die beiden verdächtigten Filipinos nicht zu sein, falls sie wirklich die Urheber von "I love you" sind: Die Polizei hat ihren Computer durch simple Rückverfolgung der Telefonnummer des Modems identifiziert.Der Autor ist Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aus der Tagesspiegel-Reihe "Was Wissen schafft".

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